Trauer stiegen und der Messe beiwohnten ... Terese nannte das die kleinste Schuldigkeit der "Mörderin" ... Zuletzt kam nur noch die ältere Dame allein ... Diese fehlte nie ...
Erst am Tage nach dem Begräbniss traf des Grafen Hugo Mutter ein ...
Auf ihrer Rückreise war sie aufgehalten worden ...
Sie hatte in Nürnberg einer Versammlung der dortigen Bibelgesellschaft beigewohnt ...
Unterwegs schon erfuhr sie vom Tod Angiolinens ...
Ihre Liebe zum Sohn ging so weit, dass sie diesen Verlust wie ihren eigenen fühlte ... Sie sah vorzugsweise nur Hugo's bei noch so jungen Jahren schon so väterlich empfindendes Herz beteiligt ...
Als der stattliche Mann an ihrem Halse einen Augenblick festing und Tränen in seinem Auge blinkten, unterliess ihre Rede nichts, was seinem Schmerz wohltun konnte ...
Sie erkundigte sich nach allen nähern Umständen des rührenden Abscheidens, verwies es aufs strengste jedem der Diener, der etwa ergänzende Berichte geben wollte, die auf Selbstmord schliessen liessen ... "Richtet nicht, dass ihr nicht gerichtet werdet!" ...
Dies Wort sprach sie auch später noch mancher vornehmen Dame auf der Herren- und Wallnergasse ...
Im Herauskehren seiner geheimen Gedanken ist gerade die vornehme Welt nicht so behutsam, wie wir glauben ... Majestäten, Hoheiten, Excellenzen sprechen, namentlich in Oesterreich, ihre Stimmungen ebenso offen aus, wie sie die geringe Welt zu verbergen pflegt ... Man besprach schon beim ersten Besuch die Angelegenheiten des Grafen, verlangte Nachrichten von der bevorstehenden Heirat, verurteilte das "horrible Benehmen des Terschka" und gab der stolzen Gräfin gelegenheit, ihr Wort öfter zu wiederholen: Dieu est le juge veritable! ...
Die schnelle Abreise Benno's von Asselyn verdross die Mutter ...
Sie wich den fragen des Sohnes um Paula's Erklärung noch aus ...
Sie sagte ihm:
Du sollst alles hören ... Nur erst Sammlung und meine langvermisste Ordnung! ...
Inzwischen sprach sie doch schon zu Hugo und den vielen Besuchenden, zu den luterischen Geistlichen und Glaubensgenossen, die sie sogleich begrüssten, von ihrem Leben bei Lady Elliot, von den Anstrengungen des Papismus, in England wieder Grund und Boden zu fassen, von den englischen Bischöfen, die leider irdische Machtaber geblieben wären und ein Verlangen trügen nach ungeistlichem Einfluss, von einem verblendeten Lehrer in Oxford, Professor Pusei, der ein System aufgestellt hätte, das auf halbem Wege den römischen Irrtümern entgegenkäme ... Dennoch schloss sie: Es ist eine Freude, den Ernst der Engländer zu sehen ... Die Frauen sind voll Mut und Charakter ... Sie beherrschen die Männer, das ist wahr, aber sie beherrschen sie zum Guten – Wofür sich in dieser Welt das Gefühl der Frauen ausspricht, das kann vielleicht auf einem Irrtum beruhen, aber dieser Irrtum schändet nicht ...
Mutig sprach sie in ihren eigenen Zimmern und bei den ersten Besuchen, die sie empfing:
Seit der Veranstaltung der Jesuiten, meinen Sohn durch Terschka dem Glauben seiner Väter abwendig zu machen, haben wir doppelt Ursache, jeden Schein der anhänglichkeit an die Irrlehre zu vermeiden ... Gräfin Paula verlangt glücklicherweise von unserer Seite keine Annahme ihrer Religion ...
Ja, wandte sie sich zu einem luterischen Geistlichen, Terschka lag zerknirscht zu meinen Füssen ... Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was er mir zu offenbaren hatte ... Ich alte Frau zitterte ... Auch hass' ich schon an sich die Bezeigung einer Ehrfurcht, die nur Gott gebührt ... Ich betete zum Herrn um Kraft, Terschka's Geständnisse zu hören, setzte mich nach Fassung ringend in einen Sessel und hörte nun alles, was mit jener an diesem Unglücklichen bekannten anziehenden Beredsamkeit von seinen Lippen kam ... Da konnte ich wohl anfangs vor Zorn ausrufen: "Der das Ohr gepflanzet hat, sollte der das nicht hören und strafen!" ... Nun aber kam ein reuiges geständnis; der Entschluss, auf Englands freiem Boden zu bleiben, seine Irrtümer abzuschwören und zu unserm lebendigen Glauben überzutreten ... So verherrlicht sich Gott in seinen Verächtern ...
Graf Hugo teilte diese andauernde Befangenheit für Terschka nicht ganz, behielt aber seine Zweifel an Terschka's Aufrichtigkeit für sich ... Er war des Streitens müde ...
Der Abend bot die stille trauliche Stunde, in der sich die Gräfin über die Ergebnisse ihres Aufentalts in Westerhof aussprechen konnte ...
In einem hohen, mit Sesseln überfüllten Rococozimmer hatte das Teewasser auf der Maschine zu sieden begonnen, als die Gräfin begann:
Mein Sohn, von Paula von Dorste, diesem seltsamen Wesen, trennt mich allerdings mehr, als ich wünschen möchte ...
Graf Hugo's Ahnung von neuen Hindernissen schien bestätigt zu werden ...
Ich fand, fuhr die Mutter fort, ein Wesen, das leider nur zu sehr ihrem Ruf entspricht ... Als ich Westerhof besuchte, war gleich die erste Begegnung entscheidend ... Die Tante Benigna, dann unsere herrliche, nur zu geisteshelle, winterlich helle Monika, die dich herzlich grüssen lässt, der Oberst, auch eine treffliche Persönlichkeit, Onkel Levinus, auch eine gute, nur etwas wunderliche Seele, alle begrüssten mich herzlich und voll Vertrauen – nur Paula war wie die verschüchterte Taube ...
Sahst du nie eine ihrer Visionen? fragte Graf Hugo ..