nachsehen ... Sie war schon wie seine Furcht, wie sein Gewissen geworden ... Beim jedesmaligen Begegnen fuhr ein schriller Ton durch die Luft: Du Ungetaufter! ... Und ebenso sagte das Lächeln des jungen Mannes: bleibe ruhig, ich bin dein Schutzgeist! ...
Die regensburger Geistlichen, von denen Bonaventura begleitet war, führten den Erblassenden, Schwankenden noch in einem Wagen nach einem Oertchen, Straubing gegenüber ... An der Stelle, wo Agnes Bernauer ihren Tod in den Wellen gefunden, bestieg er das Dampfboot ... Er glaubte annehmen zu dürfen, dass er nicht allein fuhr – dass der junge Mann – Lucinde – schon auf dem Dampfer war ...
Er sah sie aber nicht ... Nicht die ganze Reise entlang, die zwei Tage dauerte ... Er glaubte nun doch an eine Täuschung in der person ...
So kam er nach Wien ... Er sah zum ersten mal eine so rauschende, volkreiche Stadt, wohnte bei dem Chorherrn, der ihn ganz erst so zuwartend und prüfend wie Benno empfing, teilte die Aufgaben, die seiner im Gewühl dieser grossen Stadt harrten, gewissenhaft ein, überlegte: Wie näherst du dich dem Grafen! ...
Darüber vergingen einige Tage ...
Die Gräfin Erdmute war zum Grafen Hugo auf Schloss Salem hinaus, um den grollenden Sohn hereinzuschmeicheln ...
Bonaventura hatte beim Cardinal Ceccone seine Briefe persönlich abgegeben, war in der Tat von dem liebenswürdigsten und zuvorkommendsten Benehmen eines Priesters, der die Grazie als Milderung der List über sein ganzes Wesen ausgegossen trug, mit dem Anerbieten des Bischofssitzes von Robillante begrüsst worden ... Olympia, die Herzogin von Amarillas, Benno wurden als seine Protectoren genannt ...
Alle seine Pulse flogen, als er, nach der von ihm um Bedenkzeit ausgesprochenen Bitte die Stufen des kleinen Palastes niederstieg ...
Er wusste nicht, wie er auf die Strasse kam ...
Kaum blickte er auf, da rollte ein Fiaker vom haus, der nur auf ihn gewartet zu haben schien ...
Aus dem Schlag blickte ein Kopf – der junge Mann im braunen Mantel ...
Pfeilgeschwind schoss der Wagen vorüber ...
Er verlor die Besinnung und verirrte sich in den Strassen ...
Wer Bonaventura sah, wer ihn nach einer Vorstellung anredete, wen er besuchte – jeder wusste, dass er Bischof werden sollte im Piemontesischen ... Jeder fragte nach seiner italienischen Predigt in "Maria Schnee", die zugleich mit drei Messen bedungen war ...
Man fand diese Erhebung so natürlich ... Man sagte, der Domkapitular wäre ein Gesinnungsgenosse des Kirchenfürsten und in seiner Heimat "unmöglich" geworden ... Dort schied er aus ... Auch seine Gesundheit rate ihm den Aufentalt im Süden ...
Sofort in den Palatinus zu gehen vermochte er nicht ... Er zitterte, sich dort zu verraten ... Aber es suchte ihn schon Fürst Rucca auf ... Olympia überhäufte ihn mit Geschenken und Zuvorkommenheiten, wie sie eben nur Priester anzunehmen gewohnt sind ... Er rüstete sich, noch unentschlossen, gedrängt vom Chorherrn – italienisch zu predigen ... An sich war es ihm ein Leichtes, da er die Sprache so gewandt, wie Benno, sprach ...
Noch immer sah er die Herzogin nicht ... Der Boden unter ihm wurde heiss wie Feuer ... Glühende Lava rann neben ihm ... Was soll aus Alledem werden! stöhnte er vor Schmerz über seine Lage ... Nun auch noch die fremden Leiden zu den eigenen! ...
Schon wussten auch die Zickeles, wohin ihn seine Creditbriefe führten, von seiner Ernennung und wünschten der Gräfin Erdmute Glück, ihn als einen Deutschen so in der Nähe zu haben ... Er musste sich sagen: Das zerstört ja jede Möglichkeit der Ehe ihres Sohnes, wenn Graf Hugo die Absicht meiner Reise erfährt und – Paula's Empfindungen für mich kennt –!
In der Tat, die Gräfin empfing ihn mit der Kälte, die er erwartet hatte ... Hasste sie schon das römische Priestertum an sich, war sie wie ihr Sohn tiefverletzt von der Bedingung, dass erst eines Beichtvaters Ja! oder Nein! über Paula's Willen entscheiden sollte, so war die Nachricht, dieser Beichtvater käme nun auch sogleich dicht in die Nähe Castellungo's, wo der Graf so gern ganz sich niedergelassen hätte, und folgte demnach seinem Beichtkinde, für sie ein wahrer Hohn, den die "Kirche" dem Stolz dieser Familie sprach ... Sie sah hier nichts als die Veranstaltung der Jesuiten ... Sie sah das fortgesetzte Wirken des Ordens, dem Terschka sich entzogen hatte ... Sie sah die Feindseligkeit des Erzbischofs von Cuneo, des Cardinals Fefelotti, der bereits gewaltsam in die Rechte der Waldenser eingegriffen hatte ...
Als Bonaventura von seiner ersten Begegnung mit der Gräfin mit dem Entschluss, lieber doch dieser Lokkung des Ehrgeizes, dieser Lockung seiner Liebe zur Geliebten und zum Vater mit äusserster Kraft zu widerstreben, nach haus kam, regnete es in Strömen ...
Schon war es spät ... Er konnte nicht sogleich auf der Freiung die Pforte finden, die die seinige war ...
Eine Weile dauerte es, bis er sich zurecht fand ...
Wie er geklingelt hatte, schlug unter den vielen Regenschirmen, die um ihn her sich