werden ungeduldig! sprach Veilchen, blickte nieder, schwieg eine Weile und begann ihren Hut etwas aufzubinden ... Die Verlegenheit machte ihr heiss ...
Bonaventura nahm ihr ganz den Hut ab und legte ihn auf den Tisch ...
Danke! sagte sie, indem sie sich die langen Locken strich ... Ich bin eitel ... Sie könnten glauben, mein Gesicht wäre bloss Nase ... Sie ist freilich mein stärkstes Organ geworden ... Alle Menschen haben in ihrem Alter einen teil des Körpers, der die Oberhand gewinnt ... Beim einen ist's der Magen, beim andern die Galle, beim dritten die Leber – bei mir die Nase! ... Ein feines Organ! ... Der Sitz der Phantasie! ... Die Phantasie hab' ich in meiner dunkeln Rumpelgasse nötig! ... Ich gehe des Jahrs nicht zehnmal an die Luft ... Ich will nicht! ... Was sag' ich – "will nicht!" ... Mein Wille stellt sich an den Kleiderschrank und wird verdriesslich, wenn er kein Kleid findet, das ihm zum Ausgehen passt ... Consequenz! Wille! ... Ich kenne z.B. ein schönes junges Mädchen – ...
Veilchen hielt inne ... Ihr Auge blitzte forschend auf ...
Bonaventura atmete hörbar ...
Dem schönen Mädchen hab' ich oft gesagt: Deine Liebe, Kind, ist ein Irrtum; ist bloss eine Lüge gegen dich selbst! Dich verzehren Eifersucht, Stolz! Deine Liebe gegen den gewissen Mann ist sogar bloss Rache! Willst ihn nur quälen, immer an dich erinnern – sagst darum: Ohne ihn sterb' ich! ... Das Mädchen gibt's zu. Gibt zu, dass ich ihr sage: Du bedarfst dieser Einbildung, um Kraft zu haben, nicht gegen andere schwach zu sein! Möchtest sündigen – wenn die natur sündigt – aber aus Berechnung klammerst du dich an deinen Wahn – nennst d e n Treue! ... Schüttelt sie den Kopf! ... Wahr ist's, das Mädchen ist geflohen vor einem schlechten Mann und wohnt versteckt in meinem Schlafstübchen und ist krank – aus "Liebe!" ...
Bonaventura hatte sich bei diesen Worten, die mit einem prüfenden, fast listigen Forschen der von unten her zu ihm aufblickenden Augen vorgetragen wurden, schon erhoben ...
Zwei Empfindungen kämpften in seiner Brust ... Ein Gefühl der Entrüstung über die dreiste Absicht dieses Besuchs und die Verzweiflung um Lucindens nicht endendes Wühlen ... Dass er eine Botin Lucindens vor sich hatte, sah er jetzt ...
Veilchen erschrak vor seinem Aufstehen und sagte einlenkend:
Bitte, mein Herr! Was ein römischer Priester gelobt hat, ich weiss es sehr gut und hab' es einst selbst erfahren ... Sie haben gewiss, setzte sie mit sich ermutigendem, schärfern Ton hinzu, von jenem Leo_Perl gehört – den Ihr Herr Oheim einst verführte – zu – einem gewissen Betruge ...
Dies Wort kam ganz mutvoll ...
Bonaventura starrte die kühne Sprecherin an, die über einen so mächtigen blick dann doch den ihrigen wieder niederschlug ...
Bitte, Herr Priester! flüsterte sie ... Vergebung ... Aber wahr ist's doch ... Herr Leo_Perl hatte mir die Ehe gelobt ... Ich weiss nicht, ob ich zum lachen bin, wenn ich mit dieser Gestalt sage, dass ich nach Witoborn reiste mit unserer Base, Henriette Lippschütz, und mit ihrem Mann – und dass wir ein Fenster mieteten dem geistlichen Seminar gegenüber ... Ich war nicht schön, aber ich hatte noch Wangen um diese grosse Nase ... Ich hatte einen Mund noch mit Lippen ... Kein Bild war ich, aber weisse – unechte Perlen standen mir gut im schwarzen Haar ... Der arme Narr, der ein Heiliger werden wollte, weil er Jesum von Nazaret glaubte bei der falschen Hochzeit beleidigt zu haben – ...
Bonaventura konnte keine Worte für sein Erstaunen finden ...
Vom Kronsyndikus von Wittekind mein' ich die Hochzeit mit der Italienerin! ...
Veilchen, die einzige Vertraute Löb Seligmann's, sprach fest und bestimmt ...
Während Bonaventura vor Entsetzen sprachlos starrte, kehrte Veilchen auf die Erscheinung, die sie am Fenster abgegeben haben mochte, zurück und sagte:
Jedes Auge ist schön, wenn Tränen darin stehen ... So erregte auch mein bittender Gruss, mein verzweifelnder blick in das geistliche Seminar hinüber, wo ich den gelehrten Mann hinter Eisenstäben erblickte, seine Verzweiflung ... Er wollte umkehren ... Ich erfuhr es ... Aber es war zu spät ... Um der Tränen willen, die ich Ihrem Oheim verdanke, Herr Priester, verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen in so später Nacht aufs Zimmer komme und Sie bitte: hören Sie dem fräulein Lucinde, ehe Sie reisen, und wenn in diesem Augenblick, noch einmal – einmal – die beichte ...
Bonaventura war über die Bekanntschaft einer dritten person mit diesen tiefsten Geheimnissen seiner Familie ausser sich ...
Er stand nur, unbekümmert um Lucindens jetzt vorauszusetzende unmittelbare Nähe, unbekümmert um die durch einen solchen Nachtbesuch ihm drohende Beschädigung seines Rufes, und starrte die Sprecherin mit vor Schreck geöffneten Augen an ...
Fürchten Sie aber