1858_Gutzkow_031_677.txt

Das muss rasch kommen, erwiderte Benno, denn ich reise vielleicht schon morgen ...

Wie? rief der Ueberraschte ...

In allem Ernst! ...

Das Nichtglaubenwollen des Greises hinderte Benno nicht, zu erklärenGraf Hugo wäre von seinem Unfall zu sehr erschüttert, um mit ihm geschäftlich zu verkehren ... Er würde demzufolge seine Reise nach Italien beschleunigen ...

Der Chorherr wurde unwillig ... Er beklagte, den Abend nicht frei zu haben, um ihm diesen Plan gründlich durch eine Zerstreuung auszureden ... Er scherzte und sagte, er würde zu der Italienerin gehen, die heute früh schon um seinetwillen ihr stilles Hans alarmirt hätte und die würde ihn schon festalten ... Wissen Sie denn nicht, welche Connexionen Ihnen für Italien und Rom entgehen? ... Die Menschen muss man, gleichviel ob sie gut oder schlecht sind, bloss als Material benutzen, um sich daraus das Leben auf seine Weise zu gestalten ... Bleiben Sie heute Abend zu haus, lesen Sie für diese möglicherweise folgenschwere Audienz im Conversations-Lexikon drüben bei mir, machen Sie's wie die Grossen, wenn sie imponiren wollen ... Den ersten besten Artikel z.B. über die Muschelkalkversteinerungen lernen Sie auswendig und bringen Sie das Gespräch durch eine einzige geschickte Wendung aufurweltliche AusternSie wissen, die Diplomatie beisst da immer anund lassen Sie dann einige entsprechende Citate von Cuvier und andern fallen, so sind Sie ein gemachter Mann! Denn man wird glauben, "urweltliche Austern" wären bei Ihren Kenntnissen das tägliche Brot ... Nein, nein! ... Der Fürst steht freilich schon, hör' ich, auf dem Standpunkt des Fertigseins, wo sich ein grosser nach einer Audienz nicht mehr sagt: Wie hat mir der Mann gefallen? sondern: Wie hab' ich ihm gefallen? ... Aber das Ereigniss bleibt darum merkwürdig an sich! ... Sie bleiben und nehmen jedes Anerbieten ... Unser Curs steht noch leidlich ... Einmal fängt man überhaupt an ... Gewiss, gewiss! ... Ich werde Sie reisen lassen! ...

Der Chorherr schloss Benno fast ein ...

Es war acht Uhr ... In der Ferne hörte Benno das Rollen in den Strassen ... Es war wie das Rauschen des Meeres ... Nun begannen diese Abende der Geselligkeit ... Diese Sicherheit der Lüge und des Zwanges ... Mit Herzen voll Trauer können andere lächeln ... Wegtändeln sollst auch du solche Lebensbürden! ... Sollst morgennach diesem Heute? ... Nein, wie könntest du, ohne aufsehen und mit einem triftigen Grund, schnell und ungehindert von dannen kommen? ...

Er ordnete seine Effekten ...

Da wurde an seine Tür gepocht und der Mohr des Principe Rucca, in weissen Kleidern mit Goldtressen, erschien, um ihn abzurufen ...

Der Wagen stünde unten ... sagte er in gebrochenem Italienisch ...

Benno entschuldigte sich und zeigte auf seine Haustoilette ...

Der Mohr verstand nur halb, ging und kam mit dem Principe selbst ...

Aber mein Himmel, rief dieser, was ist das! Sie hatten uns ja versprochen – ...

Vergebung, Hoheit, ich bedauereIch fühle mich nicht wohl ...

Aber der Cardinal erwartet Sie ja schon ... Sie müssen kommen! ...

Benno schützte seine Erschöpfung vor, die Nachwirkung der traurigen Eindrücke des Tages ... Auch eine wichtige Einladung auf morgen in der Frühe ...

Principe Rucca machte eine Physiognomie, wie ein Kind, dem man ein Naschwerk versagt ... Seine rote gestickte Uniform schien er einen Augenblick zu vergessen ... Sein schwarzes Bärtchen wäre ihm ohne Zweifel sonst ebenso wichtig gewesen wie sein grosser Stern auf der Brustdas Pflaster hatte er abgelegtJetzt zerzupfte er vor einem Spiegel die Feder an seinem Galahut ...

Ich kann mich ja nicht sehen lassen! sagte er ... Der Cardinal wollte Sie schon mit dem Bistum überraschen für IhrenHerrnBrudernicht wahr? ... Die Herzogin hat ihm alles erzählt ... Die Gräfin hat sogleich an den Onkel geschrieben: Der heiligste Priester der Welt ist gefunden! ... Die Sühne für die Existenz eines Fefelotti auf Erden! Der Bruder des Herrn Baron von Asselyn! ... O machen Sie keine Scherze ... Kommen Sie! ... Ich wage ohne Sie nicht zum Cardinal zu fahren ... Ihr Bruder soll sogleich nach Wien kommen ... Wenn er nur etwas Italienisch spricht, so braucht er nur hier an unserer Kirche "Maria zum Schnee" dreimal zu celebriren und ist Bischof von Robillante ... Das Uebrige findet sich ...

Benno blieb bei seiner Weigerung ...

Der Principe musste in seinen Wagen allein zurückkehren ... Er ging wie ein Kind, das eine grosse Strafe fürchtet, und verlangte fast einen Schwur, dass Benno morgen im Palatinus beim Diner nicht fehlte ...

In höchster Aufregung blieb Benno zurück ... Er hatte an Bonaventura, an den Onkel Dechanten, an seinen Bruder, den Präsidenten schreiben wollen ... Nun ging er ratlos in seinem Zimmer auf und nieder ...

Es schlug neun ... Es schlug