1858_Gutzkow_031_70.txt

, nicht sorgfältiger nach den heraldischen Tatsachen der Familienwappen bestimmt werden, als hier die jungen Doctoren aus den Familien der Millionäre und die künftigen Senatoren und Gesandten der Republik von den Emblemen ihrer Wimpel, den gestreiften Farben ihrer Ruderboote und Ruderer sprachen. Die "Ehre" war in ihrer ganzen, so empfindlichen und bekanntlich nur geringen Elasticität angespannt, und Heinrich Klingsohr gab seine Ratschläge in einem Tone, als wenn er in der Tat ein rechtmässiger Sohn jenes Freiherrn von Wittekind war, dessen Processe er nur führte.

In diesem Augenblick geschah ihm aber etwas Entsetzliches.

Eine schlanke, hohe Gestalt in schwarzem Frack, mit einem hierorts auffallenden Ordensbande im Knopfloch, drängte sich durch die dichten und dem Alsterspiegel zugewandten Menschenmassen an den von den geachtetsten jungen Männern der Stadt besetzten Tisch, rief ein lautes, fast kreischendes: Hab' ich dich, Schurke! einem derselben, dem er den Hut vom kopf schlug, entgegen und schlug mit einer Reitpeitsche auf Schultern, Kopf, hände desselben so unbarmherzig zu, dass im Nu blutige Striemen auf Stirn und Wangen sichtbar wurden. Man hätte noch Aergeres befürchten müssen, wenn dem Rasenden, der Stühle und Tische umwarf, um noch ärger über sein Opfer herzufallen, andere nicht im Augenblick in die arme gesprungen wären und mit der äussersten Anstrengung seinem Beginnen ein Ende gemacht hätten.

Der so Getroffene war Klingsohr. Den Angreifer erkannten sowohl dieser selbst, soweit er die Besinnung behielt, wie mehrere in der Gesellschaft sogleich wieder. Es war kein anderer als ein älterer göttinger Studiengenosse, der Freiherr Jérôme von Wittekind.

Der Kammerherr nannte auch sogleich seinen Namen und warf zum Ueberfluss eine Karte auf den Tisch. Andere rissen ihn fort. Das rege Rechtsgefühl und das schnell entschlossene Naturell der Bevölkerung machte sich in der Beihülfe geltend, die der Mishandelte erfuhr; man riss den Störer des Stadtfriedens fast nieder. Die Mitglieder der Gesellschaft aber, die sein Ueberfall so urplötzlich gestört hatte, hinderten sowohl die Volksjustiz wie die Arrestation. Alle erkannten, dass hier ein Vorfall stattfand, der einem Ehrengericht angehörte, nicht der Polizei. Klingsohr blutete. Sowie er zum Bewusstsein gekommen, wollte er sich entfernen. Kein Wort sprach er, ja er schien dem Ueberfall eine Bedeutung zu geben, die diesen gänzlich dem Bereich fremder Einmischung entzog. Um den Angreifer, dessen stattliche Gestalt imponirte, ja der sofort eine Erfrischung bestellte und die Börse zog, hatte sich sofort eine Gruppe gebildet. Es stand bald fest, dass eine solche Selbstülfe hier nur die Folge eines äussersten Zwanges gebotener Umstände gewesen war, und wenn auch Männer und Frauen riefen: Er ist toll! wenn auch einige der Herren am Tische es überdies auch schon gesagt hatten: Es ist der tolle Wittekind! so erblickte man doch zunächst in seiner Handlungsweise nur das Mass, wie weit Rache und langgeschürte Wut vielleicht begründetermassen einen Menschen fortreissen können. Den Angreifer begleiteten über die Strasse einige seiner alten Commilitonen auf einige Zimmer, die er, vor einer Stunde angekommen, im ersten Stock der auf zwanzig Schritte nahe gelegenen Alten Stadt London genommen und auf Befehl der Polizei nicht mehr verlassen durfte. Man erfuhr von dem ohne alle Begleitung Angekommenen, dass ihm Klingsohr "seine Braut" entführt hätte.

Wirr genug waren die nähern Angaben des Racheschnaubenden; aber kannte nicht jeder das Rätselhafte der Persönlichkeit, mit der Klingsohr in Hamburg aufgetreten war? Der Kammerherr konnte, wenn er einen tobsüchtigen und bösen Gedanken unausgesetzt verfolgte, mit Consequenz verfahren wie ein Vernünftiger. Jetzt war er ganz heiter, lachte, liess Champagner kommen, behielt seine alten Freunde zurück und widersetzte sich der Anordnung eines Ehrengerichts keineswegs. Die Satisfaction, die als dem so Gezüchtigten gebührend sogleich genannt wurde, versprach er ohne weiteres geben zu wollen, drang aber auf Eile, wobei er sich benahm, als drohten der Verzögerung Gefahren für ihn und andere. Niemand begriff dabei aus seinem Benehmen, wie der längst als schwachsinnig Bekannte mit einer gewissen lachenden Geberde immer auch die Freude über seine Flucht aus einer, wie es schien, gewaltsamen Absperrung kund gab.

Klingsohr wurde sofort in seine wohnung gefahren. Ihn begleitete der andere teil der gemeinschaftlichen Freunde. Als man von der Entscheidung durch die Kugel sprach, sprang er auf, stiess das Gefäss mit kaltem wasser, aus welchem man die Umschläge anfeuchtete, die die Striemen seines Antlitzes kühlen sollten, zurück und blickte starr ins Leere, wie schaudernd vor einer grässlichen Gedankenverbindung. Dann sank er in einen Sessel zurück, dumpf vor sich hinbrütend, das Haupt aufgestützt und den Kopf schüttelnd wie über das Unerklärlichste der Welt. Die Beschimpfung, die er vor einer ganzen Stadt erlitten, war so gross, dass man diesen starren Ausdruck, der sich bis zum Ausbruch eines jeweiligen bittern Lachens steigerte, nur allein seinem Schamgefühl zuzuschreiben brauchte. Nannte man jedoch den Kammerherrn verrückt, so schüttelte er den Kopf und tat, als wäre sein Beleidiger der Weisesten einer und von Gott selbst gesandt.

Dass Jérôme von Wittekind in dem Grade schwachsinnig war, wie es Lucinde kannte, wusste man in diesem Kreise noch nicht; man hatte vor Jahren in Göttingen des Verkehrten genug von ihm erlebt, aber selbst Klingsohr kannte ihn nicht in seinem ganzen Zustande. Einem der Freunde, einem Arzt, der lange bei dem Tema der Narrheit des Beleidigers verweilte, unterbrach er die Rede. Man musste es seiner Aufregung und dem Mismut, zur Herstellung seiner misshandelten Ehrewie einmal die Logik des Duells mit sich bringtnun noch sein Leben preiszugeben, zuschreiben,