er aussprach:
Hier dies kleine armselige Kreuz! Hier hätte Miche Angelo einen seiner Giganten herstellen sollen! So gross, so hoch, wie der Koloss von Rhodus! Bis an die obersten Sitze hätte der blick eines Daniel reichen müssen, zu dessen Füssen die besänftigten Löwen sich schmiegten! Niederbohren musste der Prophet mit dem Busch seiner Augenbrauen die wilden Tiere auf dem blutigen Sande um sich her und – die Tiere in den Herzen dieser Zuschauer! ... Marcus der Evangelist, der die Bibel emporhält, hätte wie ein Geisterbeschwörer stehen müssen, sein aufhorchender Löwe neben ihm, auch gebändigt, auch in die Falten seines Gewandes scheu sich schmiegend! Was soll dies kleine Kreuz! ...
Hier möchte' ich im Chor singen! sagte Hubertus ... Er übte seine stimme so laut, dass es weit dahinschallte ...
Pater Vincente verstand sein deutsch gesprochenes Wort, nickte und entgegnete, das geschähe hier alle Freitage – von den Kapuzinern ... Zeigte er dabei auf die Fenster hinauf mit dem vom Nachtwind leise bewegten wildwuchernden Gebüsch, auf den Mond, der hinter den Oeffnungen bald hervorblitzte, bald sich versteckte – und dann sie selbst in der Mitte des riesigen Baues beleuchtete, wovon sie Schatten warfen wie – "kleine bucklige Gnomen", so war dieser Vergleich aus Sebastus' mund die von ihrem Führer wohl kaum verstandene – ironische Antwort ...
Die Wanderer wandten sich der Eingangswölbung zu ... Klingsohr fand sich allmählich zurück in seine Gegenwart; sie näherten sich heiligen Stätten ... Sie bestiegen einen aufwärts gehenden Weg und kamen in eine Art Vorstadt, an deren äusserstem Ende einer der drei Paläste der Stellvertreter Christi liegt, der Lateran. In alten zeiten als Burg der dreifachen Krone hervorragend vor Quirinal und Vatican, erhält sich der Lateran jetzt nur noch in seiner Autorität durch die Gerechtsame, die nebenan auf der ältesten Pfarrkirche Roms, sankt-Johannes, ruhen, auf dem Heiligtum des grössten der von Tiebold de Jonge einst so kritisch beurteilten Kreuzessplitter, auf der Platte, auf der einst das Abendmahl eingesetzt wurde, auf dem Heiligtum jener hier aufgestellten "Heiligen Treppe", an deren Fuss Petrus den Herrn verleugnete ... Sonst ist hier alles am Tag so still und öde, wie ein Sonntagsnachmittag in einer kleinen Stadt – in dieser Nacht rauschte ein buntes, bewegtes Leben ...
Alles drängte dem Tor zu, vorüber am Obelisken des Constantin und zur Strasse, die hinaus nach Albano führt ... Militär sprengte dahin, um die Ordnung zu erhalten ... Wagen in grotesker Vergoldung, mit Bedienten, die hier dem neuesten englischen Geschmack, dort der Rococozeit angehörten, folgten sich einander – jetzt schon in langsamerer Fahrt ... Auf den Trottoirs und die langen Mauern der Vorstadtgärten entlang drängten die Bürger in ihren kurzen Jakken und Manchesterhosen, die kurzen Mäntel übergeworfen, weisse Hüte oder bunte Mützen auf den unrasirten braunen Köpfen ... Die Frauen selten noch in der Tracht der alten Zeit ... Englands Baumwolle hat die bunten Nationaltrachten schon aus Sicilien und Griechenland verjagt; die gelben Mädchen der Hindus gehen in Kattunröcken unsres Schnitts ... Nur der Kopf bleibt noch zuweilen national; hier war das dunkelschwarze Haar der Römerinnen schön geflochten, geziert vom bunten Kamm, vom silbernen Pfeil; selbst der Matrone wirres und weisses Haar blieb nicht ohne Schmuck ... Würde und Selbstbewusstsein liegt im festen gang aller dieser dicken Krämer und Wurststopfer ... Von den ausgelassenen Spässen, mit denen sich bei solchem Anlass jenseits der Berge die Volksmassen geneckt haben würden, fand sich wenig Spur ... Kein Anschluss; Jeder für sich ... Die Erwartung galt der "Girandola", dem Anblick der geputzten Herrschaften, den ausgeworfenen Zuckerspenden und Schaumünzen ... Höflich bog man dem schwarzen Rock des Augustiners aus, der braunen Kapuzinerkutte, der weissen Schnur des Franciscaners, dem grauen Rock des Karmeliters, dem weissen des Dominicaners ... Alle diese kamen mit Körben und Säcken, mit riesigen Kannen sogar, ohne die mindeste Rücksicht auf lächerliche Störung ihres malerischen Effects ... Italien hat seine eigne Aestetik ... Es besitzt Raphael – aber ein Offizier mit einem Regenschirm – ein Dorfpfarrer auf einem Esel – und zwei Reiter zugleich auf Einem Pferde erscheinen ihm nicht im mindesten lächerlich ...
Die herrlichen Gärten dann ... Leider nur mit hohen Mauern verschlossen, wie überall in Italien ... Hängen die Jasminkronen auch nicht herüber, so erfüllen sie mit ihrem Duft die Strassen um so ahnungerwekkender ... Da und dort zeigt sich denn auch wohl in den neidischen Mauern ein kleiner eiserner Ausbruch, durchzogen von blühenden Rosenranken oder purpurroten Asklepiadeen ... Jenseits des Tors schweift der freie ungehinderte blick auf die im blauen Licht schimmernde Campagna, auf die Gebirge; nun zur Rechten liegen Villen und Gärten, die sich an die des Lateran anlehnen ... Die fünfte oder sechste darunter ist die heute an einer bunten Illumination weitin schon kenntliche, vom Volk umwogte Villa Rucca ...
Vier mit blauen, roten, gelben, violetten Lampen geschmückte Obelisken bilden die Eckpfeiler am heute geöffneten Eingangsgitter ... Die hohe Gartenmauer ist mit einer flimmernden Guirlande von Hunderten kleiner Flammen geziert ... Im Garten vor der beleuchteten Villa brennt eine riesige Sonne, rings umgeben von den kostbarsten Südpflanzen ... Perspectivisch berechnet, am Ende einer schimmernden Ahornallee glänzt ein sichelförmig niedergleitender Wasserfall, hinter dessen krystallnen durchsichtigen