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Nie! entgegnete die Mutter ... Mit meiner Ankunft hörte der Spuk auf ... Ich kann dir nicht leugnen, dass sie während der ganzen Zeit meiner Anwesenheit krank im Bett lag ... Ja, als ich hören musste, dass meine Persönlichkeit, ich, ich allein es wäre, die ihr Schmerzen verursachte, geriet ich ausser mir ... Man nannte eine frühere Erzieherin von ihr, die ganz ebenso auf sie gewirkt haben soll ... Die Nähe eines Wesens also, das ihren Irrtümern widerstrebt, verursacht ihr Schmerzen! ... Zur Linderung ihrer Leiden berief man von Witoborn den Obersten, der mit wenigen Handstrichen sie auf Stunden beruhigte ...
Graf Hugo stand in grosser Erregung auf und machte einige Gänge im Zimmer ...
Die Mutter fuhr fort:
Glücklicherweise beherrscht Monika das Schloss ... Ich schrieb dir schon, sie hat den Mut gehabt, Armgart, von der du meine Schilderungen kennst, nach England zu schicken, um dies liebe Kind aus der düstern, Verstand und Herz vergiftenden Atmosphäre jener Gegend zu entfernen ... Besonders aber auch, vertraute sie mir – o wie lieb' ich unsre Monika – deshalb, um auf Paula Armgart's Einwirkung zu hindern ... Denn wunderlich ist auch dies Kind ... Was wir allenfalls erreicht haben, hat Monika allein vollbracht ...
Allenfalls erreicht? wiederholte der Graf mit Befremden und Unmut ...
"Alle eure sorge werfet auf ihn; er wird es wohl machen!" sagte die Mutter ... Ich war vierzehn Tage in Westerhof ... Comtesse Paula blieb und blieb krank ... Ich sah sie nur zweimal in Toilette, bei der ersten Begrüssung, der sogleich die Krankheit folgte, und einmal, als die magnetische Behandlung durch den Obersten von besonderer wirkung gewesen ... Sie ist sehr schön ...
Kein Bild von ihr? ...
In jener Gegend malt man nur die Heiligen, mein Sohn ... Ein Kinderporträt wollt' ich nicht mitbringen, da es nicht mehr ähnlich ist ... Sie ist schön, sag' ich dir ... Hoch und schlank und in allen Gesichtszügen edel ... Augen, Haar, alles von einem lieblichen Reiz ... Die Bildung tief, tief vernachlässigt ... Ja, mein Sohn, das ist entsetzlich ... Aber ihr Charakter sanft, leider freilich – versteckt und – von jener Zurückhaltung, die mir, du weisst es, an den Katoliken so peinlich ist ... Nichts Offenes, nichts Ehrliches ... Sie versichern dich der grössten Freundschaft und du gewinnst kein Vertrauen ... Das grosse Priestergeheimniss hat sie alle mit umstrickt! ... Man glaubt, sie lebten in dem, was wir sie täglich treiben sehen – aber es umspinnen sie ganz andere Dinge ... Paula heilt noch immer und segnet Kissen und Amulete, aber sie sagt, dass sie selbst nicht mehr daran glaube ... Die Geistlichkeit wünscht ihre Visionen nicht, da sie merkwürdigerweise – nicht katolisch sind ... Monika sagte mir, es gäbe eine Partei, die heimlich dahin wirkte, sie für eine Besessene zu erklären ... Das ist Aberglaube ... Aber die Macht des bösen Feindes bleibt gross ... Wenn ich je an seine umgehende Macht und die Verschmitzteit des Teufels geglaubt habe, war mir's manchmal beim Anblick – dieser unstäten, irrenden, versteckten – Augen ...
Mutter! unterbrach Graf Hugo die von ihren in Westerhof empfangenen Eindrücken aufgeregte Greisin ...
Ich will das jungfräuliche Kind nicht anklagen – sagte die Mutter, fuhr aber ganz wie die heilige Hildegard fort: Glaubst du nicht, dass der Teufel auch die Gestalt der Engel annehmen kann? ... Doch – lenkte sie dann ein, ich klage die Comtesse nicht an und teile Monika's Meinung, dass die Ehe das alles ändere ... Aber ein Ja! ein Nein! von Paula selbst, von diesen halben Menschen, diesem Levinus, dieser Benigna zu gewinnen, war unmöglich ... Kurz vor dem Tage, wo ich die letzte Entscheidung wünschte, bekam ich endlich ein offenes Wort ... Aber – rate, woher? – Aus London – von Armgart ...
Der Graf nahm einen Brief entgegen, den die Mutter den ganzen Tag auf ihrem Herzen getragen zu haben schien ...
Seufzend zog sie ihn hervor und entfaltete ihn mit den Worten:
Dieser Brief ist ein trauriger Beleg für die Verstokkung der Gemüter durch das Papsttum ...
Graf Hugo nahm den Brief und las, nachdem er über die noch unfertige Handschrift wie die eines Kindes und die mit derselben so in Widerspruch stehende Wichtigkeit des Inhalts mit schmerzlicher Miene gelächelt hatte ...
"liebes Grossmütterchen!" schrieb Armgart ...
Die Gräfin unterbrach:
Ich wiederhole dir, dass dies, ich kann wohl sagen, liebenswürdige Kind zwar mit den Engländern und namentlich mit Lady Elliot auf dem gespanntesten fuss lebt, sich aber an mich, ich kann sagen, wie ein Hündchen angeschlossen hat – Ja, das Wort passt ganz ... Die hohe Begeisterung, die ich für ihre älteren empfinde, namentlich für ihren Vater, den ich fast höher stellen muss, als Monika – Oder ist es bloss meine Reue, dass ich ehemals Terschka's Bewerbung unterstützen konnte? ..