1858_Gutzkow_031_694.txt

er nicht und nahm sie, immer und immer wieder gedenkend, nicht so leicht, wie der Onkel ihm geraten hatte ...

An diesem Abend vor seiner Abreise kam ihm wieder die trübe Vorstellung mit ganzer Macht ... In sich steigernder Angst hatte er seine Tür verriegelt ... Er hatte sich allen Abschieden entzogen ... Die Briefschaften an den Cardinal Ceccone, in denen die Curie um die Nachgiebigkeit Roms flehte, lagen in einem geheimen Fach eines seiner mehrern Koffer ... Er rechnete an seiner Baarschaft, siegelte die Briefe nach Witoborn und Kocher am Fall und wollte zeitig zur Ruhe ... Das Dampfschiff brach schon in erster Frühe auf ...

Er hatte die Karte vor sich ausgebreitet ... Sein Auge schweifte bald auf die nächsten, bald die entferntesten Gegenden ... Auf Kocher am Fall, wo ihn ein Bangen ergriff: Den teuern Onkel siehst du nicht wieder –! ... Auf Westerhof und Witoborn, wo so viele Herzen gerade jetzt mit gleichen Empfindungen an ihn denken mochten ... Paula! ... Ein verklungener Glockenhall ... Jene "letzte Freude" seines Liedes vielleicht – "aufschäumend" vor dem tod ... Die eigene Mutterdie ihre Teorie vom Nichtwissen, das dem Menschen bei mislichen Dingen besser wäre, als Wissen, auch auf die Verhältnisse mit Benno übertrug und dem Sohn noch vor kurzem geschrieben hatte: "Wittekind ist so gewissenhaft; rege ihn nicht auf mit Benno's Mitteilungen aus Wien! Allein schon die Nachricht über den Tod Angiolinens raubte ihm die Ruhe der Nächte" ... Auf die Donau sah er dann, auf Wien und seine Umgebungen, wo er den Grafen Hugo prüfen sollte –! Prüfen, glaubte er, ohne dass es Graf Hugo wussteAch, es war wieder jene Welt der Beichtgeheimnisse, in denen er lebte, jene Welt, wo der Sohn vom Vater, die Tochter von der Mutter, der Schüler vom Lehrer, Gesinde von der herrschaft spricht ... Schon hatte er jene katolischen Priesteraugen, die so irrend umgehen ... Wird es dir in Rom, auf das er blickte, gehen wie dem Augustinermönch Luter? ... Wirst du Castellungo berühren dürfen und deine Mutterwirklich als in Bigamie lebend erkennen? ... Wirst du dich nur bei Nacht zu Frâ Federigo stehlen dürfen, wie Nikodemus zum Herrn? ... Wirst du so fortleben in deinem Beruf? Halb in Hass, halb in unerklärter Liebe zu ihm? ... Wo ist Versöhnung? ... Und siehst du Benno und die beiden flüchtigen Alcantariner? ... Siehst du das Schreckbild unsers Glaubens Klingsohr? ... Siehst du den "Abtödter", dervielleicht am Brand in Westerhof beteiligt ist? ... Sinnend fiel sein blick auf die Karte dahin und dortin ... Mit den Alpen brach sie ab ... Da lag noch der St.Bernhard ... Da lag St.-Remy, wo sein Vater begraben sein sollte ... Da Aosta ... Dann dachte er wieder, grade diese Gegend müsse er meiden, eben des Vaters selbst wegen, der tot sein wollte ... Zuletzt ging es auf der Karte bergab gegen Süden mit hundert kleinen Gebirgswässern, die wie Fäden eines Nervengeflechts dahinschossen, durchschnitten vom Längenmass der Karte ... Castellungo, Cuneo und Robillante lagen tiefer abwärts, am Fuss der Meeralpen, jenseit Turins ...

So in das geheimnis- und verhängnissvoll Leere blickend, erschrak er vor einem plötzlichen Pochen ...

Er glaubte sich geirrt zu haben ... Das Pochen war leise und wiederholte sich nicht ...

Das grosse Gebäude war in seinem Haupteingang verschlossen ... Eines Ueberfalls verdächtiger Personen konnte er nicht gewärtig sein ...

Das Pochen erfolgte nach einer Weile zum zweiten mal und Bonaventura glaubte nun schon nicht anders, als Lucinde stünde draussen ...

Der erste Strom, der sich von seinem erregten Gemüt über alle seine Nerven ergoss, war Todschrekken ...

Seine Hand langte nach dem Klingelzug und klingelte ...

Es währte lange, bis seine trauernde Renate kam und die verweinten Augen barg ...

Sehen Sie doch, wer draussen ist! sagte er bebend ... Ist esdie Ihnenbekannteperson, so bin ich nicht zu sprechen ...

Mit diesen Worten ging er in das Nebenzimmer und horchte an der Tür, wer sich meldete ...

Renate hatte geöffnet ...

Die stimme musste nur leise sprechen ... Bonaventura konnte nichts vernehmen ...

Renate kam zurück und berichtete:

Es ist eine kleine gebrechliche person ... Eine Jüdin, wie sie sagte ... Den Namen hab' ich nicht behalten ...

Eine Jüdin konnte zu Bonaventura nur kommen, um über die Taufe zu sprechen ... Der Fall war ihm neu ... Lucinde war es jedenfalls nicht ... Diesem Besuch konnte er sich nicht entziehen ...

Ich esse nur wenig zu Nacht, sagte er milder zu Renaten, und gehe dann zeitig zur Ruhe ...

Renate seufzte und liess ihren "Sohn" allein ...

Er betrat sein Zimmer ... Die bescheidene Jüdin war auf dem Corridor geblieben ...

Treten Sie doch näher! sagte er und leuchtete mit der Studirlampe an