.. Nun noch dies! Noch dies! ... Und Lucinde die Zauberin dieses Spukes, der dich ein Leben lang wie Hexengruss im falben Mondlicht äffen wird! ... Sollst du deine Würde niederlegen? ... Sollst du dem Generalvicar dich anvertrauen und bekennen: Du bist kein Christ?! ... Sollen alle deine kirchlichen Handlungen, die deine ungetaufte Hand verrichtete, erst nachträglich von einem Spruch Roms die Kraft des Sakramentes erhalten! ... Nein! Nein! Nein! Ich trotze dem Geschick und lüge! Ich muss, ich muss lügen! ...
Die Jüdin sah diese Seelenkämpfe, zitterte, fragte, bat und – hoffte ...
Sie konnte seinem Gedankengang über den Inhalt des von Lucinden gefundenen Briefes nicht folgen ... Sie würde selbst aus dem Judentum heraus, aus der Religion des Gesetzes, kaum begriffen haben, wie ein Gemüt, lebte es auch noch so sehr im steten Gewissenszwang, so doch über Sonnenstrahlen fallen, so über Spinnenfäden straucheln konnte ... Sie würde mit Christus gesagt haben: Ihr verschluckt Kameele und seigt Mücken! ...
"Das Christentum ist die grösste Schmeichelei an uns Juden" – und Bonaventura stand wie ein Verbrecher ... Dämonische Stimmen raunten ihm zu: Offenbare dich doch Lucinden! Was trennst du diesen Schatten deines Daseins von dir selbst? Lucindens Liebe, Verschwiegenheit, Frevelmut? ... Mit ihr vereint ist ja alles still – Mit ihr vereint erstirbt ja der Hohn, der um dich her aus tausend Larven rufen wird: Auch du wandelst den Weg der Lüge! ...
Schieben Sie Ihre Reise einen halben Tag auf! sagte Veilchen ... hören Sie die beichte des armen Mädchens ... Sie will nichts, als Ihnen ein Bild ihres gegenwärtigen inneren geben, vieler Geheimnisse, die sie drücken, auch der Ursachen, warum sie so plötzlich das Haus des Oberprocurators verlassen hat ... Ich versichere Sie, es muss eine grosse Begebenheit gewesen sein, die sie zu mir getrieben – Zu mir, in die dunkle schmutzige Rumpelgasse, zu meinem unausstehlichen Natan, den ich nun schon dreissig Jahre nehmen muss, wie er ist ... Ich möchte schwören, dass in Holland, wo sie den ganzen Tag putzen und scheuern, keine stube so sauber und rein ist, wie meine Schlafstube im dritten Stock unseres Hauses, das wir glücklicherweise allein bewohnen, und doch tut mir das stolze Kind leid – im reinsten Glase wasser sieht sie Judentum ... Aber sie hat keinen Ort gewusst, wo sie sich verbergen sollte ... Ich dürfte nicht an Ihrer Stelle sein, Herr Priester ... Schon aus Neugier, was sie von der Marcebillenstrasse verjagt hat ... Acht Tage ist sie bei mir ... Der Natan sieht die Polizei jede Stunde kommen ... Ich hab' ihm versprochen, die Strafe aus meiner Gage zu zahlen – 30 Taler jährlich, Herr von Asselyn! Ich bin der wohlfeilste Buchhalter an der deutschen Börse ... So hockt sie verzweifelnd auf meinem Kanapee, schreibt Briefe, zerreisst sie, hat nichts bei sich, als ein Bündel, mit dem sie aus dem Nück'schen haus entflohen ist ... Hat der Mann Ihre Ehre verletzt? rief ich sie an ... Sie antwortete mir darauf nichts, sah aber aus, als käme sie vom Richtplatz und erst seit drei Tagen hör' ich sie weinen – weinen wie im Brustkrampf! ... Sie sagt: Mein Unglück ist, ich falle über mich selbst! Ich bin nur für die Schlechten da! Ich habe etwas in meiner Art, das selbst die, die mich lieben wollen, an einem einzigen Tage zu meinen Feinden macht! ... Könnt' ich ihm nur einmal noch alles sagen und beichten! sprach sie dann ... Ich gestehe, Herr Priester! Von dem Wort "Beichten" hab' ich keinen Begriff ... Je mehr ich bei mir selbst behalte, desto fester und besser werden meine Gedanken ... Ja die mauern sich dann erst recht aus wie ein Schwalbennest, das ganz sauber werden kann aus lauter kleinem Schmutz ... Müsst' ich alles, was ich denke und eben erlebte, so frisch und weich wieder von mir geben, würde ich wie ein leckes Fass ... Ich bin katolisch! sagte sie mir darauf ... Mein Gott, da stritt ich nicht mehr und weil ich die Neigung ihres Herzens schon durch die Bekanntschaft mit dem Herrn Pater Sebastus wusste und wie die Gefahr, nicht an Ihr Ohr zu gelangen, zu gross wurde durch Ihre Abreise, da sagt' ich: Wissen Sie – Ich will für Sie gehen, fräulein, wie Eliezer ging auf die Werbung für Jakob ... Sie umarmte mich, begleitete mich bis hieher – Unten in der dunkeln Gasse da – sehen Sie, da steht sie und wartet ... geben Sie der Armen den Trost, dass sie Ihnen noch einmal, nur als einem Priester versteht sich, ihr Herz ausschütten kann ...
Bonaventura's Gedanken sammelten sich in der Vorstellung, was Lucinde so plötzlich aus dem haus Nück's entfernt haben mochte ... Auch an den Brand und an die Urkunde dachte er ... Er stand sinnend und zögernd ...
Die Jüdin blickte aus ihren klugen Augen mit jener List hervor