Ulmen auf Schloss Neuhof und noch in Kiel ... Im Professhause der Jesuiten hatte sie dem Gefangenen Bilder einer grösseren Wirksamkeit vorgegaukelt, deren Fernsichten bis nach Rom gingen ... Wo mochte sie wohl jetzt weilen, sie, die in ihren auch im Kloster Himmelpfort später bekannt gewordenen, von der Regierung veröffentlichten Briefen an Beda Hunnius ihr Lebenssymbol nicht selten wiederholt hatte: An der Schwelle der Peterskirche möchte' ich sterben! ... Was alles mit ihr Hubertus in Witoborn vorgehabt, hatte Sebastus von diesem nicht ganz erfahren können ...
Pater Vincente blieb freundlich und milde ... Ging doch auch er mit der mächtigsten, gewiss auch ihm aufwachenden Poesie im Herzen dahin ... Klingsohr hatte das Erlebniss von dem Kuss in der beichte gehört ... Er selbst kannte diese Schemen, die den heiligen Antonius peinigten, nur zu gut ... Und diese Luftspiegelung der erregten Sinne, für die der schöne Jüngling und Mann dort hatte fünf Jahre büssen w o l l e n , vermählte sich heute! ... Er bettelte nun an ihrer Tür! ... Da war ja die Welt Heinrich Heine's, die ihn einst so umfangen gehalten ...
Das kommt, weil man "Madame" tituliret
Mein süsses Liebchen –
Jesus hilf! rief es in Klingsohr's Seele ...
Pater Vincente deutete auf eine rechts sich noch einmal öffnende Durchsicht über die Tiber und auf einen jenseits in den blauen Lüften schwebenden fernen Punkt und sprach:
Das da ist das Asyl der Pilger! Eine fromme Stiftung des heiligen Philippus Neri! ...
Hubertus lachte und drückte spähend seine schwarzen funkelnden Augen zu und hob die Kapuze in die Höhe und sah die so achtbaren Erinnerungen an einen Mann, mit dem er Aehnlichkeit haben sollte ... Und ganz im Neri'schen Geist sprach er in seinem holländischen Deutsch durcheinander, rasch, als wenn Pater Vincente folgen könnte:
Das Haus sieht gross genug aus, um den Seckel der Wirte zu füllen! Ja – wer Gott liebt, dem müssen alle Dinge zum Besten dienen – namentlich die Wohltaten, die er spendet! Pater, wo wir in Italien auch Pilger, die Wallfahrer den Stiftern erst recht das Geld ein. Wie so? Wir sind mit Wallern gezogen, klopften an alle Pilgerasyle und bekamen ein Essen, so schlecht – um sich davon abzuwenden! Aber wir sahen die Oberalmoseniere und Spitalprioren in Kutschen an uns vorüberfahren. Im wald gab es besseres Laub zum Schlafen, als in solchen Pilgerbetten ... In Turin und in Parma flohen die Wallfahrer vor allen heiligen Asylen, weil sie, eben todtmüde angekommen, erst eine Procession durch die Stadt machen sollen, ehe sie zu essen kriegen ... Herrgott, wer vollends, wie wir, die sehnsucht hat, 'nmal eine hübsche Stadt näher zu betrachten, eine Stadt, die man endlich mit müden Füssen erreicht hat, dem schliessen sie die Pforte vor der Nase, wenn er sich auch nur fünf Minuten an einem gnadenreichen Altar verspätete – Campirt draussen! heisst's ... Da lernten wir den deutschen Pilger kennen – Woher kam er doch? Von Castellungo! Der alte Naseweis und Ketzer, aber ein redlicher Mann ... Der sagte uns: Es steht geschrieben: Nächst dem Gebet eines Heiligen ist nichts vor Gott wirksamer, als das Gebet eines Wallfahrers ... Freilich, das war Spott ... Ein andrer Pilger war bereits dreissig Jahre auf dem Wege nach Jerusalem und immer – bei Montefiascone kehrte er um, da, wo der gute Wein wächst – Est! Est! sagte der deutsche Pilger. Sie, Pater Sebastus, wussten gleich ein deutsches Lied darauf, das der andre auch gekannt. Widrige Winde machten nach Jerusalem die Schiffahrt gefährlich! sagte der dicke Pilger nach Montefiascone seit dreissig Jahren. Der Schelm lebte von Hühnern und Gänsen – die man dem ewigen Kreuzfahrer nach dem heiligen Est! Est! nicht freiwillig gab ... Was zu schwer zum Forttragen war, half ihm ein dritter frommer Bruder verzehren, der eine Kette an den Füssen durch Spanien, Frankreich und Italien schleppte ... Nicht dass er von den Galeren kam – wenigstens sagte er's nicht – er kam aus Marokko, wo er der Sklaverei entronnen sein wollte, und das Stück Kette trug er jetzt ordentlich wie seinen – Orden ... Heiland, das Italien ist buntes Land! Haben die Leute nicht falsche Briefe mit grossen Siegeln, wie nur echte Siegel aussehen können! Und wussten sie nicht alle Gebete, die den Seelen der frommen Stifter von Pilgerasylen im Himmel zugute kommen! ... Dort drüben also auch? ... Wird's besser da hergehen? ... Der heilige Philippus hat glücklicherweise das Gebet solcher verdächtigen Kreuzfahrer und erlösten Christensklaven nicht nötig ... Manchmal muss ich dem deutschen Ketzer in seinen Zweifeln an allem von Herzen Recht geben ... Wo mag der Alte im Bart wohl hingekommen sein? ... Ich ziehe in die Katakomben! sagte er immer ... Es klang wie Kyrie Eleison ...
Der "heilige Mynheer", wie Hubertus zuweilen von Sebastus genannt wurde, setzte beim Pater Vincente eine zu grosse Vollkommenheit in der Sprache voraus, die er ohnehin selbst nur mit vielen Freiheiten sprach ... Sein ganzer Ausfall auf die Wohltätigkeitsanstalten der Kirche, die in den Schriften so vieler von Rom Verzauberten