" von Buschbeck und in den seltsamsten Verhältnissen.
Schon von der Frau, die fünfeinviertel Uhr die Milch brachte, hörte Lucinde ein lautes lachen:
Wieder einmal eine in die Falle gegangen!
Weiter war die Milchfrau nicht gekommen, denn schon schlorrte die Frau Hauptmännin im "Nachtjoppel" und mit einer Haube, deren Spitzen sich in die uns schon bekannte liebende Umarmung von Kinn und Nase als Drittes im Bunde einzumischen suchten, aus der vordern stube heraus und verwies Lucinden jeden unnützen Aufentalt mit den Leuten, die "ins Haus kämen". "Ins Haus" nannte sie ihre wohnung, bestehend, wie Lucinde sah, aus der Küche, einem dunkeln Entrée mit Guckloch durch die Tür zur Hausflur, einer Schlaf-, einer Wohn- und Putzstube. Ueberladen aber war die Möblirung der kleinen Etage allerdings. Für ein zweistöckiges Haus würde sie ausgereicht haben. Was am ersten Abend Lucinde schon beim Beobachten des Zwetschenmahles befremdet hatte, waren eine Menge ausgestopfter grosser Vögel, einige aus Steinen gemeisselte hässliche Köpfe, die Götzen vorstellten, ein Porzellan-Chinese mit einem grossen Pfauenwedel, auch eine Lanze, die quer an der Wand hing, mit einem Köcher voll Pfeile, die, wie sie später erfuhr, vergiftet sein sollten. Alle diese Dinge hatte der Herr von Buschbeck aus Indien mitgebracht. Er war Hauptmann in niederländischen Diensten gewesen, und seine Witwe lebte von einer Pension, die sie, wie sie sagte, aus dem Haag bezog ... die Gelder ausgenommen, die sie auf dem land "liegen" hatte.
Diese vergifteten Pfeile beschäftigten Lucinden so sehr, dass sie gleich in der zweiten Nacht von der gnädigen Frau träumte, die ihr im Schlaf erschien und einen dieser Pfeile gerade aufs Herz setzte. Sie schrie im Schlaf auf, und wie sie aus ihrer Bettlade in die Küche blickte, huschte auch etwas dahin und klappte nach der Entréetür zu. Sie horchte länger, entdeckte aber nichts. Als sie am Morgen erwachte und nach ihren Tauben sah, – der Tischler war noch nicht bestellt worden, weil Lucinde nicht früher ausgehen sollte, als bis ihre "Garderobe" ganz in Ordnung war; sie hatte daran den ganzen Tag nähen müssen – da lag ja eine von ihnen tot! Das Opfer war glücklicherweise keiner ihrer Lieblinge. Frau von Buschbeck bedauerte den Unfall, fand es aber angemessen, dass man die Taube nicht ganz "umkommen" liess. Sie wurde zu Mittag von ihr selbst, wie sie's nannte, au gratin zubereitet. Dass Lucinde von einem ihrer Täubchen selbst nichts essen mochte, tat ihr leid, denn sie sagte, sie hätte darauf gerechnet. Lucinde musste sich deshalb mit einer einfachen Milchsuppe begnügen.
Schwerlich würde Lucinde von der Milchfrau ein ferneres überraschendes Wort, das wir gleich berichten wollen, vernommen haben, wenn sie nicht die Schlauheit gehabt hätte, schon durch das Guckloch zu beobachten, wann diese kam. Denn kaum hatte im glücklich erspähten Moment, als sie ohne zu klingeln geöffnet bekam, die Milchfrau gesagt: Was? Sie sind noch da? und dies N o c h höchst scharf betont, als auch schon wieder Frau von Buschbeck in Halbnégligé, Joppel und Spitzenhaube erschien und eine weitere "Conversation" unterbrach. Lucinde war eine Gefangene. Die gnädige Frau besorgte die inzwischen notwendig gewordenen Ausgänge selbst und schloss ihren Pflegling ein. Glücklicherweise glaubte dieser, solche Vorsicht wäre in der Ordnung, da ihr die Stadt als eine Höhle aller Laster und Verbrechen geschildert worden war. Nur dass sie ausschliesslich in der Küche und auf dem Entrée verbleiben musste, wurde ihr zu schwierig. Sie rüttelte wenigstens an dem Eingang zur Wohntür, aber die vordere Herrlichkeit mit den Erinnerungen an die Wilden fand sie immer verschlossen.
Der Taubenschlag, der auf dem Boden hergerichtet werden sollte, kam nicht. Die Tischler wären viel zu teuer, hiess es, und vor Mardern blieben die Tierchen unterm Küchenherde gesicherter. Es war ein trauriger Anblick, die armen Luftbewohner in dem engen raum sich drängen und einer dem andern auf die ohnehin bei Tauben schon so schwerfälligen Füsse treten zu sehen. Lucindens liebste Freude war sonst gewesen, an der Dachluke zu sitzen und die kreisenden Bewegungen ihrer Pflegebefohlenen mit ihren scharfen Augen, die sie bis in die weiteste Ferne verfolgen konnten, zu beobachten. Sie verbrachte eben damit die Zeit, die besser für die Erlernung des Eierkuchenbackens wäre angewendet gewesen. Einzig den paar Kröpfern, die sich Lucinde aufgezogen, tat die Ruhe wohl. Die hässlichen Tiere sassen wie die Puterhähne und vergruben die Schnäbel in ihre Kröpfe. Leider aber mussten sie hungern, was diese vornehmen Prälaten am wenigsten vertragen können. Es starben aber – fast konnte man sagen "glücklicherweise" – in nächster Nacht noch zwei von den armen Gefangenen. Es war eine Taube darunter, deren Verlust Lucinden unendlich nahe ging; eine halb braun und weisse Taube von ganz besonderer Zierlichkeit, mit einem Halse, dessen Federn auf die wunderbarste Art in sämmtlichen Farben des Regenbogens spielten, ohne dass man eigentlich unterscheiden konnte, wo die grünen und die blauen Schattirungen anfingen; es sind die Farbenspiele der Taubenhälse eben Wunder, die noch kein Chemiker hat erklären können. Lucinde wusste wohl, dass zu ihrer wirkung das Licht des blauen himmels gehörte, von dem in die nach einer Brandmauer hinausgehende Küche leider sehr wenig hereinfiel.
Auf dem Boden, das entdeckte sie dann allmählich auch, war gar kein Platz, um daselbst einen richtigen Taubenschlag bauen zu können. Sie entdeckte das, wenn