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Olympia hatte zum Glück die gute Eigenschaft, fuhr die Mutter ausweichend fort, dass ihr fester Wille zuweilen eine edle Sache ergriff ... Dass die Sache edel war, war dann nur ein Zufall ... Sie wählte immer nur diejenigen Standpunkte der Auffassung, die ihr der Zufall und eine persönliche Empfehlung boten ... So sind alle Vornehmen ... Brachte ein Pächter eine Bittschrift und hob ihr den Fächer auf, der ihr gerade entfallen war, so ruhte sie nicht, bis seine Wünsche erfüllt wurden ... Ebenso gross aber auch ihr Hass und ihre Rachsucht ... Einen jungen Geistlichen, der ihr die beichte hörte, gab sie an, dass er sie im Beichtstuhl geküsst hätte ...
Benno entsetzte sich ...
Es war eine Lüge ... Sie führte diese Lüge mit allem Aufwand der Verstellung durch ... Der junge Priester hatte ihr einige Strafen auferlegt, denen sie sich nicht unterziehen wollte ... Der Unglückliche verdarb sein Schicksal vollends durch die seltsamste Grille von der Welt ... Er räumte ein, dass Olympia, damals vierzehn Jahre alt, recht gehabt hätte ... Es war ein Alcantarinermönch aus dem Norden Italiens, der der strengsten Regel der Franciscaner angehört ... Sie sah ihn eines Tages in der Sixtina und wollte ihn sofort zum Beichtvater ... Der Cardinal liess den Pater Vincente aufsuchen und bestimmte ihn, in Rom zu bleiben ... Pater Vincente, bildschön, träumerisch von natur, hatte durch seinen schweren Orden die Kraft der Nerven verloren ... Er errötete bei jedem Wort, das man an ihn richtete ... Dennoch wurde er Olympia's Beichtvater und bezog das römische Kloster der Alcantariner ... Nach sechs Wochen endete dieser Roman in der Art, wie ich sagte ... Olympia rächte sich für seine Strenge und wollte ihm nicht länger beichten ... Sie log und alles sprach ihn frei ... Er aber – er hatte sich in der Tat in sie verliebt und gab etwas zu, was nur das Spiel seiner Phantasie gewesen sein mochte ... Er sagte: Ich habe sie geküsst!2... Der Unglückliche schmachtete fünf Jahre in einer Strafzelle der Alcantariner ...
Olympia ist ein Teufel! wallte es in Benno auf und es auszusprechen hinderte ihn nur der Gedanke an den Pater Sebastus und den Bruder "Abtödter", die nach Rom zu den Alcantarinern geflüchtet waren ... Lucinde, Bonaventura traten vor sein irrendes Auge ...
Die Mutter fuhr fort:
Als Pater Vincente eingeräumt hatte, dass er Olympien im Beichtstuhl küsste, erschrak sie selbst und bereute nun ihre Tat ... Sie schrie und weinte darüber ... Sie lief zum Cardinal und warf sich ihm zu Füssen ... Sie küsste seine Zehen, was sie immer als Ausdruck der höchsten Schmeichelei für ihn tut, da sie so ausdrücken will, dass ihm die dreifache Krone beim Tod des Papstes nicht entgehen könnte ... Sie schwur, dass sie gelogen hätte und bat um die Freilassung des Priesters ... Der Cardinal tat alles, was in seinen Kräften stand ... Aber Pater Vincente verharrte bei seiner Versicherung, er hätte sie geküsst und verdiene seine Strafe ... Da war bei seinem General nichts auszurichten ... Erst vor kurzem kam uns die Kunde von seinem Schicksal in Erinnerung ... Es war die Rede davon, dass neben Fefelotti, der jetzt auf seinem Erzbistum Cuneo, auch Coni genannt, sich befindet, gerade auch das Bistum Robillante frei geworden ... Man sagte, dass dem "schlechtesten Christen" eigentlich der "beste Christ" gegenüberzustellen wäre ... Ceccone dachte an einen Beaufsichtiger Fefelotti's, die andern an einen wirklich heiligsten Priester ... Der ist nicht zu finden! hiess es allgemein ... Olympia besann sich eine Weile und sagte mit blitzenden Augen: Der beste Priester der Welt ist Pater Vincente bei den Alcantarinern! ... Als man staunte, sagte sie: Ich stürzte ihn ins Unglück und er wollte für seine Gedanken büssen! Macht ihn zum Bischof von Robillante! ... Man ging auf den Plan ein. Um so mehr, als man erfuhr, dass dieser Bischofssitz in der Heimat des Paters Vincente liegt ... Er ist aus dem Tal von Castellungo gebürtig ...
Castellungo? unterbrach Benno ...
Ein Tal am fuss des Col de Tende im Piemontesischen ...
Das Schloss von Castellungo gehört dem Grafen Hugo, von dem wir eben Abschied nahmen! ...
Die Mutter horchte auf und setzte hinzu: Ja, die Gegend ist ketzerisch ...
Benno's Gedanken waren auf den "besten Priester der Welt" – auf Bonaventura gerichtet ...
Pater Vincente, fuhr die Mutter fort, die seines hochgespannten Anteils gerade über diesen Vorfall staunte, hatte seine Schuld gebüsst und war vom General seines Ordens längst wieder in seinen alten Stand eingesetzt; noch lebte er im Alcantarinerkloster, schlug aber die Ehre aus ... Er sagte, gerade vor jenem Tal von Castellungo wäre er geflohen ... So ist der Sitz noch unerledigt ...
Vor jenem Tal wäre er – geflohen? ... fragte Benno sinnend ...
Wir erfuhren nichts davon durch Pater Vincente ... Andere erzählten, die Ketzer in jenem Tale hätten sein Gewissen verwirrt