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Fluten geschäftige hände die Künste der sankt-Peterskuppel-Beleuchtung nachahmen, die beweglichen Lampenständer auf- und niederschwenkend ... Musik hallt aus den beleuchteten Sälen der illuminirten Villa ... Dann und wann schiesst in die magisch blaue, unendlich weiche, milde Luft schon eine Leuchtkugel, ein mit dem Mondlicht wetteifernder Vorbote des Feuerwerks ... Das ihm aufjauchzende Volk drängt bis an die grosse Sonne ... Von da ab werden nur noch die Mönche und die Träger von privilegirten Büchsen hindurchgelassen ... Todtenbrüder in ihren unheimlichen Hemden fehlen nicht ... Man hatte ausgesprengt, der Cardinal Ceccone spendete heute Gaben im Wert von dreitausend Scudi und die älteren des Prinzen Rucca die nämliche Summe ... Das Gerücht schien sich annähernd zu bestätigen ... Ein Harlekin ergötzte das Volk über das Gitter hinweg durch Würfe von Münzen ... Diese waren freilich nur noch von gebakkenem Zucker, aber eine Tombola war im Gange, bei der einige silberne Uhren ausgespielt werden sollten, ohne dass man den Einsatz bezahltedie Loose wurden über die Häupter hinweggeworfen ... Nächst Madonna Maria ist Fortuna die grösste Heilige in Rom ...

Pater Vincente, Pater Sebastus, Bruder Hubertus wurden durch die Chaine gelassen, die die Soldaten und Gensdarmen zogen ... Man wies sie an ein Seitengebäude, wo vor einer noch geschlossnen Pforte eine förmliche Kirchenversammlung gehalten wurde ... Am heiligen Grab in Jerusalem mag es zur Osterzeit so aussehen, wenn sich die Mönche aller Orden der Christenheit zusammenfinden und je nach Umständen beten, Tauschhandel treiben odersich prügeln ... Die Türken sollen den christlichen "Caricaturen des Heiligsten" mit stillem Lächeln zusehen und abwechselnd bald zum Pfeifenrohr, bald zur Peitsche greifen ...

Klingsohr fühlte heute ähnliche Anwandelungen aus Goete's "west-östlichem Divan" ... Er drängte vorwärts und staunte der Wiederkehr seiner alten göttinger Burschenkraft ... Hubertus warf schon hier einen Kapuziner, dort einen Karmeliter aus dem Wege ... Als die übrigen Franciscaner den heiligen Pater Vincente sahen, fielen sie ehrfurchtsvoll in den Ruf einiger Stimmen ein:

Platz dem Sack von San-Pietro in Montorio! ...

3.

Contessina Olympia Maldachini hatte zwar immer die Villa Rucca nach dem runden und geschweiften Rococostyl ihrer Bauart eine "altbackene Brezel" genannt und damit die empfindlichste Seite der Ruccas, ihrenvon einem Bäcker herstammenden Ursprung berührt ...

Aber die geöffneten Räume der altmodischen marmornen Kommode, das grosse Oval des Saales mit den kleinen Seitenpavillons und den nach hinten hinausgehenden Terrassen, die fast noch eine Ausdehnung des Saales schienen, boten doch darum einen glänzenden Anblick ...

Ein solches fest, wo das Auge unter Lichtern, Blumen, Statuen nicht mehr herausfindet, ob der Fuss innerhalb oder ausserhalb eines Saales, in geschlossenen Räumen oder auf Veranden und Altanen verweilt, kann man nur im Süden feiern ... Die Gunst des himmels muss eine sichere sein; kein Wölkchen darf das Vertrauen auf die Mitwirkung der natur zur Lust der Menschen stören ...

In dem Saal, in den Nebenzimmern, auf den mit blendend weissen, silber- und krystallstarrenden Tafeln geschmückten Terrassen wogten einige Hundert der vornehmsten Gäste mit glänzender Dienerschaft ... Männer und Frauen in den reichsten Toiletten ... Die Römerinnen der hohen Aristokratie hie und da imposant; aber bei weitem die Mehrzahl doch nur zierliche, kleine, ja nicht selten verkommenere Gestalten, als die majestätischen, die unsre Phantasie in Römerinnen erwartet ... Auch die Männer sind nicht das, was wir von den Nachkommen der Scipionen erwarten ... Der junge Principe Rucca, in seiner roten, goldgestickten päpstlichen Kämmerlingsuniform, der glückliche Bräutigam, der wirklich, wie ein Pasquill sie nannte, die "Katze Olympia" leidenschaftlich liebte, braucht dabei nicht mitzuzählen; noch weniger sein Vater, der immer wie ein alter schäbiger, heute einmal ordentlich gewaschener und lächerlich bunt ausgeputzter Bewohner des Ghetto aussieht ... Aber selbst Principe Massimo, der Nachkomme des Quintus Fabius Maximus Cunctator, der auf Napoleon's ironische Frage: Stammen Sie wirklich von diesem glücklichen Gegner des Hannibal her? stolz erwiderte: Das weiss ich nicht, Sire, aber man glaubt es von unserm Geschlecht bereits seit eintausendzweihundert Jahren! (eine Antwort, die nach Klingsohr's Auffassung der "Heiligen Treppe", vor der alles Volk im Vorübergehen knixte, Rom und der römische Glaube auf alle Zweifel an seine Reliquien geben darf – "Sind diese K n o c h e n nicht echt", schrieb Klingsohr schon zur Zeit des Kirchenstreites, "so ist doch durch sein hohes Alter der Glaube an ihre Echteit ehrwürdig") – – Principe Massimo ist ein kleiner, feiner diplomatischer Herr, der mehr der Sphäre der Abbés, als der Imperatoren anzugehören scheint ... Da wandeln die Borghese, die Aldobrandini ... Gegen frühere Geltung sind es herabgekommene Namen, wenn auch immer noch so stolze, dass sie hier vielleicht nicht anwesend wären, schwebte nicht der Alter Ego des Stellvertreters Christi, Cardinal Don Tiburzio Ceccone, wie ein Apoll von sechzig Jahren durch die Reihen, lächelte bald hier, bald dort, stellte, als wäre er der Wirt, neue Mitglieder des diplomatischen Corps den Damen vor, begrüsste junge Prälaten, die sich eben erst in die Carrière mit einigen Tausend Scudi eingekauft haben, neckte die Damen ... Diamanten und Bonmots blitzen ... Die seidenen Gewänder streifen