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mit dem ersten Kind diese neue Quelle der Unterhaltung für Wien verloren sein ... Ihre Heimat ist ein seltsames Land, Herr von Asselyn, kernhaft jedoch und voll aufrichtiger Sympatie für uns ... Wir haben davon täglich Beweise ... In unserer Armee sowohl wie im Klerus ... kennen Sie die äbtissin Scholastika? ... Eine Tüngel-Heide! ... Es gibt mehrere Linien der Tüngels? ...

Schon griff der allein Redende zum kleinen goldschnittgebundenen genealogischen Kalender, der auf dem Tische lag ... Er suchte die Tüngel-Heides und die Tüngel-Appelhülsens ...

Nebenan klangen die Gläser ...

Benno beobachtete nur undresignirte sich schon ...

In Ihrer Provinz lebt noch fest und sicher die überzeugung, fuhr der Fürst im Umblättern fort, dass es in jeder Politik nur Erhaltung oder Umsturz gibt ... Die Reform soll uns heilig sein, ja! aber sie muss aus den Elementen der Erhaltung und für die Erhaltung hervorgehen ... Nach Napoleon's Verwüstung des Bestehenden konnte und durfte nichts Anderes kommen ... Selbst Napoleon fing zuletzt an zu erschrecken vor einer täglich sich mehrenden Lust an Neuerungen ... Unter dem Zeitalter der Revolution haben die Völker zu viel gelitten ... Sie bedürfen auf hundert Jahre der Erholung ... Ich weiss nicht, was dann kommen wird, aber meine Aufgabe war, Halt zu gebieten und ich glaube, die nach mir kommen, werden noch lange dieselbe notwendigkeit einsehen ... Ich gebe das sehr gern den jetzigen römischen Ansprüchen zu: Es ist auch so mit der Kirche ... Die schwarzen Herren hören freilich nicht gern, dass der Fels, auf den die Kirche gebaut wurde, irdisches Material ist so gut wie jede andere Steinart und dass einst eine Zeit kommen wird, wo die Philosophie sich verbreitet, wie das Klavierspielen schon jetzt bei unsern reichen Bauerntöchtern im SalzburgischenAha! Da! – "Die Tüngel-Appelhülsens. Wappen: Die geschlängelte Schaale eines Apfels" – Falls das nichtglauben Sie nicht, Herr von Asselyn, ursprünglich eine Schleife war? Auch so ein Witzex post? ... Da sind ja die Camphausens! ... Zwei LinienSeltsam! ... Bei uns lebt die protestantische und Gräfin Erdmute ist sogar eine gefährliche Fanatikerin ... Der Graf wird den Militärdienst quittiren ... Und – – Ja, der religiöse Riss in Deutschland wird oft beklagtich schätze ihn ... Deutschland kann nur durch das Gleichgewichtssystem bestehen ... Das hab' ich immer befördert und ohne Rückhaltsgedanken ... Der Zollverein ein gibt ein zu einseitiges Uebergewicht ... Sie kamen mit dem Herrn Stadtrat Schnuphase? ...

Ich reiste nur zufällig mit ihm ...

Doctor Nück schickt mir durch Sie alle Tabellen Ihrer Weinversteuerung, an der ich, wie Sie wissen, persönlich beteiligt bin ... Die Centralisation der Interessen Deutschlands ist nicht möglich ... Schon die natürlichsten Lebensbedingungen, Essen und Trinken, beruhen auf disparaten Organisationen ... In Frankreich, Spanien, Italien sogar, dem ich sonst doch jede andere Einheit absprechen muss und das ich nur für einen geographischen Begriff halten kann, hat die Lebensweise eine und dieselbe Bedingung ... Nehmen Sie aber unsere Verschiedenheiten! ... Die barocke Abwechselung schon unseresBrotes allein! ... Wie verschieden die Charaktere des Weins am Rhein und an der Donau ... Vom Trank der Gerste gar nicht zu reden ... Man glaubt es mir nicht, aber ich bin gegen ein Uebermass von Uniformirung ... Ich hasse den Josephinismusnicht seiner Aufklärung wegenbehüte, nein! – sondern deshalb, weil er am Ende doch nur den absoluten Polizeistaat proclamirt ... Der absolute Polizei- oder Beamtenstaat kann zuletzt nur zur constitutionellen Monarchie führen, d.h. zur legalisirten Revolution und Republik ...

Die Phantasie Eurer Durchlaucht überspringt grosse Intervallen! sagte Benno mit Entschiedenheit ...

Geb' ich zuerwiderte der Minister und liess wieder einen jener scharfen Blicke auf Benno hinstreifen ... aber darin denke' ich ganz wie die Kirche .... Gutta cavat lapidem ... Apropos, was sagt der Graf Camphausen von dem sogenannten Baron von Terschka? ... Der Mensch ist in London Protestant geworden und der intimste Freund der italienischen Emigration ... Ein Ex-Jesuitsagt man sogaraber entre nous ...

Benno berichtete von dem ihm so verhassten Namen, was er wusste, und wagte, angeregt von den Worten seiner Mutter, die Bemerkung:

Die grösste Gefahr des Stabilitätssystems droht nicht unmöglich von Italien und Rom selbst ...

Sie meinen, dass die zeiten des Cola Rienzi wiederkehren? lächelte der Fürst, nahm ein grosses Kupferwerk, das vor ihm lag, schlug die Abbildung einer Burg auf und zeigte sie seinem Besuch mit den Worten:

Sehen Sie da die Burg in Böhmen, auf die Cola Rienzi flüchtete, als seine Zeit in Rom vorüber war! ... Zu uns! Nach Böhmen! ... Ja, fuhr er dann fort, die Italiener sind allerdings die elendeste Nation von der Welt und zu allem fähig! Diese Nation wird den Monarchen, von denen sie regiert wird, und uns allen in Europa noch viel zu schaffen machen, sie wird conspiriren