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Benno's Lage war bei allen diesen Erörterungen die tiefschmerzlichste ... Die Frage: Ob Selbstmord oder nicht? wurde in Gegenwart des inzwischen gleichfalls bestürzt heimgekommenen Chorherrn erörtert ... Auch der hatte schon die Kunde vernommen ... Herr von Pötzl weinte ... Sein Taschentuch war über und über nass ... Er "verbürgte" sich für einen blossen Unglücksfall ... Alle Welt kenne ja die Wildheit der Gräfin Maldachini ...
Der Chorherr stimmte ihm nicht bei, sondern sagte:
Selbstmord ist die Folge einer lange vorausgegangenen Abwägung der zu tragenden Leiden und der Kräfte, die sie tragen sollen ... Ueberwiegt die Summe jener, so hört die Willensfreiheit auf und jeder Atemzug sagt dann mit Seneca: "Die Tür steht ja offen – so geh' doch!" ...
Pötzl schauderte vor diesem heidnischen Worte ...
Der Chorherr sprach von dem Selbstmord eines geistvollen Benedictinermönchs, der sich von der Höhe eines der palastähnlichen Donauklöster in die Fluten gestürzt hätte ... Von einem kaiserlichen Censor, auch einem sinnigen Dichter, der sich aus Zerfallenheit mit sich und der Welt getödtet ... Er sprach, wie Ludwig Löwe so schön in der Burg als "Roderich" sagt:
"Und selbst die Träume sind nur Traum!" ...
Alle Erschütterung und wehmütige Betrachtung Pötzl's schloss bei diesem die Bemerkung nicht aus, dass der Graf in den Entresolzimmern des Casinos wahrscheinlich den Nachlass von Briefen und "dergleichen" mit Beschlag belegt, vertilgt und überhaupt wohl die Erbschaftsfrage vereinfacht hätte ... Benno ging auf diese Gedankengänge, die die der Habsucht waren, ein, um etwas von Angiolinens Ursprung zu hören ... Wesentlich Neues erfuhr er nicht ...
Der Bemerkung, dass nun durch eine ebenso überraschende wie schmerzliche Fügung des himmels die Willensfreiheit des Grafen und das Arrangement seiner Finanzen gesicherter wäre, konnte er sich nicht entziehen – um so weniger, als jetzt auch Leo Zikkeles voll Schreck und Staunen kam und die nämlichen Gesichtspunkte brachte ...
Pötzl ging und flüsterte Benno ins Ohr:
Noch eins, Herr Baron! ... Ich kann Ihnen aus guter Quelle mitteilen, Ihre Anwesenheit erregt Interesse in – den höchsten Kreisen, sage den höchsten ... Seine Durchlaucht wundern sich, dass Sie sich nicht bei ihm persönlich gemeldet haben ... Stadtrat Schnuphase wird morgen von ihm empfangen werden ... Sehr begierig ist man, von Ihnen über – doch ich weiss nichts, als dass der Herr Oberprocurator von Nück hierher geschrieben haben, Sie hätten die Absicht, in diesseitige Staatsdienste zu treten ... Da werden Sie ja bald das Nähere erfahren ...
Benno horchte staunend auf und lehnte diese Nükk'schen Voraussetzungen als völlig unbegründet ab ...
Pötzl ging klug und schmerzlich lächelnd – mit einer und derselben Miene ... Auch Leo Zickeles blieb nicht zu lange ... Die Bildung eines Comités zur Unterstützung von Hinterlassenen war hier nicht am platz ... Der Chorherr wurde abgerufen ... Sein blick war voll Trauer, ob er gleich Angiolinen nicht gekannt hatte ...
Schon schlug es sieben Uhr ... Um acht wollte Fürst Rucca kommen ... Es fehlte Benno jede Neigung, heute den Cardinal Ceccone kennen zu lernen ...
Entschlossen, sich zur Gesellschaft nicht anzukleiden, ging er mit steigendem Unmut auf und nieder ...
Da kam der Chorherr eilends mit einem Schreiben zurück, das ihm eben für Benno – aus der Staatskanzlei zugekommen war ...
Ein kaiserlicher Rat schrieb: Seine Durchlaucht hätten die überbrachten Briefe empfangen und würden, da der traurige Vorfall von heute bei Seiner Erlaucht dem Grafen von Salem-Camphausen ihm wohl ohnehin für seine nächsten Aufträge Musse gäbe, es gern sehen, wenn die von Herrn Stadtrat Schnuphase in Aussicht gestellten mündlichen und die schriftlichen Mitteilungen des Herrn Dr. Nück von ihm ergänzt und bestätigt würden ... Seine Durchlaucht erwarteten ihn morgen in der Frühe um zehn Uhr ...
Benno betrachtete das überraschende Schreiben von allen Seiten, kaum seinen Augen trauend ...
Nun erst haftete er an Pötzl's Aeusserung: Nück empföhle ihn für den hiesigen Staatsdienst ...
Ist denn das eine gewaltsame Entfernung, die Nück über dich verhängt? ... Kann er meinem blick, meinem Verdacht nicht mehr begegnen? ... Und darum die stete Aeusserung: Der Domkapitular muss ein Bistum antreten – in Oesterreich, in Ungarn! ... Wohin möchte er uns nicht verbannen, nur um – Lucinden ganz für sich allein zu haben oder weil er fürchtet – wir mistrauten der Urkunde? ...
Benno's nicht minder erstaunter Wirt wünschte ihm Glück und setzte in seiner ironischen, durch einen elegischen Ton gemilderten Weise hinzu:
Es ist nur schade, dass der grosse Staatsmann die Gewohnheit hat, alles schon von selbst zu wissen ... Er sagt, er will von Ihnen lernen und wird Sie nur belehren ... Das ist seine Art ... Er fängt einen Satz an, Sie wollen ihn ergänzen, Sie rufen: Sire, geben Sie Gedan – – Da haftet sein Auge an Ihren Rockknöpfen und sagt Ihnen, wo in Oesterreich die besten Knopffabriken wären ... Sein Hauptgedanke ist jetzt unser Anschluss an den Zollverein, um den Supremat Ihres staates zu beschränken ... Nehmen Sie getrost eine Anstellung – im Finanzfach ...