gedachte er Löb Seligmann's, dessen physische Kraft zum Streichen der Ziegel für diesen Riesenbau in keinem verhältnis gestanden haben würde – als er Veilchens gedenken musste ... Veilchens, die ihm einst bei seinen Besuchen in der Rumpelgasse gesagt hatte: "Sie sind ein Mensch der Selbstqual, der Reue, des Gewissens – ewig wird's Ihnen gehen, wie's dem Kaiser Titus ging, als er Jerusalem zerstört hatte! Da ist Titus zu wasser gegangen mit seiner siegreichen Armee und ein Sturm zog herauf und die gefangenen Juden triumphirten, weil sie dachten, Gott hätte seine Rache auf das Meer aufgespart. Und Titus bekam Angst, spottete und sprach: Zu Land ist Adonai schwach, aber zu wasser – da kommt er, scheint es doch, dem Neptunus gleich! Wahrlich, spottete er, Adonai hat die Sündflut befohlen, er hat die Aegypter im Roten Meer ersäuft, er hat den Sissera am Strom Kischon geschlagen, er wird auch für Jerusalem seine Rache nehmen auf dem Mittelländischen Meer! ... Da aber ist gekommen eine stimme aus dem Himmel und hat dem Spötter gerufen: Titus, Titus ich habe Jerusalem untergehen lassen wegen seiner Gottlosigkeit! Weil du aber meiner Langmut spottest, so sollst auch du meine Macht kennen lernen, aber – zu land! Das Meer ward da stille und Titus betrat unter dem Jauchzen des volkes das feste Land. Wie er recht von Herzen über den Judengott lachte, flog ihm in die Nase eine Mücke, wie sie nur auf dem land vorkommt, und bohrte sich tief in sein Gehirn. Sieben Jahre hat Titus davon die schrecklichsten Schmerzen im Kopf gehabt, denn die Mücke starb nicht, sondern sie wurde immer grösser und sie summte bei Tag und bei Nacht. Einst ging er bei einem Schmied vorüber. Bei den Ambossschlägen hörte die Mücke zu summen auf. Da stellte sich Titus dreissig Tage an den Amboss und die Mücke schwieg. Am einunddreissigsten aber fing sie wieder zu summen an; sie hatte sich an den Hammerschlag gewöhnt und Titus musste sterben. Als sie sein Gehirn aufmachten, kam ein Tier zum Vorschein, so gross wie ein Vogel. Der Mund war von Kupfer und die Füsse waren von Eisen – –" Nun schloss die Spinozistin: "Dass Sie sind katolisch und ein Mönch geworden, Herr Pater, das ist bei Ihnen die Schmiede gewesen und die Mücke ist nun auch vielleicht dreissig Tage still ... Aber ich will nicht wünschen, dass sie am einunddreissigsten wieder lebendig wird!" ...
Wie wurde sie aber schon so oft so lebendig! ... Schon damals wurde sie's beim Schweigen, das der Kirchenfürst dem Pater als Busse auferlegt hatte, beim Begegnen Lucindens in der Katedrale ... Nun all dies Grosse und Majestätische Roms! ... Und wenn auch Klingsohr damals zu Veilchen sagte: "Jehova rächte sich allerdings an den Römern zu W a s s e r – durch die T a u f e !" – wie summte ihm doch die Mücke jetzt und wisperte: Ist Golgata die Welt? Haben die alten Götter keine Rechte mehr? ...
Klingsohr schritt dahin, fast wie einst in Göttingen, wenn er die Titel der hundert Bücher auf den Lippen führte, "die er schreiben wollte" ...
Pater Vincente, in dessen Seele es still und ruhig schien, lenkte zum Coliseum ein ... Er betrat es, den fremden armen Gefangenen zu Liebe ...
Wäre die Nacht nicht so hell und belebt gewesen, so würde dies mächtige Rund den Eindruck eines Schlupfwinkels für Räuber gemacht haben ... Es liegt so einsam – umwuchert von wildwachsenden büsche, die oben aus den Fenstern herausbrechen; die Vegetation hat seit tausend Jahren in allen Stockwerken bis zur obersten Galerie Platz gegriffen ... Die Bogengewölbe, die geborstenen Säulen, die zertrümmerten Rundmauern waren im Mondlicht wie die Erscheinung eines Traums ... Von Luft und Licht gewoben schien dies Bild eine märchenhafte Täuschung ... Aber sicher, fest und natürlich widerhallte Schritt und Gespräch unter der Bogenwölbung des Eingangs; nur zu deutlich sah man drinnen die Sitze, von denen herab Tausende auf Menschenkämpfe einst blickten mit jenen Tieren der Wüste, die hinter den eisernen Gittern da geborgen und durch Hunger zur Wut gereizt wurden ... In der Mitte steht zur Entsühnung solcher Erinnerungen an den tiefsten Verfall der Menschheit ein kleines Kreuz ... Rundum ziehen sich die Bilder eines Stationswegs ... Eine Heiligung, die edler gedacht als ausgeführt ist! ... Das sagte selbst Pater Vincente, der niederkniete und einen mit einem Kreuz bezeichneten Stein küsste, auf dem Hubertus mühsam las: "Wer – dies Kreuz – küsst, hat auf ein Jahr und 40 Tage – Ablass." ...
Hubertus folgte dem Beispiel des frommen Paters ... natürlich musste es auch der Mönch Sebastus tun, so wenig die Hoffnung, vierhundert Tage im Fegfeuer Linderung zu gewinnen, in diesem Augenblick seiner Stimmung entsprach ... Die Mücke des Titus schwieg nicht mehr. Er stand nicht mehr an seiner Schmiede ... Es ergriffen ihn die Schauer der Vergangenheit ... Wenn er auch nur des heiligen Augustin gedachte, der seinen Freund Alypius von seiner leidenschaft für Gladiatorenkämpfe hier im Coliseum durch einen plötzlichen Schauer vorm strömenden Blut der sich Mordenden geheilt sah, so mussten ihm wohl seine hohlen grossen Augen rollen und Gedanken kommen, wie der, den