überbringen ... Benno hatte überraschend schon aus Rom geschrieben und welchen Inhalt barg sein der Sicherheit wegen durch reisende Geistliche überbrachter Brief! ... Wie erschütternd, wie befruchtend für ein ganzes Leben! ... "Komm' auch Du herüber", hiess es nach der Erzählung alles dessen, was Benno in so wenigen Tagen erlebt hatte; "ich weiss einen Bischofssitz in Italien, der nur allein Dir gebührt und der Dir angetragen wird, sobald Du in Wien angekommen bist und an einem gewissen Altar zu 'Maria Schnee' dreimal celebrirt hast" ... Er hatte den Sitz, um Aufregung wegen Paula zu vermeiden, nicht genannt ... Und vom Onkel Levinus war in der Tat die feierliche Aufforderung gekommen, seine Ermunterung zu Paula's Ehe zu wiederholen, aber nur erst dann, wenn er den Grafen Hugo persönlich gesehen, gesprochen und seine Würdigkeit geprüft hätte ...
Im ersten Schmerz nach dem Empfang dieses Briefes sagte Bonaventura: Das ist das erste strafende und herbe Wort, das ich aus Paula's mund vernommen! ... Eine auferlegte Busse! Eine Strafe! ... Sie will, dass ich den Kelch, den ich ihr so kalt reichte, selbst leeren helfe! ...
Jedes Glöcklein in der Mette, jeder Orgelton sprach ihm jetzt: Sustine et tolle! Halte aus und trage ... So wollte er denn reisen und länger fortbleiben ... Er wollte nach Italien, nach Rom ... Er nahm Urlaub auf ein Jahr ...
O du Kreuz, du Holz der Sühne,
Wahres Heil der Welt, o grüne,
Grüne, blühe, sprosse fort –!
war der Text seiner Abschiedspredigt ...
O crux, lignum triumphale,
Mundi vera salus, vale,
Fronde, flore, germine –
Worte des Hugo von Aurelia, die ihm gelegenheit gaben, auch von der "Schönheit der Leiden" zu sprechen ...
Bonaventura stand wieder unter doppelter Anfeindung ... Ebensowol von der Regierungs- wie von der kirchlichen Seite ... Zwar hatte er die Genugtuung erhalten, dass gegen Cajetan Roter eine Untersuchung eingeleitet wurde, die der junge Enckefuss mit Erbitterung führte ... Bonaventura hatte in Betreff der jetzigen Madame Piter Kattendyk richtig geahnt, dass der ungetreue Hirt den religiösen Hang und Treudchens Trauer ebenso gemisbraucht hatte wie ihre geringen Geisteskräfte ... Er hatte sie zur Heiligen – metodisch erziehen wollen ... bestialischer Verwilderung nur innerhalb der geistlichen Gerichtsbarkeit zu bestrafen, ging aufs äusserste ... Die Kirche ist gegen die Verbrechen ihrer Kleriker strenger, als irgend ein weltliches Gesetz; nur will sie dann allein strafen und dem Staat den Einblick versagen ... Bonaventura musste Zeugenaussagen vor Gericht geben – Auch das mehrte sein Unbehagen. Er sehnte sich für immer fort ... Er hatte die Ahnung, nicht wiederzukommen ...
Je vollständiger die Rüstung Bonaventura's zu seiner Reise sich abschloss, je mehr sie den Charakter annahm, den nur allein Renate nicht bemerkte, dass er vielleicht in ein ganz nur der Gelehrsamkeit gewidmetes Benedictinerkloster an der Donau oder in der Schweiz trat, desto banger wurde ihm die Erinnerung – – an Lucinde ...
Wird sie, sie dich so ziehen lassen? sagte er ...
Er erfuhr von Tiebold, dass sie zwar aus dem Kattendyk'schen haus zur Frau Oberprocurator Nück gekommen wäre, aber nur auf acht Tage, und dass sie plötzlich dort verschwunden war ...
Tiebold errötete, als er gestand, dass Nück in seiner Verzweiflung auch zu ihm gekommen war und ihn gebeten hatte, beim Domkapitular anzufragen, ob dieser keine Auskunft über sie wisse ... Bonaventura nahm acht Tage vor seiner Reise keine beichte mehr ab ... Er erschrak teils über die Voraussetzung seiner nähern Bekanntschaft mit Lucindens Verhältnissen, teils in Vorahnung, dass mit dieser Nachricht vielleicht wieder seine Reise in Zusammenhang gebracht werden musste ... Die Abschiedsscene vor seiner Reise nach Witoborn, die Erinnerung an die damals gegen ihn ausgestossenen Drohungen stand schreckhaft vor seiner Phantasie ...
Noch vor acht Tagen begegnete ich ihr in der Katedrale, sagte er ... Sonst sehe' ich sie ja schon lange nicht mehr, da sie meinen Beichtstuhl nicht – besucht ...
"Besuchen darf!" – hallte es in Tiebold wieder ... Es wusste dies die halbe Stadt ...
Nachdem Tiebold mit tausend Segenswünschen, mit guten Ratschlägen, mit Grüssen an Benno, mit Verwünschungen der grossen Demostenes-Rolle seines Vaters bei den Landständen gegangen war, fiel erst recht der Schrecken der Mitteilung über Lucindens spurloses Verschwinden auf Bonaventura's Brust ...
Es war am Abend vor der Abreise ... Sieben Uhr ... Draussen schon lange alles finster – Sein Gepäck geordnet ... Dann und wann blickte er auf die matterhellten öden Gänge des Kapitelhauses ... Es war ihm, als müsste es plötzlich pochen und als würde ihm wieder eine äusserste Erregung kommen ...
Konnte er sich verbergen, dass er Tag und Nacht an Lucinde dachte! ... Furcht vor ihren Drohungen zwang ihn dazu ... Jeder irgendwie bedeutendere Vorfall in seinem Leben weckte die Erinnerung an die ihn betreffenden Verhältnisse, die sie in ihrer ewigen Obhut zu haben erklärt hatte ... Diese Drohung, dass sie jeden Segen, den er zu verbreiten hoffte, in Fluch verwandeln könnte, vergass