1858_Gutzkow_031_682.txt

... Der Absender blieb unaufgeklärtselbst gegen ein überreiches Trinkgeld ... Es war ein mit italienischer Kunst gewundener Blumenstrauss von weissen Camellien, in der Mitte ein Herz von Pensées ...

Pensez – à – moi! scherzte der Chorherr und verliess Benno mit dem satyrischen Zublinzeln, dass er sich wohl hüten würde, einen Boden zu verlassen, wo ihm jeder traurige Eindruck so hold und vielversprechend verwischt würde ...

Die weissen Camellien konnten nur der Gedanke seiner Mutter sein ... Aber den Mut, einem jungen fremden Mann überhaupt Blumen zu schicken, flösste ohne Zweifel nur die junge Gräfin ein ... Ihr Verlangen nach ihm schien keiner Beherrschung mehr fähig ...

Gegen zehn Uhr nahm Benno einen Fiaker und fuhr in die Staatskanzlei ...

In einem Gewirr grösserer Gebäude, die in winkeliger Zusammenstellung allen Jahrhunderten angehörten, hier an die Babenberger, dort an die Zeit der Maximiliane, da an Kaiser Joseph erinnerten, liegt ein Haus mit mässiger Fronte, einladend nur durch seine nach den Basteien hinaus gerichteten Seitenfenster ...

Der Wagen hatte sich pfeilgeschwind durch diese Winkel und kleinen Plätze hindurchgewunden ... Benno stieg aus ... Bereits ein zweiter Mietwagen stand vor dem Portal ...

Der Minister wohnte im ersten Stock ...

Ein grosses dunkles Vorzimmer wurde durchschritten ... Dann kam man in ein lichteres, das eine schöne Aussicht auf die belebten Umgebungen der Stadt und den Volksgarten bot ... Hier hatte der Angemeldete sich aufzuhalten ...

Benno traf, wie er erwartet und gefürchtet, mit Schnuphase zusammen ...

Herr Maria stand unter dem Druck seiner "hochgespönten" Nerven ... Vom Sperl, aus Döbling, aus Hietzing, von allen möglichen Zerstreuungen, die die Tuckmandls und Pelikans ihrem Gastfreund trotz der Wundermedaillen und Paternostervereine bereiteten, erschöpft, schnappte und schnalzte er nach Luft ... Jetzt, beim Anblick des baron von Asselyn, hob sich ihm etwas die Brust vor Freude und Ueberraschung ... Der Gruss des Herrn Tiebold de Jonge und die Mahnung an seine Leibbinden rührten ihn ...

Jedes Knarren einer Tür unterbrach die Mitteilungen ...

Benno war wie in einem Traum ... Er wusste nicht, wie er hierher gekommen ... Um seine Aufregung zu verbergen, fragte er scherzend:

Werde ich jetzt erfahren, welches Ihre geheime Mission war? ...

Schnuphase hob seine weissen Handschuhe gegen Himmel ...

Da öffnete sich die Tür ...

Schnuphase verbeugte sich bis zur Erde ...

Der Eingetretene war noch nicht der Beherrscher aller europäischen Cabinete, sondern jener Hofrat, der an Benno geschrieben hatte ...

Die leutseligste Anrede von der Welt berichtigte Schnuphase's Irrtum ...

Der Herr Hofrat wandte sich an den Herrn Baron von Asselyn und entschuldigte Seine Durchlaucht, die noch einen Augenblick verhindert wären ...

Herr Stadtrat Schnuphase –? ...

Zu Dero –! ...

Die Kiste ist angekommen ...

Zu Dero –! ...

Zum ersten Mal in Wien? kehrte der freundliche Herr zu Benno zurück ...

In dem Augenblick wurde Stadtrat Schnuphase durch einen Bedienten abgerufen ... Nach einer Tür zu, die eben da wieder hinausführte, wo er hereingekommen war ...

Schnuphase flog und taumelte mehr, als er ging ...

Mit einem, wie es schien, stereotypen, an die "Gemütlichkeit" Pötzl's erinnernden Lächeln, halb prüfend, halb zerstreut, setzte der hohe Beamte sein Examen über Benno's erstmalige Anwesenheit in Wien fort ... Bei völliger Bekanntschaft über die Zwecke der Anwesenheit des jungen Mannes kam er auf den gestrigen "grausamen" Unfall mit dem "fräulein von Pötzl" ... Das, was ihm, wie er sagte, ihr Pflegevater selbst schon erzählt hatte, konnte Benno bestätigen ... Es folgte das herzlichste Bedauern und die Mitteilung, dass einige Wochen lang für die arme Seele in "Maria zur Stiegen" würde gebetet werden ...

Eine Klingel ging ...

Der Diener von vorhin öffnete eine andere Tür ...

Mit einem: Ich hab' mich sehr gefreut! und dem innigsten Händedruck wurde Benno von dem zuvorkommendsten aller Epigonen jener Gesellschaft, die der überfliegende Don Carlos mit dem Wort bezeichnet: "Da wo Ihre Domingos, Ihre Albas herrschen!" an die Tür begleitet ...

Noch zwei Zimmer und der unfreiwillige, von dem System des Staatskanzlers sonst mit jugendlicher Idealität urteilende, jetzt wie ein geknicktes Rohr sich ihm näherndePosa stand vor dem neuenDon Philipp ...

Der Gefürchtete war an Wuchs etwas kleiner, als Benno ... Schmächtig, ebenmässig gebaut, mit feinen, geistvollen Zügen ... Die Stirn breit und hochgewölbt ... Die Augen blau, die Nase mässig gebogen, die Farbe der nicht schmalen Wangen blass ... Die Lippen durch lange Gewöhnungauch die Ehe macht Ehegatten ähnlichfast habsburgisch geworden, doch abwechselnd belebt von Ironie ... Besonders auffallend blieb die schöne, wenn auch stark gerunzelte Stirnfläche, mit weit auseinander liegenden Augenbrauen ... Das Haar schon ergraut und mit erzwungener Jugendlichkeit geordnet ... Die Sprache nicht leise, etwas unverständlich ... Benno wusste, dass der Staatskanzler am Gehör litt ...

Die freundlichste und herablassendste Begrüssung ...

Man setzte sich ... Nebenan hörte man