1858_Gutzkow_031_678.txt

zehn ...

Da klopfte es heftig am Haustor und in dem stillen Priesterhause wurde es noch einmal lebendig von einer lauten stimme, die nach ihm fragte ...

Er erkannte Harry Zickeles, der ihm noch einen an sein Haus adressirten Brief von dreifachem Porto brachte ...

Ich dachte, dass es Ihnen angenehm sein würde, den Brief bald zu habensagte er, als er sich erschöpft niedergelassen ... Aber dass Sie zu haus sind! Wer hätte das erwartet! ... Ganz Wien ist voll von dem Unglück mit der armen Angiolina, das Sie erleben mussten ... Mein Bruder Percival lasst auf sie eine Ode drucken ... Der Graf muss in Verzweiflung sein ... Ich war in der Josephstadt ... Ein neues "Ausstattungsstück" ... Charmant für die dortigen Kräfte ... Aber morgen speisen Sie bei uns? ... Nein? ... Warum nicht? ... O dann kommen Sie den Abend! ... Der Laërtes von gestern ist engagirt ... Biancchi und Dalschefski arbeiten schon gemeinschaftlich, was sagen Sie! gemeinschaftlich, an einem Requiem für Angiolina ... Und haben Sie den Pötzl beobachtet? – Wissen's, als er bei Ihnen war, hat er unten auf den Leo gewartet und schon von der Erbschaft gesprochen ... Nehmen's Ihnen in Acht vor dem Mann! ... Er sagte, Sie erregten in höchsten Kreisen aufsehen ... Man weiss, was bei ihm darunter zu verstehen ist – ...

Benno fand nur notdürftig Zeit, einzuwerfen:

Der Staatskanzler hat mir für morgen früh eine Audienz anberaumt ...

Harry traute seinem Ohre nicht ...

Er sah Benno mit staunenden Augen an ...

Bei Seiner Durchlaucht –? wiederholte er, um sich ganz zu vergewissern ...

Morgen früh um zehn Uhr ...

Diese Tatsache war ausserordentlich ... Sie bot Chancen für ein geheimnissvolles Beiseitnehmen aller Menschen ... Sie bot natürliche Nachwirkungen eines unausgesetzten: Aber der Harry Zickeles weiss es für ganz bestimmt ... Es ist von einer Staatsbegebenheit über man weiss noch nicht was die Rede! ...

Harry zog vor, sich sofort zu entfernen und seine Neuigkeit noch um elf Uhr nachts wenigstens bei einigen ihm bekannten vorübergehenden Nachtschwärmern und im Salon seiner älteren in Umlauf zu setzen ...

Für Benno hätte es sonst eine Erquickung gewähren dürfen, einen sechs Bogen starken Brief von Tiebold de Jonge lesen zu können ...

Heute – – verschob er es für den folgenden Tag.

Fussnoten

1 Factische Reiseerinnerung. 2 Tatsächlich.

10.

Nach einer fast schlaflosen Nacht, nach phantastischen wilden Bildern und gespenstischen Erscheinungen, die ihn um Mitternacht vom Lager trieben, Licht anzünden liessen und zwangen, auf dem Sopha mit gestütztem Haupt sich zu sammeln, nach neuen Versuchen, auf dem Lager Ruhe zu gewinnen und neuen Spukgestalten mit verzerrtem Antlitz, brach kaum der Morgen an, als sich Benno schon erhoben hatte und von der kühlen Herbstluft sein glühendes Antlitz erfrischen liess ...

Noch mochte er im haus niemand wecken ... Sein Herz war voll Fieberunruhe ... Er wollte Wien verlassendurchauser dachte sich vielleicht sogar beim Staatskanzler zu entschuldigen ...

Ruhe für die Stürme, die in seiner Brust tobten, konnte er in dieser Audienz nicht finden ... Die Pein der Zweifel konnte sie nur mehren ... Sein Reiseziel war durch ein wunderbares Zusammentreffen aller Umstände in einem einzigen Tag erreicht; was er suchte, war gefundenes zu besitzen war nicht möglich ... In Italien, dachte er, dort versuchen wir eine Form des neuen Daseins zu finden ... Er zog seinen Koffer hervor und fing ihn zu ordnen an, um zunächst über Triest nach Mailand zu gehen ...

Er sah Tiebold's Brief ... Er erbrach ihn in der sicher nicht ungegründeten Besorgniss, der Ton und Inhalt desselben würden zu seiner Stimmung nicht im mindesten passen ...

Dennoch las er ihn ... Die Buchstaben flimmerten vor seinen ermattetenim grund nur der Tränen bedürfenden Augen ...

Tiebold schrieb ganz sorglos:

"Verehrter Freund! Sie werden es für eine meiner gewöhnlichen Redensarten halten, wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, dass ich in dieser Stadt nur noch vegetire! Seitdem Sie sich unsern bekannten klimatischen Einflüssen entzogen haben, kann ich keine verspätete Schwalbe und keinen lahmen Storch mehr sehen, ohne nicht von einem unwiderstehlichen Verlangen heimgesucht zu werden, Sie eines schönen Morgens mit meiner Ihnen nicht immer willkommenen Gegenwart zu überraschen ... Hätte ich nicht den alten Mann, meinen Vater, bei Beginn der Gansbraten-Saison in seiner Diät zu überwachen und wär' ich nicht für den Winter, wo endlich wieder getanzt werden soll, breitgeschlagen worden, einige Cotillons zu arrangiren, so würde mich keine Macht der Erde abhalten, selbst Ihr eigener Verdruss über meine Zudringlichkeit nicht, das Schrecklichste der Schrecken wahr zu machen und Sie in person zu überfallen."

"Aus Westerhof und Witoborn erfahr' ich wenig ... Mehr aus dem Stift Heiligenkreuz ... Siebzehntehalb Freundinnen hab' ich mir daselbst erworben durch meine Empfänglichkeit für Poesie, Austausch höherer Gefühle Nichtberechnung der Portospesen für Notensendungen, Parfümerieen, ja selbst Modesachen ... Ich sage in meiner Verzweiflung über diesen Reichtum bei jeder gelegenheit zu Moppes: Sie