ebenso gelassen blieben, wie sie ihren Zuhörern anempfahlen. erschien ihm die allerseligste Jungfrau, so spie er sie an, und siehe da! es war eine Teufelslarve. Er sagte: Ihm müsste dergleichen viel herrlicher erscheinen! ... Die "V e r n u n f t " in unserer Heiligengeschichte ist noch gar nicht genug geschildert worden ...
So sprach Klingsohr in Himmelpfort – Fast hätte er sich auch in Rom veranlasst fühlen dürfen, wieder an diese alten Vergleichungen zu erinnern ... Hubertus sprach den ganzen Weg bis zum Ponte Sisto, der die Wanderer über die Tiber führte, vor Aufregung alles bunt über Eck durcheinander ... Ja er wagte sich an den Pater Vincente mit der italienischen Frage, nicht etwa wo das Capitol oder das Coliseum oder die übrigen Klöster des heiligen Franciscus lägen, sondern wo er die päpstliche Reiterkaserne finden könnte ...
Pater Vincente zeigte weit weg über die Tiber zur Peterskuppel hin und sprach von einer dort befindlichen Porta Cavallaggieri ...
Nun ereiferte sich Hubertus über den Mangel an Briefkästen ... Und dass auch die Hauptpost nicht einmal des Nachts einen Briefkasten offen hielt, wie ihm Pater Vincente versicherte, rügte er ebenso, wie der heilige Philippus Neri mit den Institutionen von fünfzehn Päpsten, die er erlebt hatte, in stetem demokratischen Hader lag und noch wenige Jahre vor seinem tod und schon im Geruch der Heiligkeit nahe daran war, statt als "heiliger Diogenes in der Tonne" in allerlei römischen Winkeln zu leben, als Staatsgefangener auf die Engelsburg zu ziehen ...
Als Hubertus die Unmöglichkeit, den Brief abzugeben, in deutscher Sprache beklagte, musste er erleben, dass Pater Vincente sich umwandte und mit gebrochenem Deutsch einfiel:
Wisset Ihr denn nicht, dass Ihr keinen Briefwechsel führen dürft? Lasst mich doch nicht zum Beschützer einer unerlaubten Handlung werden! ...
Die betroffenen Mönche erfuhren zum ersten mal, dass Pater Vincente soviel Kenntnisse in den Sprachen besass ... Sie mussten ihren Unterhaltungen einen Dämpfer auflegen ... Hubertus murmelte, verdriesslich über soviel Loyalität:
Sind wir wirklich im land der Mörder und Räuber? ...
So kam er in die andächtig und feierlich gehobene Stimmung Klingsohr's, um den jetzt nur noch bald die Volksstürme der Gracchen rauschten, bald die ersten feierlichen Gesänge der Katakombenkirchen ...
Die Wanderer hatten die innere Stadt betreten, die in ihren lebhaftesten Teilen jeder andern südlichen gleicht und ausser den an den Häusern zahlreich angebrachten Balconen nichts Auffallendes hat. Die "ewige Stadt" zeichnet sich auch sonst am Tage durch ihre Schweigsamkeit aus, die gar nicht mit der lärmenden Weise Südeuropas stimmt. Die herrschaft der Priester bedingt den Ton der Ehrfurcht und Zurückhaltung. Beim ersten Betreten macht Rom einen Eindruck, wie Venedig auf den Lagunen – lautlos gleiten die Gondeln über die dunkle Flut ... Jetzt war nun noch die Nacht hereingebrochen und vollends still lagen die hier so engen, den erwerbenden Klassen angehörenden Strassen und kleinen Plätze. Dunkle Schatten hüllten die verschlossenen Häuser ein. Nur da und dort brach der goldene Strahl des Mondes hervor und gab den schmutzigen Eckgiebeln, den verschwärzten Balconen, hochragenden Schornsteinen eine verklärende Beleuchtung. Die vielen Fontainen Roms belebten die Stille. Fiel der Mond auf die Strahlen und die Bassins, in die jene niederglitten, so glaubte man Büschel von Gold- und Silberperlen zu sehen. Oeffnete sich ein grösserer Platz und zeigte eines der hohen Staatsgebäude, eine der Kirchen oder einen der in dieser Gegend seltenern Paläste, so sah man die Giebel, Türme und Kuppeln in um so magischerem Lichte, als die Dunkelheit der Schatten daneben den Glanz derselben erhöhte. Dazwischen durfte das Auge dann und wann glauben, Schneeflocken auf den Höhen zu sehen. Das war dann weisser Marmor, ahnungerweckend aufblitzend ...
Klingsohr sah wie zum zweiten mal geboren um sich ... Die Erinnerungen umkrallten ihn riesig, als Pater Vincente, der sein hartes Wort wieder gut machen zu wollen schien, Erläuterungen zu geben begann ... Da sagte der sanfte Führer auch unter anderm auf ein wüstes Gewirr von Häusern zur Linken zeigend:
Der Ghetto der Juden! ... Die "Rumpelgasse" Roms! ... Ob auch hier, wo eine Nachtigall so mächtig schlug, wo die Fontana Tartarughe so traulich plätscherte, wo am Mauerwerk wie verstohlen eine schwarze Cypresse hervorlugte, ein Veilchen Igelsheimer leben mochte? ... Ob auch hier die nächtliche Vertauschung einer Mönchskutte möglich war gegen einen Ueberrock, mit dem ein toller Mönch in die Teater Roms lief? ... Lucinde huschte für Klingsohr schon lange, lange am Wege ... Da gab es schon so manchen schönen Kopf mit aufgelöstem Haar an einem Fenster, ein Mädchen, das eben schelmisch noch einmal den Mond anguckte und dann erst zu Bett gehen wollte ... Da tönte eine Guitarre ... Da scholl aus einer Schenke ein Jauchzen – das Schreien beim Morraspiel ... Jesus, mein Feldherr! musste schon der ewige Fahnenflüchtling rufen ... Lucindens Gestalt begleitete den so tief Verkommenen in jeder schönen Situation, ihn, den wie der Brief zeigte, den er in seiner Kutte trug, die trübste Lebenserfahrung schon so tief gedemütigt, ja zu der ihm sonst nicht eigenen Verstellung gebracht hatte ... Wie oft hatte nicht Lucinde, wenn Jérôme von Wittekind sie im Latein unterrichtete, von Rom gesprochen und ihm was sie gelernt wiedererzählt bei ihren Stelldicheins hinterm Pavillon unter den alten