... Es gelingt nicht ... Drohungen, die Lucindens Charakter entsprechen, schrecken mich nicht; ich kann, sagen Sie ihr's, alles ertragen ... Noch eins! Ist sie hülflos, so schreibe sie offen und getrost – an meinen Oheim in der Dechanei ... Das ist nicht wahr, dass alle vor ihr fliehen ... Der Onkel verehrt sie wahrhaft; er wird alles für sie tun ... Sagen Sie ihr das! Mein Oheim ist ganz der Freund, den sie sucht ... Sagen Sie ihr auch – dass ich glücklich bin über ihre Trennung von Nück und dass ich nie in dem verhältnis ein Arg gefunden ... Nicht aber mehr ... Ich kann nicht anders ... Die Kraft fehlt mir, all die Bürden zu tragen, die mir ihre beichte noch auferlegen würde ... In Zukunft! ... Ich reise morgen in erster Frühe ... Nun bleibt es dabei ...
Damit half Bonaventura Veilchen schon den Mantel auf die Schultern legen ...
Sie schüttelte den Kopf wie über die Torheit der ganzen Welt ... Still befestigte sie ihren Mantel ...
Bonaventura leuchtete ihr hinaus und begleitete sie über den Corridor bis an die nächste Treppe ... Diese war erleuchtet ... Veilchen wandte sich noch einmal, sah den Priester mit ihren geöffneten Augen wie einen bemitleidenswerten Wahnbefangenen an und schlich die Treppenstufen nieder ... Bonaventura wartete, bis er hörte, dass sie das Haustor gefunden ...
Dir sind wohl schon hundert wie mit unsichtbaren Ketten gebunden, die dir beichteten, sagte er sich, zurückkehrend in sein Zimmer, mit dem ganzen ausbrechenden Schmerz seiner Seele; aber wie du gebunden, du umstrickt bist von deinen eigenen Lebensrätseln, das ist ein Verhängniss wie im Haus – der alten Labdakiden! ...
Und des so wohltuenden Eindrucks der Jüdin gedenkend, rief er laut:
Gott der Christen – Gott der Juden – Allah –! ... Zeus! ... Ja auch der Olymp herrscht noch ... Nicht alle Götter der Alten sind in nichts zerflossen ... Die Nemesis – die Tyche – die Keren haben ihr Amt behalten ...
Der Gedanke, dass ein Bistum neben dem schloss, wo Paula wohnen sollte, für ihn eine Unmöglichkeit wäre, stritt mit der Ungewissheit über den Eindruck, den ihm Graf Hugo machen würde und nach dem er doch der Wahrheit gemäss entscheiden sollte ...
Sein Lager suchte er, um nur allein die müden Muskeln zu strecken ... Schlaf, wusste er, würde ihn fliehen ... Träumte er, so würde der Ungetaufte – vom Jordan träumen ...
In der Tat erhob er sich vor Sonnenaufgang ohne Stärkung ...
Es war ein nebeliger Morgen ... Er kleidete sich an ... Renate credenzte ihm den gewohnten Labetrunk ... Sie weinte ... Der gute und ernste Mann war ihr wie ein Sohn geworden und seit Monaten sah er krank und zerfallen aus und auf wie lange verreiste er ...
Auch in Bonaventura's Auge standen Tränen ... Er ahnte, dass er die alte Frau nicht wiedersehen würde ...
Rings blickte er auf seine Bücher, seine Bilder ... Es war ein Abschied auf ewige Zeit ...
Die Huldigungen, die seiner ersten Abreise gebracht wurden, fehlten auch dieser zweiten nicht ...
Für die von ihm etwa abgefallenen Seelen waren andere eingetreten und die Feierlichkeit der Begrüssung im Kapitelhofe war sogar noch grösser, als früher durch Schnuphase's Rede ... Sie war geordneter ... Die Curie hatte an dem Erfolg dieser Reise das höchste Interesse ... Viele der alten Herren traten selbst an seinen Wagen ... Dies war ein ganz eleganter, den Bonaventura gar nicht bestellt hatte ...
Den von Glückwünschen fast Erdrückten hob Tiebold, der gestern nur zum Schein Abschied genommen hatte, in seinen eigenen Wagen ... Er hatte alles so arrangirt ... Der gestrige Abschiedsbesuch maskirte die Absicht, den Hochverehrten nicht bloss bis an das Dampfboot zu begleiten, sondern auch noch eine Strecke weiter hinaus ...
Die Blumen wurden einem Altar der Katedrale übersandt, an dem Bonaventura oft celebrirte ...
Tiebold liess sich nicht nehmen, bis zum Hüneneck mitzufahren ... Zwei Stunden lang "zerstreute" er die stille, der Sammlung bedürftige Seele des unglücklichen Priesters ... Erst am Hüneneck verzogen sich die Nebel ... Die Gegend, selbst im Winteranfang lieblich wie immer, entschleierte sich ... Tiebold konnte nicht allen Empfindungen Ausdruck geben, die ihm der Anblick Lindenwerts, der blick nach Drusenheim und dem Geierfels hinüber machte, wenigstens nicht in Bonaventura's Gegenwart ... Am Gastaus zum Roland landete der Dampfer ... Tiebold stieg hier aus und erneuerte den Abschied ...
Als Bonaventura allein war und tiefbewegt Rundgänge, die denen in seinem eigenen Geisteslabyrint glichen, auf dem Verdeck machte, das erst jetzt von seiner Reinigung und der Nebelnässe zu trocknen anfing, bemerkte er, gerade beim Hinblick auf die Maximinuskapelle und den sankt-Wolfgangsberg, hinter dem sein altes stilles Glück lag, einen jungen Mann, der, mit dem rücken an den Radkasten der Maschine gelehnt, ihn mit grossen durchbohrenden Augen ansah ...
Die Gestalt war nicht zu gross, zierlich und