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wir in der Nähe des Kerkers, den der selige Bartolomäus von Saluzzo zehn Jahre lang innehatte ... Aber die Krone des himmels zu gewinnen wird, ach! zu mühselig für die schwache Kraft unsrer Sterblichkeit ... Hochgnädigster Herr Bischof! Wir schöpfen wohl Mut aus dem Vorbild der Märtyrer und heiligsten Apostel, aber unsere Kräfte schwinden, unsere Hoffnungen auf die Macht der Wahrheit erlöschen, zu schwer für menschliche Schultern ist, was wir seiter erlitten! ... Von dem unterzeichneten Pater Sebastus, hochgnädigster Herr Bischof, wissen Sie aus einer denkwürdigen Stunde mit dem gefangenen Kirchenfürsten, dass er die Rettung seiner Seele dem 'Bruder Abtödter' verdankt, der im Gegenteil im Lebendigmachen sich auch hier schon mannichfach bewährt hat. O dass ich in einem einfachen, schlichten Menschen mehr fand, als in meinen weiland Genossen, Hochgebildeten, die mich durch die sophistische Moral der heidnischen 'glänzenden Laster' zum Tödten eines Mitmenschen, Ihres Verwandten, reizen konnten! Hubertus hat mich oft meilenweit Nachts auf seinen Greisesarmen getragen, wenn wir auf unserer Flucht mit nackten Füssen den Häschern zu entrinnen suchten. Vom Düsternbrook, von der verhängnissvollen blitzzerschlagenen Eiche an bis zu den trauernden Cypressen dieses heiligen sankt-Peter-Kreuzes-Hügels verfolgte uns das Concil von Trident, nach dem 'ein entsprungener Mönch seinem Kloster zurückzuführen ist' ... Wir lebten von Wurzeln und Beeren, suchten die einsamsten Strassen des Rhöngebirges, des Schwarzwaldes und der Alpen auf ... Nie legten wir unser hären Gewand ab, unsers heiligsten Franciscus Ehrenkleid, das ich einst, Sie wissen es, im schnöden Rückfall um jene Lucinde verleugnen konnte ... Nie gönnten wir uns eine andere Erquickung, als unsern blutenden Füssen die kühlende Welle des Waldbachs ... Auf der Schweizergrenze ergriffen uns die durch Steckbriefe aufgewiegelten Häscher ... Nur der Kraft des Bruders Hubertus, die er indessen seinem Gebet zuzuschreiben bittet, gelang es, dass wir aus einer Polizeiwache auf dem Transport entsprangen und uns drei Tage und drei Nächte, dem Verhungern nahe, unter dem Heu einer Scheune verbargen ... Zu unserm Uebergang über die Alpen wählten wir die einsamste Strasse, die des Grossen St.Bernhard ... So verschmachtet und verkommen waren wir, dass wir den Gerippen glichen, die dort von verschütteten Wegwanderern aufbewahrt werden" ... (Sebastus ahnte nicht, wie gerade diese Worte auf Bonaventura wirken mussten, wenn er den Brief empfing!) ... "Nur die Hoffnung auf Rom belebte uns ... Rom! Rom! rief es in unsern Herzen und gestärkt erhoben wir uns, wie verschmachtete Kreuzfahrer einst mit dem Feldruf:

Jerusalem! ... Aber auch in diesen heissersehnten Gefilden verfolgte uns die Hand des Paters Maurus. Jedes Kloster unsers Ordens drohte zum gefängnis für uns zu werden. In den Reisfeldern Pavias, wo wir uns in giftigen Sümpfen verstecken mussten, ergriff mich das Fieber. In der Nähe jener prachtvollen Certosa, einer architektonischen Wunderblume deutscher Baukunst in einer Oede voll Trauer, trauriger als die Fieberkrankheit, glaubte ich zu sterben. Mein zweiter Vater rettete mich und der innere Stern des Morgenlandes schimmerte wieder am Wege ... Rom! rief es von unsichtbaren Geistern, in die zuletzt wirkliche Stimmen, die Stimmen der Pilger einfielen, denen wir uns anschlossen ... Alle meine Gräber öffneten sich in meiner öden Tannhäuserbrust ... Leiche auf Leiche erhob sich ... Die Wissenschaft, die Kunst, die Philosophie, die seraphische Liebealles wachte auf in dieser sehnsucht nach Rom! ... Ich fühlte unendliches Leben in meinen Adern ... Wir kamen ein kahl Gebirge, die Apeninnen, hinauf und sahen das MeerZum zweiten male sah ich's und mein Führer kannte es von Indien ... Was blieb da noch die Ostsee! Nussschaale gegen einen Betesdateich! – Dort, dort lagen Afrika, AsienHannibal stieg mit uns nieder, Scipio kam von KartagoHinan! Hinan! ... So wanden wir uns drei Wochen durch Etrurien hindurch nach dem Sanctum-Patrimonium ... Mit den Pilgern, mit manchen Verbrechern, mit denen uns die Nachtwanderung vereinigte, hofften wir: Rom ist die Stadt der Gnade! ... Ein Pilger rief: Rom ist mit Ablässen gepflastert! Ich verzieh einem Mund, der dem natürlichen jubel des frommen Entzückens erwiderte: Noch mehr, denke' ich, dein eigen Herz! – Diese Denkerphrasedeutsch gesprochen! Ich verzieh dem Sprecher, weil er ein Greis war" ...

Hubertus hielt hier einen Augenblick inne ... Dieses greisen deutschen Pilgers hatte er oft gedacht ... Auch ihm und Klingsohr war er streng gewesen; aber eine verklärte und wieder andere verklärende natur bei alledem ... Wo mochte wohl dieser Reisegefährte weilen! ...

Dann fuhr Hubertus zu lesen fort:

"Wir mussten mit den andern oft in den Felsen schlafen, vermieden die grossen Städte, deren Zinnen und Domtürme ich nur fernher aufragen sah, wie die Märchenerinnerungen meiner Jugend ... Parma! Florenz! Siena! Welche Klänge! ... Aber in Höhlen, oft zu Räubern, mussten wir flüchten, bis wir endlich in diesem öden Kesseltal ankamen, das Euch die 'wüste' Campagna heisstDie wüste! Ihr leipziger Nationalökonomen, ein H i r t e n l a n d musst' es ja sein, wo wieder die Krippe