, was du suchtest! hätte er unter den tausend Menschen ausrufen mögen, die um ihn her gingen – fuhren – auf Rossen dahinsprengten ... Eine Schwester gefunden – und so verloren –! ... Eine Mutter – Und auch sie? ... Auch sie! ...
Da stockten seine Empfindungen ... Eine unendliche Bangigkeit bemächtigte sich seines Herzens ...
Diese Mutter musste er bewundern um ihres Geistes willen, ihrer leidenschaft, ihrer Kraft ... Und doch – doch trennte ihn etwas von ihr, das er nicht nennen, nicht in klare Begriffe zerlegen konnte ...
Sie wünschte aufs entschiedenste die Fortdauer des Geheimnisses ... Das konnte er an sich nicht übel deuten ... Wie war es auch möglich, dass sie durch Entüllung sich selbst und ihn so gänzlich in ihren Lebensstellungen veränderte ... Aber diese schnelle hülfe, die sie in der Verstellung, ja in der List fand ... Er sollte zu Ceccone ... Sollte diesem schmeicheln ... Er sollte Freundschaft halten mit dem Principe Rucca und ihn täuschen ... Er sollte sich den Launen Olympiens gefangen geben ... "Sie ist schön, wenn sie liebt" ... Und er musste sich, bei aller Wärme seiner Erinnerungen an Armgart, sagen: Ja, wenn sie lächelt, sprosst der Frühling ... Er fürchtete sich, ihr wieder zu begegnen ...
Ein Grauen befiel ihn, als er am "Stock am Eisen" vorüberging und, trotz der Lächerlichkeit der Erfindung, des Ahasver gedachte, der hier nach Percival Zickeles einen Nagel vom Kreuz des Erlösers eingeschlagen und dann die ewige Ruhe gefunden haben sollte ... Ruhe, Ruhe sollte auch dir nun werden! sagte er ... Heute noch solltest du diesen Boden verlassen und entfliehen! ... Du kennst deine Mutter ... sahst sie –! ... Ist es denn möglich, mit ihr im Zusammenhang zu leben ... Deutete sie nicht selbst an, dass sie Schonung bedürfen – sie von deiner Seite anerkennen würde? ... Deutete sie nicht an, dass ihr die Verbindung Olympiens mit dem Principe unerlässlich schien und du – du nur – störtest? ...
Die Vorstellung, dass er hier in Wien nicht länger bleiben konnte, dass er nicht die Kraft besitzen würde, eine solche Rolle der Verstellung durchzuführen, bildete sich ihm klar und fest aus ... Und fände sich auch, warf er sich ein, vielleicht die Kraft, so würde die Lust, sie zu üben, fehlen! Die Freude über dich selbst, die Zufriedenheit mit dir bliebe aus ... Dein Stolz würde leiden ...
So ging er, Trauer und Freude, Heimat und Fremde, Tod und Leben im Herzen, der Herrengasse zu, um ins Camphausen'sche Palais die Unglücksbotschaft entweder zuerst zu bringen oder, wenn sie ihm schon vorangegangen war, sie zu bestätigen ... Sein Herz blutete und Alles ging heiter und sorglos an ihm vorüber ... Niemand las von seinen Mienen, was er Grausames erlebt hatte ... Sein Innerstes erfüllte sich so mit Wehmut, dass er sich immer entschiedener und fester sagte: Du vermagst diese Kraft des Versteckens mit einem grossen Geschick nicht über dich zu gewinnen ... Lass alles einen schönen Traum gewesen sein! Fliehe! Reisse dich noch heute los bis aufs künftige! ... Der Mutter wird es ebenso sein ... In Rom dann –! In Rom! ...
In der Herrengasse war das auf dem Schloss des Grafen vorgefallene Unglück schon bekannt ...
Benno hatte es dem gesammten mit Bestürzung ihn umringenden Dienstpersonal mit allen Umständen noch einmal zu erzählen ...
Mit erstickter stimme ordnete er die Verhinderungen an, die nötig waren, um die Gräfin, die jeden Tag eintreffen konnte, vom Vorgefallenen nicht zu jäh zu benachrichtigen ....
Die Tischzeit bei den Zickeles war versäumt ... Auch würde Benno nicht die Stimmung gehabt haben, an einer gemeinschaftlichen Tafel teilzunehmen ... Er begnügte sich mit einem stillen Winkel in einer der schon dunkeln Nebenstrassen am Hohen Markt ... Sich verirrend kam er in die Currentgasse ... Er kämpfte mit sich, ob er zu Terese Kuchelmeister gehen sollte, der einzigen Seele, die nächst dem Grafen und der Mutter hier wohl wahrhaft wie er mitfühlte ... Er musste es aufgeben, aus Furcht – sich durch seine Tränen zu verraten ...
Als er in seine wohnung zurückkehrte, wurde von den Zickeles aus zu ihm geschickt ... Die Unglückskunde hatte sich schon verbreitet ... Harry kam dann selbst, abgesandt, wie er sagte, von Teresen, die in Verzweiflung wäre ...
Harry erhielt die Mitteilungen, die ihn fähig machten, von jetzt an bis Mitternacht jedem Vorübergehenden oder allen im Teater vor und neben ihm Sitzenden das Neueste mit der Versicherung zu erzählen: Ich war so gut wie selbst dabei! ...
Der Chorherr war noch nicht daheim ... Es war sechs Uhr, da kam auch Herr von Pötzl voll Bestürzung ... Mit und ohne Verstellung zeigte er das hohe Interesse, das gerade er an diesem erschütternden Vorfall zu nehmen hatte ... Mancher Charakterzug der so früh Hingeschiedenen vervollständigte das Bild eines Wesens, das an einer inneren und äussern Heimatlosigkeit zu grund gegangen war .