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und dann entscheidet, ob sie ihm ohne Gefahr für ihre Seele die Hand reichen kann" ...

Der Graf war ausser sich und rief: ...

Von Terschkavon hundert Zeugen weiss ich, dass sie diesen Priester liebt! .. Es ist Bonaventura von Asselyn ...

Die Mutter schwieg eine Weile, faltete den Brief zusammen und beschwichtigte den zornig Auf- und Abgehenden:

Aber sein Verwandter, der junge Benno von Asselyn, hat dir doch wohlgetan ...

Ich habe mich gewöhnen wollen, sprach der Graf, dass meine Gattin das Bild einer andern Neigung im Herzen trägt ... Ich würde mich bekämpft haben ... War ich doch selbst nicht treu ... Aber ich rang danach, treu zu werden ... Ich konnte Angiolina entbehren ... Der Himmel erleichterte mir diesen Kampf – ... Und nun soll der Geliebte Paula's mir persönlich gegenübertreten, mich prüfen, erst seine Entscheidung geben? ... Das ist mein Ruf? So werde' ich in Westerhof beurteilt? Beurteilt um ein verhältnis, das der Himmel auf diese schmerzliche Art löste? Nein! Nun trotz' ich Allem! ...

Mein Sohn –! ...

Ihr G e l i e b t e r soll michprüfen! ...

Es ist ein Priester, mein Sohn, suchte die Mutter zu beruhigen ... Einer der besseren ... Ich hörte ihn predigen ...

Der Graf lehnte jede Beruhigung ab ... Das ist die Erklärung, die du von Westerhof mitbringst? fragte der Graf mit Entschiedenheit ...

Die Mutter zitterte über seine drohenden Mienen ... Mit bebenden Lippen sprach sie:

Ich zeigte den Brief Monika ... Diese, empört darüber, stürmte zu ihrer Schwester Benigna ... Benigna zog den Onkel Levinus ins Vertrauen ... So traten sie alle drei an Paula's Lager und fragten sie, ob so wirklich ihr Entschluss wäre? Ob sie wirklich so nach London geschrieben hätte? ... Ja! sagte sie, wandte sich ab, sah an die Wand, wo ihr Crucifix hing und ihr Weihwasserbeckensprach kein Wort mehr und mit dieser Entscheidung kehr' ich zurück ...

Der Graf konnte sich nicht beruhigen ... Seine Erinnerung an die Hingebung Angiolinens, sein Stolz, die Erwägung seiner ihn zur Annahme solcher Bedingungen zwingenden Verhältnisse, ja eine Spannung sogar auf Paula, die zu einem tiefern Interesse geworden war, alles stürmte zu mächtig auf ihn ein ...

Er rief aus:

So beginne aufs neue der Process! Ich zweifle die Urkunde an ... Terschka muss helfen ...

Mein Heiland! rief die Mutter entsetzt und mit gefalteten Händen ... Darüber gehen wir zu grund! ... Die Zickeles subhastiren Salem und Castellungo ...

Mag es! rief der Graf wild und riss sich los ...

Verzweifelnd stand die Mutter und hörte das Verhallen seiner Sporen, das heftige Zufallen der Türen, die er aufriss ... Nicht zu seinen Zimmern im Palais ging er ... Er wandte sich zur grossen Treppe ... Sie eilte ihm nach ... Er war verschwunden ...

Graf Hugo stürmte dahin ... In seinen weissen Mantel gehüllt, mit klirrenden Sporen ... Sein Innerstesgelähmt durch jenes tiefe Weh, das sich über unsern ganzen Menschen ausbreitetwenn wir Rührung über uns selbst empfinden ...

Er irrte um die Freiung, wo sich ihm ein so schnell gefundener Freund so schnell wieder entzogen hatte ...

Er irrte in die Nähe der dunkel gelegenen Kirche, wo die Gedächtnissmetten für Angiolinen gehalten wurden ...

Er irrte einem platz zu, wo sich die stolzen Gebäude des Kriegsministeriums erheben, bei dem er sein Abschiedsgesuch zurückzunehmen gedachte ...

So kam er zu den sogenannten "Obern Jesuiten", zum Haus des heiligen Stanislaus ...

Eine Weile stand er trauernd in der dunkeln Gasse ...

Da hörte er einen getragenen Gesang aus einem hintern hof her mit einfacher Klavierbegleitung ...

Terese Kuchelmeister machte mit den Professoren Dalschefski und Biancchi das nicht zugelassene, in schneller Begeisterung gemeinschaftlich aus alten Studien zusammengestellte Requiem ...

Bei einem sanften Minore, in dem die Worte: Dona eis pacem! erklangen, liess Terese mit den Worten: Jesus, der Graf! die Noten fallen.

12.

Einmal, eh' sie scheiden,

Färben sich die Blätter rot,

Einmal noch in Freuden

Singt der Schwan vor seinem Tod

Und an edlen Bäumen,

Wenn der Winter vor dem Tor,

Bricht in irrem Träumen

Wohl ein Frühlingsreis hervor

Stirbt der Lampe Schimmer

In des Dochts verkohltem Lauf,

Zuckt mit hellem Flimmer

Einmal noch die Flamme auf

Einmal wird gelingen,

Eh' mein Stundensand verrollt,

Mir von guten Dingen

Eines noch, was ich gewollt

Eins wird sich erfüllen,

Eine Freude wird, wie Wein,

Schäumenüberquillen –!

Mag es dann geschieden sein.

So fühlte Bonaventura in einem Winter, wo die Novembertage noch fast sommerliche Sonnenstrahlen entsendeten und die Mandelbäume zum zweiten male zu blühen, die Hecken neue Sprossen zu treiben begannen ... Die Vorlagen waren fertig, die Bonaventura, überdrüssig der wieder aufs neue begonnenen Anfeindungenjetzt infolge seiner Predigtsich in der Tat erboten hatte, dem Cardinal-Legaten in Wien zu