1858_Gutzkow_031_702.txt

behend ... Die Kleidung elegant ... Ein Mantel von dunkelbraunem Tuch mit offenen Aermeln, am Kragen besetzt mit schwarzem Sammet, das Futter von einem langflockigen Zeuge und Schnurtroddeln geschmackvoll zum Zusammenhalten des MantelsDarunter ein schwarzer enganliegender Oberrock ... Die Cravatte schwarz; ebenso die Handschuhe ... Ein feiner ganz neuer Hut auf dem Kopf ... Die Haare kurzgeschnitten ...

über den starren Ausdruck des bräunlichen zierlichen Antlitzes flog ein Erröten und ein verlegenes Lächeln, als Bonaventura's blick länger auf dem jungen Mann verweilte ...

Doch zerstreute ihn bald die teure, geliebte Gegend ...

Es ging vorüber an der Maximinuskapelle, am "Weissen Ross" ...

Bonaventura bemerkte den jungen Passagier nicht mehr ... Auch später bei gemeinsamer Tafel fehlte die Gestalt, die ihm den unheimlichen Eindruck einer Aehnlichkeit mit Lucinden machte ...

Hafenruhe konnte erst spät gegen Abend um zehn Uhr geboten werden ...

Der junge Passagier war verschwunden ...

Die Fahrt ging zuletzt im Dunkeln und bedurfte der Vorsicht ... Aber so kalt es wurde, die Passagiere verbrachten die längste Zeit lieber auf dem Verdeck ...

Bonaventura ging auf und nieder ... Ein Berg mit einem hochtronenden schloss führte ihm die Scene vor, die Benno mit dem Staatskanzler erlebt und geschildert hatte ... Es war schon bald bei Ankunft in der grossen alten "goldenen" Stadt, wo die Rast für die Nacht stattfinden sollte, als Bonaventura wieder den jungen Mann erblickte, eingeschlagen in seinen weiten Mantel und nicht weit vom Steuerruder sitzend ...

Er rückte und rührte sich nicht ...

Ging aber Bonaventura an ihm vorüber, so war es ein einziger unter dem etwas breitrandigen schwarzen Hut und aus der Umhüllung des emporgezogenen Sammetkragens hervorzuckender Blitz der Augenein Funkeln, wie ein Käfer in der Nacht aufglüht, ein Funkeln, wie ein lauerndes Raubtier sich durch nichts, als seine Augen verrät ... Kein laut, keine Bewegung, als ein Zurückziehen des lackirten zierlichen Stiefels, um dem Vorübergehenden Platz zu machen ... Die Situation, die Zeitdauer, alles bot dem Priester Musse, sich an die entsetzliche und doch fast beruhigende Vorstellung zu gewöhnen: Wenn das Lucinde wäre! ...

Beim Landen, beim Wohnen in einem "Rheinischen Hof" war die Spur des jungen Mannes verschwunden ...

Nach zwei Tagen und einem Aufentalt in Frankfurt befand sich Bonaventura in der Stadt, wo er im Seminar gewesen ...

Es war dasselbe Seminar, von dem Serlo erzählte ...

Er besuchte alle ihm denkwürdigen Plätze der Erinnerung ... Die Altarstelle, wo er zum Priester geweiht worden ... Das Zimmer, wo Paula in der ortopädischen Anstalt lag ... Den Bischof, bei dem Lucinde convertirte ... Den Mitgeweihten Niggl, einen noch immer zwischen dem Naiven und Excentrischen unpraktisch, brausend und schnaubend hin- und herfahrenden, gutmütigen Phantasten ...

Bonaventura sah und begrüsste alles wie zum letzten mal ...

Auch das berühmte Hospital des alten Bischofs Julius sah er ... In dem botanisch gepflegten Garten schien die Jahreszeit noch nicht der November ... Die Genesenden sassen zwar nicht im wärmenden Sonnenstrahl, aber die Irren rannten hin und wieder, gesticulirten und sprachen aufs zufriedenste mit sich selbst ...

Da wieder der Anblick des jungen Mannes vom Dampfboot ...

Kaum schoss er an ihm und an Niggl, der ihn begleitete, vorüber, so sagte dieser:

Wer war nur das? Das Gesicht ist mir so bekannt ...

Nach wenigen Augenblicken, wo der junge Mann verschwunden war, begann Niggl, von unbewusster Ideenassociation geleitet, von Lucinden als von einer Hocherleuchteten, von einer durch Nück und Hunnius und viele andere in alle Vorkommnisse des inneren Kirchenlebens Eingeweihten ... Er scherzte über die ihm wohlbekannte Neigung derselben zu seinem Besuch ... Beda Hunnius hatte ihm darüber Mitteilungen gemacht ... Er wusste schon, dass sie von Nück sich entfernt hatte, und vermutete, sie wäre nach Belgien, um Jesuitesse zu werden – "Redemptoristin" – nach dem äussern Ausdruck ...

Das Gespräch kam von dem verfänglichen Gegenstand ab ...

Bonaventura sah den jungen Mann nicht wieder, aber sein Herz bebte von den trübsten Ahnungen ...

Die Donau kam ... Bonaventura bewunderte den regensburger Dom und bestieg die Höhe, auf der König Ludwig die Walhalla erbaut hat ... Ein Aufentalt dort oben wie Atemzüge im Aeterreich ... Unten die Erde mit ihren Mühen, hier oben die Himmlischen ... Ausgerungen haben Kampf und leidenschaft ... Hier sind die Pforten der Welt des Plato, die Eichen im Haine Odin's ... Walkyren stehen zwar noch, die unerbittlichen Parzen, in marmornen Gebilden an der Schwelle des Tempels; aber sie scheinen Versöhnerinnen, nicht mehr Rächerinnen ...

Bonaventura stieg die Riesentreppe niedertieferfüllt von dem empfangenen Eindruck ... Da blickt er auf neue Ankömmlinge ... Eine Gesellschaft, die eben mit einem Boot aus Regensburg angekommen sein mochte, steigt ihm von unten her entgegen ... In ihrer Mittesein Reiseschatten, der junge Mann im braunen Mantel ... dicht streift er, tief niederblickend, an ihm vorüber ... Zwei Schiffe kreuzen sich so auf dem Meere ...

Bonaventura konnte nicht stehen bleiben, nicht der spukhaften Erscheinung