den Zügel schiessen lassen und war wiederum, wenn der Name einer Unbescholtenen genannt wurde, einig in dem Preise ihrer seidenen, dem Bilde einer Katarina von Siena entsprechenden Augenwimpern, dem Preise ihrer hände, deren Durchsichtigkeit und Weisse nicht anders als mit der Zierlichkeit der hände eines van Eick und Memling verglichen wurde, dem Preise ihrer Augen, die wegen ihrer etwaigen träumerischen Unbewussteit und gläubigen Zuversicht geradezu katolische genannt oder ihrer irrenden, rein nur innerhalb des instinctiven Lebens bleibenden Unschuld wegen mit den sanften Augen einer Gazelle verglichen wurden. Ein Drängen aus dem zu reich genossenen, in seinen Untiefen zu sehr erkannten Alltäglichen zum reinern Licht empor besassen alle, und die Art, sich ihre läuternden Flammen zu entzünden, war seltsam genug. Mancher betete in diesem Sinne die Tochter eines Millionärs der Gröninger Strasse an, mancher aber auch nur die eines armen Handwerkers an den "Vorsetzen" oder "Raboisen".
Auch jenes "hehre Gnadenbild", zu dem Klingsohr aufblickte, war gleich nach seiner Ankunft allen bekannt geworden.
Dass es sich um die Pensionärin einer "respectabeln" Familie handelte, wusste man.
Man machte an der Sommerwohnung des Herrn Carstens Fensterpromenade, um den Schatz zu sehen, der einem "Abadonna" noch vor seinem gänzlichen Fall oder seiner Läuterung vom Himmel beschert werden konnte; denn in diesem Kreise galt Klingsohr für einen jener gefesselten Titanen, die früher oder später den ewigen Göttern des Olymp den Garaus machen konnten. Er hiess einer von denen, die eine unberechenbare "Zukunft" besässen. Ein einziges Publikum hatte er in Göttingen gelesen, das aber von einigen Hundert Studenten besucht wurde, während er eine Vorlesung über Privatrecht nicht zu stand bringen konnte. Aber in jener Vorlesung über "Dante's Zeitund Weltanschauung" elektrisirte er seine Zuhörer in einem Grade, dass man an Klingsohr nicht anders dachte als wie an einen Evangelisten, der immer ein wildes Tier neben sich sitzen hat. Die Drachen und Greife Dante's zogen seinen Ruhmeswagen, sein Schweigen war so bedeutungsvoll wie die Geheimnisse der Apokalypse, sein Reden war Prophetentum. Dass er arbeitete, stand fest. Wenn er um zwölf Uhr von der "Kneipe" gekommen war, sah man bis drei und vier Uhr noch Licht bei ihm. Seine Versicherung, er würde ein neues System des staates-, des natur-, des Völkerrechts, eine neue Philosophie der geschichte, eine neue geschichte der Literatur, eine neue Ausgabe des "Sachsenspiegel", eine Zusammenstellung der Fragmente des Ciceronischen buches "De Republica" bringen, eine geschichte der italienischen Städtebünde, eine Abhandlung über die Verjährungsfristen, eine neue Begründung des Steuerwesens und eine Kritik Adam Smit's nach dem System der Bienenkörbe, alle diese Verheissungen fanden den vollständigsten Glauben. Für jedes dieser epochemachenden Werke hatte er die leitenden Gesichtspunkte schon fertig und wusste sie an geeigneter Stelle so anzubringen, dass man jahrelang von dem Gedanken sprach, den Sie, wissen Sie, Klingsohr, damals auf dem Ritt nach Münden, am Zusammenfluss der Werra mit der Fulda, auf der reizenden kleinen Insel (dem "Taufkissen der neu entstandenen Weser", konnte er einwerfen) aussprachen? Klingsohr strich sich die kurzen rötlichen Locken und lächelte dann nur. Er lächelte nicht etwa geschmeichelt – die Wertschätzung verstand sich schon von selbst – er lächelte voll Wehmut, wie ein Träumer, dem man von einem "Märchen aus alten zeiten" sprach. In solchen Wehmutsaugenblicken konnte er, war es Abend und sass man im Freien, stundenlang auf ein einziges Sternbild blicken, die Kassiopeia, und ohne eine Miene zu verziehen so viel Bier oder Wein oder Grog "vertilgen", wie ihm auf ein Klappern mit dem Zinndeckel, oder das Rütteln einer leeren Flasche, oder das Anklingen mit dem Stahlbügel der Cigarrentasche an ein leeres Glas von einem kundigen "Gleich-GleichHerr!" nur hingestellt wurde. Begann er dann endlich nach solchen Pausen zu reden, so war es gewöhnlich eine neue Lesart im Tacitus, die er solange überdacht hatte, oder ein Irrtum in Vega's Logaritmischen Tafeln. Je seltsamer, je abstruser seine Aeusserung, desto mehr imponirte sie.
Jetzt wieder sass Klingsohr im Alsterpavillon bis zwölf Uhr Nachts mit derselben Beharrlichkeit und in demselben Wechselverkehr mit den "Gleich-GleichHerr!"'s wie sonst. Aber "zerrissener" und wüster als sonst war seine Art, bitterer sein Humor; die Scherze, die er oft bis zur Ausgelassenheit über einen und denselben Gegenstand "zusammenjeanpaulisiren" konnte, flossen nicht mehr von seinen zuweilen krampfhaft zuckenden Lippen. Man brachte bei Beobachtung dieser Veränderung den ihn betrübenden Tod des hochgefeierten Vaters in Rechnung, dann die Liebe zu dem Elfenkinde vor dem Dammtor, das alle gesehen und wegen ihrer fremdartigen, der hier zu land üblichen Weise nicht entsprechenden Art des Aussehens und Benehmens bewunderten. Einige "schlechte Witze", die dieser oder jener sich erlaubt hatte, waren fast bis an die "touchirende" Grenze gegangen und ein für allemal beseitigt worden. Klingsohr hatte sich, als man von einem bei dem Kleesaatmakler Carstens in "Correction" gegebenen "Röslein auf der Heiden" sprach und das Rauhe Haus erwähnte, vom Tische erhoben, wie wenn ein jeder Zoll an ihm auf zwei hinauswüchse und er geradezu bis zu seiner Kassiopeia hinauf wollte; er sprach kein Wort, aber sein sonst ausdrucksloses Auge starrte und von stunde' an war das Gespräch über diese Liebe rein und unentweiht, wenn man auch nicht begriff, wie sie den von einem solchen Besitz Beglückten