nicht mehr beleben und erheitern konnte.
Des Geldes, das allerdings sonst, wenn es mangelte, dem "Weltschmerz" Vorschub zu leisten pflegte, besass Klingsohr genug. Wie kam er zu dieser verstimmten Laune, diesem schlendernden, dicht an den Häusern entlang gehenden gang, diesem Niederblikken, diesem heftigen Aufschlagen der Gläser, dass sie oft in Scherben zersplitterten, diesem erbitterten Angriff auf Richtungen, denen man ihn verwandt glaubte, dieser gehässigen Verfolgung alles dessen, was lebensvoll und fröhlich sich um ihn her tummelte?
Einige Aufsätze schrieb er damals für Blätter, die seine Freunde redigirten. Die doctrinären Behauptungen darin gingen selbst diesen zu weit. In einer Republik von Bürgern rühmte er den Adel, nannte ihn von Gott eingesetzt, stellte ihn wie Leuchten hin, die das Dunkel der zeiten erhellen sollten, pries ihn seiner Einseitigkeit wegen, in der die Bürgschaft seiner Kraft läge, ja schloss damit, dass kein Denker besser die Zeit erfasst hätte als jener Ludwig von Haller zu Wintertur in der Schweiz, derselbe, der Lutern einen sittenlosen, entlaufenen Mönch genannt hat.
Diese Artikel erregten Widerspruch. Sie würden in dem Kreise, der Klingsohrn bewundernd umgab, eine Spaltung hervorgerufen haben, wenn nicht seiner Vergötterung des Adels eine Nemesis der schneidendsten Ironie gefolgt wäre.
Sie erregte das aufsehen der ganzen Stadt.
17.
Eines Tages, an einem schönen Nachmittage, sass Klingsohr am Alsterpavillon wieder unter seinen Freunden.
Sie waren heute zahlreicher denn je vertreten, da man auf dem wallenden blauen Bassin ein Wettrudern veranstalten wollte, zu welchem einige von ihnen als Comitémitglieder gehörten und sich über mancherlei dabei zu beobachtende Vorschriften vor der entscheidenden Sitzung zu verständigen wünschten. Schon baute man ein Gerüst auf einigen Kähnen, das in bunter Ausschmückung in der Mitte des Bassins als Festtribüne vor Anker liegen sollte. Die massen der Bevölkerung wogten hin und her. Klingsohr war vorm Tore gewesen und hatte, wie schon oft, Lucinden nicht gefunden.
Diese konnte das Einerlei der Beetoven'schen Sonaten, der grünen Erbsen und vaterstädtischen Münzen nicht länger ertragen und hatte nach rechts und links ihr Terrain erweitert. Menschen, die von einer frischen und lebenskecken Kraft sich bestimmen lassen, finden sich überall. Lucinde hatte die ganze Reihe der Sommerwohnungen von Nr. 25 bis 40 diesseit der abgeblühten Hollunderhecke und jenseit von Nr. 45 bis 60 durchbrochen und dort durch Vermittelung von Kindern, hier durch einen entflogenen Papagai, da durch ein am Buschwerk des Gitters beim Vorüberstreifen hängen gebliebenes Tuch, dem man von innen Abhülfe spendete, eine Bekanntschaft nach der andern geknüpft. Zum Schrecken der beiden Damen Carstens war sie überall einheimisch geworden, sowohl bei Menschen, die jährlich 10000 Mark einnahmen, als bei solchen, die vielleicht nur auf 4000 kamen und sogar den Winter über die Sommerwohnung nicht verliessen; "ja bei Juden sogar", bei Lotteriecollecteuren und Hausmaklern sprach sie ein und wusste alle Geheimnisse der jungen Mädchen und jungen Frauen, der Matronen, sogar der Ehemänner und Greise. Ihre Zutraulichkeit befremdete erst, dann entzückte sie. Die fremdartige, halb süddeutsche Aussprache, der geringe Wert, den sie auf ihre Anmut legte, ihre Neigung zum Necken gefielen so ausnehmend, dass Eifersuchtsscenen ausbrachen, und schon darüber, wer sie am längsten und am öftersten besitzen konnte. Lucinde erkannte sich kaum selbst wieder in diesen Erfolgen. Die alte Erfahrung, dass in ein steifes, allzu geregeltes Treiben ein glücklich organisirter Geist mit den leichtesten Mitteln Leben und Bewegung bringen kann, bestätigte sich aufs neue. Sie staunte über das, was sie zu stand brachte. Alle Herzensgeheimnisse von einem Dutzend junger Mädchen kannte sie, und Männer, die sonst auf Spaziergängen kalt vorübergingen, wurden ihr jetzt in ihrem geheimsten Charakter enträtselt. Sie half, wo sie konnte. Ja, sie selbst erntete Huldigungen in solchem Ueberfluss, dass sie nicht wusste, was damit anfangen. Noch entdeckte sie alles Klingsohrn und nahm dessen Warnungen auf. Bald aber stellte sie Vergleiche an und geriet in Neckereien und Versteckspiele, ganz in der ihr eigenen Weise, die allen und keinem gehörte. Bald folgte dann freilich auch die Reaction. Hier war eine Eitelkeit verletzt, dort ein Verdacht übertrieben worden; schon gab es Vorwürfe, schon Verfeindungen; Freundschaften lösten sich im Lauf eines einzigen Abendspazierganges durch die taufeuchten Wiesen in entsetzliche Entüllungen, Racheplane und Warnungen auf. Hütet euch vor der! riefen die einen, während die andern noch das treueste und edelste Herz liebkosten und nur ein Kind der natur in Lucinden sahen, dem niemand gram sein könne, selbst wenn es unüberlegte Streiche machte ... Kein Wunder, dass in diesen immermehr zunehmenden Wirren Klingsohr oft stundenlang bei der Erbsen lernenden Sophia oder der "Lieder ohne Worte" spielenden Meta oder dem in der geschichte der hamburger Bürgermeister verlorenen Nikolaus verweilte alten und sich von seiner in Feld und Wald verflogenen Liebe nichts finden wollte.
In der durch eine solche Nachricht von einer wieder
in die Sumpf-, Moor-, Wald- und Sandsteppenwelt hinter Eppendorf hinausgegangenen Wanderung erzeugten Missstimmung war Klingsohr an jenem Nachmittage zur Stadt zurückgekehrt. Da das auf der Alster vorbereitete Vergnügen ein aristokratisches war, so fanden sich in dem Kreise, den er betrat, gerade diejenigen anwesend, die ihr Patricierblut in denselben Wallungen kund zu geben pflegten, wie wenn sie zu den "Granden der Ukermark" oder zu Mecklenburgs Vollblut gehörten. Zu den Hofschlittenfahrten unter den berliner Linden können die Farben, die die Vorreiter tragen, die Farben der Federn, die auf den Köpfen der Rosse wehen sollen