. Genug, Armgart liebt mich wie ihre Grossmutter, erträgt alle meine Vorwürfe, murrt und knurrt dann wohl ein bischen – ist aber gleich wieder gut ... Doch lies! ...
"liebes Grossmütterchen!" wiederholte der Graf ... "Wie sehr ich Dich liebe und wie ungern ich mit Dir streite, weisst Du! Porzia soll Dir" –
Porzia, erläuterte die Mutter, ist in Witoborn geblieben bei jenem Hedemann, der sich mit ihr in einen Briefwechsel einliess, ihr zu meiner Ueberraschung eine italienische Bibel schenkte und sie heiraten wird – ein Mensch, der mir so gefallen hat, dass ich ihn auf Castellungo besitzen möchte ... Frâ Federigo würde seine Freude an ihm haben ...
"Porzia soll Dir den Brief nur geben, wenn Du Dich wohl fühlst", fuhr der Graf zu lesen fort. "Sind dann die Berge und dunkeln Wälder meiner Heimat um Dich und die guten treuen Menschen, wie es deren in ganz England keine gibt, so verzeihe mir, dass ich, ein Kind, in so ernste Dinge hineinzureden wage ... Leider kenne ich ja schon alles, was Gattinnen, Mütter und Mädchen im Leben zu dulden haben. Meine Haare sind mir im Geist schon so grau wie der Mutter. Ich bin weiter, als die jungen Ladies Elliot, die vor jedem Mann noch rot werden – m ü s s e n ! ... Sage: müssen – Sie suchen alle mit Eifer, was ich bereits aufgegeben habe ... Meine siebzehn Jahre haben wie welke Blüten schon Samen der erkenntnis hinterlassen ... Geprüfte Seelen suchen nicht mehr für sich das Glück ... Auch Paula sucht nicht für sich das Glück ... Aber klare Rechnung haben macht den Gentleman! sagt der garstige dicke Koch Deiner Lady, der sie genug betrügt –"
Ich höre die Mutter des Kindes! sprach der Graf lächelnd, doch durch seine Stimmung geneigt, zu überschlagen ...
Selbstgerechtigkeit! warf die Mutter ein ...
"Dass Ihr Euch der Urkunde unterwerft", las der Graf weiter, "ist schön von Euch! ... Terschka riet Dir noch vorgestern, sie durch einen Process anzuzweifeln ... Das konnte nur ein ehemaliger Jesuit raten ... Das ist das Schlechte an den Jesuiten, dass sie so klug und pfiffig sein wollen, wie eben die Zweifler auch ... Glaube mir, unser himmlischer Vater hat auch für den katolischen Glauben vielerlei Wohnungen ... Katolisch und katolisch ist ein Unterschied ... Wir Rechtgläubigen seufzen genug über viele unserer Priester und möchten sie, besonders wenn sie so recht tabacksschmutzige blaue Sacktücher, grobe Pfundsohlen an den Stiefeln und harte hände vom Heufahren und Mistabladen in ihren Höfen haben, fast hätt' ich gesagt prügeln, gerade wie, nach Onkel Levinus, die Russen mit ihren betrunkenen Popen tun ... Das wissen wir Katoliken unter uns selbst sehr gut und leiden darunter, bei der Messe sowohl wie im Beichtstuhl ... Gewisse andere Priester mögen wir Katoliken auch wieder deshalb nicht, weil sie im Gegenteil wie die Tanzmeister sind ... Die, die immer süss den Mund spitzen und die Augen verdrehen und aus dem lieben Herrgott einen Conditor machen, von dem sie bei jedem Besuch Bonbons mitbringen, auch das sind für uns rechtgläubige Christen blosse 'pfaffen' – und zu denen gehören meist die Jesuiten – alle aber auch nicht, Grossmütterchen ... Dein Fefelotti mag freilich schlimm sein ..."
Du weisst, unterbrach die Mutter, wie unsere Bedrängnisse schon anfangen? ... Ich werde zu Cardinal Ceccone gehen müssen, um das Kapitel von Cuneo anzuklagen ... Doch – lies! ...
"Ebenso sagte Terschka, er wollte Beweise beibringen, dass eine gewisse Lucinde Schwarz, im Auftrag Deines 'Doctors aus dem Abgrund', an dieser Veranstaltung nicht unbeteiligt gewesen ... Ich halte Lucinden allerdings für fähig, Feuer anzulegen; aber es gibt Verbrechen, die so gross sind, dass sie ehrwürdig werden, zumal wenn sie Gutes stiften und Engel zu unwissentlichen Mitschuldigen machen" ...
So verteidigt die Götzendienerin gegen Lady Elliot auch die gefälschten Rechte des Bischofs von Rom! ... warf die Mutter ein ...
"Grossmütterchen, das hat mir von Dir gefallen", las der Graf weiter, "dass Du dem falschen Heuchler, dem Terschka, endlich einmal über eine Sache unrecht gabst ... Der erleuchtete Mann hat ewig bei Dir recht ... Ganz vornehm und würdevoll lehntest Du die Zweifel ab und wolltest lieber Dich darein ergeben, dass Paula in ein Kloster und Euer Name und Euere Herrlichkeit zu Grund ginge, als wieder processiren und die andere Linie ins Zuchtaus schicken, wie Du sagtest ... Paula geht nicht ins Kloster ... Sie schreibt mir, dass ich es übernehmen soll, Dir ihre ganze Meinung zu sagen ... So wisse denn: Ja! sie nimmt Deinen Sohn, wenn –" ...
Graf Hugo war an dieser Stelle schon aufgesprungen und hatte den Brief voll Zorn und Abscheu von sich geschleudert ...
Schon hatte sein Auge die Bedingung gefunden, die jetzt die Mutter las, nachdem sie den Brief an sich genommen ...
Das ist es! seufzte sie ... "Wenn der liebste Beichtvater ihrer Jugend nach Wien reist, Deinen Sohn persönlich kennen lernt