... Vorzugsweise ein Eremit – ein Deutscher –
Frâ Federigo! rief Benno ... Den Eremiten Federigo kannte er von dem Nachmittag des vorjährigen Sommers, als Benno, Hedemann und Lucinde mit dem Gipsfigurenhändler Napoleone Biancchi zusammentrafen und den St.-Wolfgangsberg erstiegen ... Dass Bonaventura auch seinen Vater in dem Eremiten von Castellungo vermutete, wusste er nicht, wenn er auch selbst zugab, dass Friedrich von Asselyn noch lebte ... Die Vision Paula's von diesem Winter war auch ihm bekannt geworden; aber die Deutung, die ihr Bonaventura gegeben, war von diesem selbst schon aus Schmerz um seine Mutter nicht weiter ausgesprochen worden ...
Das träumerisch ausgemalte Bild: Bonaventura – Bischof in jenem Tale, wo Paula vielleicht auf dem schloss die Herrin und die Gattin des Grafen Hugo wird –! stand in magisch zauberhaftem Lichte einen Augenblick vor Benno's Auge ... Er sagte:
O ich weiss einen Priester der Erde, der würdig ist, Fefelotti gegenüberzustehen ... Einen Vetter von mir, Bonaventura von Asselyn ...
Ich nenn' ihn Olympien und er hat den Bischofssitz ... sagte die Mutter ...
Olympien! ...
Die Mutter wollte beginnen, von Olympiens leidenschaft und dem Eindruck, den ihr Benno gemacht, zu sprechen ... Ihre Rede verhallte im Lärmen der jetzt wirklich erreichten Stadt ... Der Wagen durchflog die volkreichste Vorstadt ... Schon die vier Rosse allein machten auf dem Strassenpflaster ein Geräusch, das jede Verständigung im Wagen unterbrechen musste ...
Der ganze Schmerz, die ganze Freude des Erlebten fiel noch einmal auf die Herzen der beiden so wunderbar Verbundenen ...
Die Herzogin riss an ihren Kleidern, in denen sie Angiolinens Haar verbarg, und rief:
O mein Sohn! Auch ich will nicht mehr leben! ...
Dann aber zog sie laut – fast lachend und wieder weinend den Sohn an ihre Brust ...
Erschreckend vor den Blicken von Menschen, die hereinsahen, faltete sie die hände krampfhaft gegen Himmel und betete mit den Geberden einer Verzweifelnden ...
Das ganze entfesselte Naturell der Südländerin machte sich geltend ... Oft schlug sie an die Stirn, als fasste sie nicht, was sie alles in diesen Stunden erlebt hatte ...
Benno suchte sie zu beruhigen ...
Der Graf, sagte sie, weiss nichts von den Gebräuchen unserer Kirche ... Erinnere ihn an die Seelenmessen ... Lass sie täglich lesen! ... Täglich sehen wir uns dann bei diesen Messen und wären wir beide auch nur ganz allein zugegen ... In den Begegnungen mit Olympia und dem Cardinal freilich – unterbrach sie sich ...
Mutter! Wenn ich nicht offen deinen Namen bekennen kann, kann ich hier – dir nicht mehr begegnen! rief Benno ...
Cäsar –! Cäsar! rief die erregte Frau ... Aber, ich ahne, fuhr sie fort, du liebst und hast schon dein Herz vergeben – Es ist wahr, Olympia ist deiner nicht würdig ... Sie ist hässlich ... Nein, nur wenn sie hasst ... Sie ist schön, wenn sie liebt ... Sie liebt dich ... Sie gäbe den Principe hin ... Doch nein, nein ... Das darf nicht sein ...
Benno sah, dass in seiner Mutter Verstand und Gemüt in stetem Kampfe lagen ...
Sie sagte:
Erweise dem Principe die Aufmerksamkeit, ihm heute zu Ceccone zu folgen ... Sei klug, sei vorsichtig mit Olympia ... Jeder Widerstand erhöht ihren Eigensinn ... Jetzt lad' ich dich nicht ein, in den Palatinus zu folgen ... Nicht wahr? ... Es war gewagt, dass wir dem Oheim nachkamen? ... Olympia hatte keine Ruhe ... Der Principe Rucca deckt die Convenienz ... Wir haben tausend Verpflichtungen hier ... Auch die, dass wir die Vertreter der Heiligen sind ... Ich bin nie beim Cardinal ... Auch Olympia nie vor andern ... Der Cardinal kommt zu uns ... Morgen, mein Sohn! ... Heute gehst du noch mit dem Principe? ... Wir beide sehen uns so, wie wir fühlen – bei Angiolina's Seelenmetten ... Da knieen wir nebeneinander und sprechen, wie und was das Herz will ... Das ist auch ein Gebet und – ein geheimnis kann auch süss sein ...
Weiter konnte die aufs äusserste erregte Frau im überhasteten, eines ins andere drängenden Strom ihrer Empfindungen und Worte nicht kommen ... Schon hielten die vier in der Stadt zur letzten Anstrengung angestachelten Rosse in der belebtesten Strasse Wiens nicht weit von dem "Monte Palatino" ...
Benno hatte ganz bewusstlos geklopft – der Wagen hielt – der Mohr öffnete – Nun musste er aussteigen ... Ein krampfhafter Händedruck – ein Gefühl in ihm: Zum ersten und zum letzten mal – Gruss und Abschied? ... So stand er auf der Strasse ...
Der Wagen flog weiter ...
Aus dem Traumreich kaum zu ahnender und doch so wirklicher Erlebnisse kehrte Benno in das rauschende Gewühl einer Stadt zurück, deren Bewohner – mitten unter solchen Verhängnissen – nur an den bunten Anschlagzetteln beteiligt schienen, die die Strassenecken bedeckten und zu Vergnügungen einluden ...
Erreicht! Erreicht