die wieder von ihm geöffnete Tür ...
Eine kleine person, in einen schön glänzenden schwarzen Atlasmantel gehüllt, der beim Verbeugen aufschlug und die rechte Schulter etwas höher zeigte, als die linke, in einem warm gefütterten grossen Hut, aus dem zwei lange schwarze Locken und im Grund nur eine Nase heraussahen, trat einen Schritt näher und bat für die späte Störung um Entschuldigung ...
Womit kann ich dienen? fragte Bonaventura und stellte die kleine grünlackirte Studirlampe auf den Tisch, dem befangenen Besuch einen Sessel darbietend ...
Ich würde nicht gewagt haben – begann die kleine Gestalt – Herr Priester – Hochwürden – in so später Stunde – aber da ich – Verwandte – die von Ihrer Güte, lieber Herr – ich meine Herrn Seligmann in Kocher am Fall – ...
Herr Löb Seligmann! unterbrach Bonaventura die nur hustend, atemlos und räuspernd hervorgebrachten Worte mit der ihm eigenen Herzlichkeit ... Ist der Treffliche ein Verwandter von Ihnen? ...
Nicht zu nah und nicht zu fern! Gerade wie bei Verwandtschaften am besten ... lautete die schon dreistere Antwort Veilchen's, die jetzt ihren Namen Igelsheimer wiederholte und sich setzte, indem sie, als Bonaventura ihren Namen fragend nachsprach, sogleich fortplauderte:
Für unsere Namen können wir Juden nicht ... Die hat uns die Polizei gegeben ... Wenn auf die Aemter zu viel Moses und Isaaks und Abrahams kamen und die Schreiber nicht wussten, welches der Abraham Moses und welches der Moses Abraham war, so nahmen die Herren Actuare voll Zorn ganze Gemeinden her und sagten: Dem wollen wir bald ein Ende machen! ... Und da die Juden ohnehin die Vorstellung von Tieren auf der Jagd wecken, so kamen die schönen Namen Bär, Hirsch, Löwe, Wolf, Adler, auch Haustiere: Ochs, Kuh, Rindskopf, Rindsmaul – Nur den Esel gaben sie keinem, weil Dummheit auf keinen von unsern Leuten passen wollte! Andere Namen sind nach den Orten gewählt, wo die Leute her sind, Fuld, Worms, Oppenheim – Ich weiss nicht, wo auf Ihrer Landkarte da mein Stammsitz Igelsheim liegen mag ...
Durch diese überraschend dreiste, aber anspruchslos vorgetragene Rede war Bonaventura gewonnen ... Er stützte den Arm auf seine Landkarte und rückte die Lampe näher, um, wie er sagte, vielleicht einen Familienzug mit der braven Frau Lippschütz zu entdecken, die in Kocher am Fall zu seinen speciellen Gönnerinnen gehört hätte ...
Ich bin aus der Art geschlagen! sagte Veilchen. Die Seligmanns sind sich untereinander nicht ähnlich. Der, bei dem ich wohne, Natan ist er geheissen, in der Rumpelgasse, gleicht zu seinem Bruder, wie ein Holzapfel einem Paradiesapfel ...
Bonaventura hörte kaum den Namen der "Rumpelgasse", als er sich auf Lucindens letzte beichte, auf Klingsohr's Beziehung zu dem Trödler Seligmann und die dabei erwähnte hülfe einer Jüdin besinnen musste ...
Schon betroffen fragte er nochmals, womit er dienen könnte ...
Veilchen machte eine Pause und sprach, ihre zurückkehrende Verlegenheit durch das Lüften ihres Mantels verbergend:
Herr Priester! Ich möchte mir die Frage erlauben: Was halten Sie – von – der menschlichen Consequenz? ...
Bonaventura glaubte nun doch, dass von einem Religionsübertritt die Rede sein sollte und antwortete:
Sie kann eine grosse Untugend sein, wenn sie mehr ist, als Treue gegen uns und andere ...
Mit erlaubnis ... Treue gegen andere kann nicht Consequenz sein, entgegnete Veilchen ... Was die andern Liebe und Treue nennen, die man ihnen gewähren soll, führt den Menschen immer im Kreise rundum ... Die Liebe ist ja das eigensinnigste Ding von der Welt und Gegenliebe kann nicht consequent sein ...
Bonaventura fand in diesen Worten keinen Uebergang zum Bedürfniss der Taufe ...
Ich sagte schon, sprach er, dass ich die gerade Linie in unsern Handlungen nicht liebe, wenn sie zum toten Gesetz wird ... Aber keine wahre Liebe wird Untreue gegen uns selbst verlangen ...
Herr Priester, die Liebe will den Löwen zum Hasen, den König zum Bettler, den Philosophen zum Narren machen – Können Sie bleiben, was Sie sind, so hört die Liebe auf ... Frauenliebe gewiss ... Eine Frau verlangt, dass der Mann um ihretwillen seinen Glauben abschwört ... Sie verlangt's nicht immer und nicht im ganzen Jahr und nicht bei feierlicher gelegenheit; aber wenn sie gerade schlecht geschlafen hat, sagt sie: Das hilft gegen Kopfweh! und es muss dann sein ...
Wohl jedem, der von einer solchen Liebe verschont wird! entgegnete Bonaventura lächelnd ...
Aber alle Liebe ist so! meinte Veilchen ... Die Liebe will im andern untergehen, um in sich selbst – – desto schöner wieder aufzustehen ... So lieben wir einen Mann, so die natur, so Gott ... Was ist Religion, Herr Priester? ... Gefühl von Kraft oder Schwäche? ... Bei den meisten wohl nur von Schwäche ... Gott soll uns lieben, weil wir ihn lieben ... Er soll uns das ewige Leben dafür auswechseln ... So sind wir auch meist uns selbst getreu, d.h. "consequent", weil uns Inconsequenz ein heroisches Opfer kosten würde ...
Wo sollen diese Sophismen hinaus? dachte sich Bonaventura ...
Sie