.. Er wollte noch eine Weile sich ruhen, den Brief dann siegeln, mitnehmen und irgendwie suchen "der Post beizukommen", – das flüsterte er auf deutsch dem Leidensgefährten ...
Klingsohr hatte Rom, sein ewiges, hochheiliges Rom, bisher nur erst aus der Ferne gesehen ... Er kannte nur seit drei Vierteljahren diesen magischen Anblick zuweilen vom Fenster des Refectoriums ... Nun sollte er im Mondschein zum ersten mal den heiligen Boden betreten ... Die Sonne sank in ihrer goldensten Pracht ... Diesen Anblick hatte er zuweilen an Festtagen gehabt, durch die Olivenbäume des sich vom Fenster des Refectoriums abdachenden Bergabhangs hindurch ... Heute verweilte er länger bei ihm ... Sein dumpf gewordener Geist belebte sich ... Aus den matten Augen glitt ein Schimmer der Erwartung ... An den Bischof von Robillante hatte er geschrieben ... Robillante lag ja da, da, wo die Sonne ebenso schön unterging ... Er wusste, Bonaventura von Asselyn war jener Bischof dort geworden, der hier oben Pater Vincente hätte sein können, wenn er gewollt ... Vincente's geschichte war das grosse Wunder, das man auf San-Pietro jedem erzählte, der etwas länger blieb, als nötig, um die Bilder Sebastian's de Piombo in der Klosterkirche und die alten paolischen Wasserleitungen zu sehen ...
Unbeschreiblich ist die Schönheit des letzten Blicks der scheidenden Sonne Italiens, wenn ihre Strahlen sich zuletzt nur noch leise durch die grünen Zweige der Bäume stehlen ... Ein Olivenwald vollends ist an sich schon zauberisch ... Seine Schatten sind so licht, das Laub ist so seltsam graugrün blitzend ... Und wenn seine Stämme hundertjährig sind, so sind die Gestalten der Zweige und über dem Boden herausragenden Wurzeln so phantastisch, dass sie sich im purpurnen Dämmerlicht der Sonne zu bewegen scheinen wie die Bäume in den "Metamorphosen" Ovid's ... Ein magischer Sommernachttraum gaukelt durch einen solchen uralten Olivenhain ... Sieben, acht Stämme sind zu Einem zusammengewunden ... Wie Polypen von Holz sind sie aufgeschnitten, das Mark ist heraus und nur die Rinde noch zurückgeblieben, aber die trägt die graugrünen Blätterkronen mit den blauen kleinen Pflaumen der Frucht ganz so, als wäre Herz und Seele noch drinnen ... Diese groteske Welt, voll Fratzen, als hätte sie Höllen-Breughel geschaffen, schwimmt nun im Lichte und wird zu purem Golde; die untergegangene Sonne lässt am Horizont einen riesigen Baldachin der glänzendsten Stickerei zurück ... Flimmernde Goldfranzen hängen in Himmelsbreite an violetten und rosa Wölkchen ... Während nach der östlichen Seite hin schon die Nacht urschnell und tiefblau, mit sofort sichtbaren Sternen aufleuchtet, steht noch im Westen diese Phantasmagorie der Farbenmischungen eine wunderbare Weile ... Endlich wird auch sie röter und röter; die goldnen Franzen, die Stickereien von Millionen von Goldperlen erbleichen; dann wird der westliche Himmel dunkelblaurot ... Nun schwimmt der Olivenwald wie in einem Meer von aufgelöstem Ultramarin ... Die Nacht im Osten ist schon tiefschwarz ... Alles das lehrt – Ewigkeit des Schönen ...
In seiner dunkeln Zelle hatte Hubertus heute eine zinnerne Oellampe ... Sie war an sich armselig, aber sie konnte doch in Pompeji gestanden haben ... Der Docht brennt in der Mitte gleichsam eines Tulpenkelches aus vier Oeffnungen ...
Er las jenen Brief, den er mit Pater Sebastus verabredet, um durch Bonaventura's Vermittelung vielleicht für sie beide ein besseres los zu erzielen, als das ihrer durch den Spruch aus Santa-Maria da unten harrte und selbst für den Fall harrte, dass sie sich diesem römischen oder sonst einem Kloster der Alcantariner einreihen durften ...
Der Brief musste so geschrieben sein, dass er im äussersten Fall auch in die Hand des Generals geraten und sie nicht aufs neue compromittiren, nicht zur Fortsetzung ihrer Leiden Anlass geben durfte ...
So hatte denn Dr. Heinrich Klingsohr, weiland göttinger Privatdocent, ganz im gebührenden Ton, wie etwa Pater Vincente getan haben würde, wörtlich an Bonaventura geschrieben1:
"Vivat Jesus! Vivat Maria! Halleluja! Friede sei mit Ihnen, hochwürdigster Herr und hochgnädigster Herr Bischof! Hat unser Ohr recht gehört, so ist ein Wunder geschehen! Hochgeehrtester Herr, Sie verweilen nicht mehr auf deutscher Erde, wo das Salz dumm geworden ist, Sie führen den apostolischen Stab im land der Verheissung! ... Hochgnädigster Herr und Bischof! Wir sind die beiden Flüchtlinge aus dem Kloster Himmelpfort, die wir schon einmal Schutz gefunden durch Ihre gnädigste Frau Mutter, als wir lieber unter den Tieren des Waldes und in einer Hütte von Baumzweigen wohnen wollten, als länger in der üppigen Völlerei der entarteten Minderbrüder des heiligen Franciscus. Lieblosigkeit, Zank, Mangel an gottseliger Gesinnung haben uns von einer Stätte getrieben, wo unser allerheiligster Herr Jesus von seinen eigenen Jüngern täglich noch gekreuzigt wird! In dem grossen Feldzug, den die Kirche gegen den Belial der Aufklärung gerade in unserm Vaterland zu bestehen hat, sind diese Klöster, in denen sich nichts als der Schein der alten Regeln erhalten hat, nur zu Verschanzungen des bösen Feindes nütze. Provinzial Maurus hat an unsern General eine Liste unserer Verbrechen geschickt und so müssen wir denn, da man uns ohne Richterspruch verurteilte, unser sehnsüchtiges Verlangen nach der reformirten Regel der Minderbrüder durch eine Gefangenschaft büssen, die hier auf San-Pietro in Montorio bereits drei Vierteljahre dauert; freilich schmachten