1858_Gutzkow_031_687.txt

, in der "Stadt Triest" ein gemeinschaftliches Mahl einzunehmen, lehnte Benno ab, fuhr auf den Kohlmarkt und kaufte sich zunächstdie bewusste Reisetasche ...

Zu haus angelangt, schrieb er an den Principe Rucca einige Zeilen und bedauerte seine plötzliche Abreise nach Rom, behielt jedoch das Billet bis um vier Uhr, wo man ihn erwartete, noch zurück ...

Lange kämpfte er mit sich, ob er seiner Mutter schreiben sollte ... Er konnte nicht anders ... Doch drückte er sich in einer Weise aus, die so unverfänglich war, dass sie jedermann lesen konnte ...

"Herzogin!" schrieb er. "Ich erhalte soeben einen Auftrag vom Fürsten Staatskanzler, der mich zwingt, augenblicklich abzureisen! Ich reise nach Rom und hoffe Sie dort in nicht zu entfernter Zeit zu begrüssen. Wien ist kein Ort, wo die Trauer einen andern Raum findet, als vor den Altären seiner Kirchen. Gedenken Sie in 'Maria zur Stiegen', wo die Seelenmetten Angiolinens gehalten werden, unserer Rückfahrt von jenem haus des Schreckens ... Die dunkeln Tannen, die es beschatten, werden selbst im schönen Italien so lange vor meinen Augen stehen, bis ich Sie wiedersehe ... Benno von Asselyn."

Von Olympia sprach er in beiden Briefen kein Wort ... Auch des Strausses, der vielleicht von Olympia kam, mochte er keine Erwähnung tun ...

Der Chorherr blieb über die schnelle, nun freilich motivirte Abreise im höchsten Grade verdriesslich ... Unbekannt mit den Empfindungen, die Benno von dannen trieben, schrieb er sie lediglich auf Rechnung des mächtigen Eindrucks, den der grosse Kanzler denn doch auf den jungen Mann gemacht hatte ... Er musste ihm Glück wünschen zu einer vielversprechenden Carrière und sagte:

Sehen Sie, so mächtig ist nun doch der blendende Reiz eines bei alledem grossen Mannes ... Man muss sich ergeben, hört nur noch und staunt und lässt an dem, was man hasst, das Menschliche in seiner vollen Geltung ... Protestiren Sie nicht! Sie sind jung! ... Geht es mir denn anders? Lieb' ich denn nicht auch mein Land und mein Volk? So lebt man in einer unglücklichen Ehe und kann sich nicht trennen ... Man weiss, man passt nicht füreinander, aber es gibt so viel Bindeglieder des Interesses, so viel gemeinschaftliche Sorgen, so viel kleine Aussöhnungen wieder und so kurze Momente des Glücks, dass man immer wieder neue Hoffnungen schöpft ... 'S ist freilich ein Gemüts-Elend, an dem zwei Menschen undganze Staaten zu grund gehen können ...

Benno musste schweigen ... Er hielt sich an die ihm von den Umständen auferlegte notwendigkeit seiner Abreise ... Er ertrug den Schein der Inconsequenz ...

Gern übernahm der sich allmälig in die Trennung findende Chorherr die Meldung an den Onkel ... Auch die Besorgung aller der Visitenkarten, die Benno noch zum Abschied zurückliess ... An den Grafen Hugo schrieb Benno Worte, die seiner Stellung und der Situation angemessen waren ... Worte des Trostes und der Hoffnung für die Zukunft ...

In das Comptoir der Zickeles musste er seiner Creditbriefe wegen ... Es war über dem Schreiben, Pakken und Expediren seiner Effecten hoher Mittag geworden. Der alte Herr Marcus war eben von der Börse zurückgekommen ... Leo befand sich in einem Comité ... Harry führte einen neuangekommenen Virtuosen ...

Den alten Herrn Zickeles überraschte Benno's Abreise nicht im mindesten ... Diese Bankiers grüssen ebenso gleichgültig beim Kommen wie beim Gehen ... Nur seine Tochter Jenny bedauerte er ... Sie hätte dem Herrn Baron noch etwas vorsingen wollen ... Eben wäre sie, sagte er, und auch Angelika Müller, der Benno sich so gern noch empfohlen hätte, mit Terese Kuchelmeister an den Ort gefahren, wo sich gestern das Unglück begeben ... Auch Dalschefski und Biancchi hätten sich dazu entschliessen müssen ... Der alte Zickeles sah den Vorfall nur in seinen Folgen an und sagte:

Das Geschäft wird sich nun machen ... Der Graf ist jetzt in Wahrheit frei ... Es hängt lediglich jetzt alles von dem ab, was die Frau Mutter aus Westerhof mitbringt ... Wir werden ja sehen ...

Benno speiste dann noch mit dem Chorherrn, den des jungen Mannes Entschluss nun nicht mehr störte ... Auch der Schein des "Gefesseltseins" nicht ... Er glaubte, wie der Onkel Dechant, an Neuerungen und Besserungen nur infolge grosser Erdrevolutionen in der Art der Gletscherbildung ...

Gegen vier, wo die Dinerstunde beim Fürsten Rucca war und die Herzogin und Olympia ihn hochklopfenden Herzens gewiss schon in glänzendsten Toiletten erwarteten, besorgte Benno seine Briefe in den Palatinus ...

Die Eilposten nach dem Süden gingen um fünf Uhr .... Man musste sich schon um vier in Bereitschaft setzen ...

Der Chorherr begleitete seinen so schnell gewonnenen jungen Freund, der voll tiefster Trauer von dem edlen mann schied und ihn bat, alle seine Liebe und Güte auf Bonaventura zu übertragen, falls dieser in der Tat nach Wien kommen und dann vielleicht gleichfalls bei ihm wohnen sollte ...

Man plauderte ... Aengstlich zog Benno die Uhr, aus Furcht, noch eine wirkung seiner Absagebriefe zu erleben. Der Chorherr neckte ihn darum ...

Endlich sass er im