s – an dem Grafen Hugo! ... Er war mit seinem ganzen Dasein zerfallen ...
Den folgenden Morgen hatte er verzweifelnde Briefe an den Onkel, an Benno geschrieben ... Aber er war willens, in die Kirche "Maria Schnee" zu gehen, die alle geistlichen Functionen, Messe, Beichtstuhl, Predigt ihm schon gestattete ...
Dann wollte er nach Schloss Salem fahren und den Grafen dort begrüssen – oder nicht eher weichen, bis er ihn gesprochen, ihm – er hoffte es – Vertrauen abgewonnen hätte ...
Um halb zehn Uhr erhielt er einen Brief vom Grafen selbst ...
Er war datirt aus der Stadt und vom frühesten Morgen ... Man hatte den Brief zurückbehalten, bis Bonaventura sein Zimmer öffnete ...
"Hochwürdigster Herr Domkapitular!" lautete er. "Noch immer ist es mir nicht möglich gewesen, in der Stadt Ihren Besuch zu empfangen und zu erwidern, da ich durch vielfache Geschäfte an meinen Landaufentalt gebunden bin. Gestern Abend bin ich von Schloss Salem hereingekommen und zwar auf Grund eines Briefes, den ich von Herrn von Terschka aus London erhielt. Er wiederholt die Behauptung, dass die Urkunde, die unsere Linie um Hoffnungen betrog, die Jahrhunderte alt sind, eine gefälschte ist. Er verwies mich ausdrücklich auf eine gewisse Lucinde Schwarz, mit der ich mich über diese Angelegenheit verständigen sollte. Sie wäre, wie er gehört hätte, jetzt in Wien und stünde zum Herrn Oberprocurator Dr. Nück in Beziehungen der grössten Intimität. Die Ehre und der Bestand meines Hauses stehen auf dem Spiele. Ich erkundigte mich noch gestern Abend nach dieser Dame und fand sie in der Tat hier anwesend. Ich sprach sie. Ich will jedes aufsehen meiden, aber ich muss die Dame durch meine Mitteilungen für sichtlich in Verlegenheit gesetzt erklären. Wenn ich nicht sofort gegen sie einschreite, so ist es, weil mich eine ausserordentliche Aehnlichkeit derselben mit einem Wesen rührt, das mir unendlich teuer war. Auf mein wiederholtes Androhen, dass ich nichts unterlassen würde, um eine Freveltat aufzudecken, an der, wie ich weiss, meine Verwandte unbeteiligt sind, erklärte sie mir, sie würde nur eine Antwort zukommen lassen durch Eure Hochwürden – nach einer in der beichte genommenen Rücksprache – – Somit ersuche ich Sie in aller Ergebenheit, haben Sie die Güte, von ihr in der Kirche der Italiener, wo Ihnen Kanzel und Beichtstuhl eingeräumt wurden, die beichte entgegenzunehmen – und zwar heute in der Frühe, zehn Uhr. Ist diese mit Ihnen genommene Rücksprache vorüber, so bitte' ich mir die Stunde bestimmen zu wollen, wo ich die Ehre haben kann, Ihnen meine Aufwartung zu machen. Um meine gute Mutter nicht aufzuregen, bitte' ich dringend um die Adresse: Professor Dalschefski, beim St.-Stanislaushause auf der Currentgasse. Mit aller Hochachtung Hugo, Graf von Salem-Camphausen." ...
Bonaventura's Atem stockte ...
Er sah auf die Uhr ...
Es war schon dreiviertel auf zehn ...
Nach einigen Minuten Besinnung begab er sich, geführt vom Chorherrn, in die Kirche "Maria zum Schnee" ....
Bald standen sie auf einem kleinen Platz, wo ihn der freundliche Führer weiter wies ...
Die Sakristei liegt ein wenig abseits von der uralt ehrwürdigen Kirche ...
Wie er sich zitternd in geistliche Kleidung warf, starrten ihm durchs Fenster von einem Kreuzgang her alte Grabmäler und Statuen wie der Tod entgegen ...
Er betrat das Innere des gotischen, hellen, nur zu sehr modernisirten Gottestempels ...
Es war ihm, als träte er ein – in die Welt des Südens ... Doch auch wie ein heisser Sirocco wehte es zugleich ihn an ...
An einem der hohen Pfeiler ragte die Kanzel, wo er am nächsten Sonntag predigen sollte ...
Er verbeugte sich dem Hochaltar und schritt an dem Standbild Metastasio's vorüber – ...
Der Messner führte ihn in einen Beichtstuhl, dicht an einem kleinen Nebenaltar mit brennender Ein Bild des Gekreuzigten, zu dessen Füssen zwei In dem engen braunen Häuschen sank er zusamEs schlug zehn Uhr ... Wenig Secunden – und eine Gestalt – in weiblicher Es war Lucinde.
Ende des sechsten buches.
Achter Band
Siebentes Buch
1.
Jenseits der Tiber, hoch auf dem Janiculus, liegt in Rom das Kloster San-Pietro in Montorio ...
Eine der schönsten Aussichten über die Siebenhügelstadt geniesst man dort auf dem Platz vor einer Kirche, deren erste Anlage zu den urältesten gehört. In ihrer spätern Erneuerung verrät sie nicht ganz jenen mehr prächtigen, als schönen Geschmack, in welchem fast alle Kirchen Roms gebaut sind ...
Pinien und Cypressen bezeichnen die Stätte, von wo das Auge die im Abendrot verschwimmenden violetten Contouren des Horizonts bis zu den Sabiner- und Albanergebirgen verfolgen kann. In nächster Nähe schwimmt, von Abendnebeln durchzogen, das unermessliche Häusermeer, durchschnitten von den Krümmungen der Tiber. Zahllose Kirchen ragen auf, zahllose Paläste, das Capitol mit seinen Trümmern aus der eisernen Römerzeit, die Engelsburg mit ihrem sein Schwert senkenden sankt-Michael auf der Zinne ... Ein Bild, gross und herrlich wie die Vision einer Verheissung ...
Der erste Gedanke jedes Pilgers, der in Rom ankommt, ist die weltistorische Macht der christlichen idee ... Die Schauer der Erinnerung an die blutige Märtyrerzeit begleiten ihn schon vom Fuss der Alpen ... In