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um eine Frau zu sein ... Dadurch erst gewinnt ein Weib grössere Freiheit ... Mein Sohn, Rom hat keine Erziehung, keine Bildungkeine Tugend – ... Es hat nur leidenschaft und VerstellungWir haben die Formen der Devotion ... Diese vertreten den öffentlichen Anstand ... Alles Uebrige ist die grössere oder geringere Kunst der Verstellung ... Tugend ist nur da, wo die natürliche Empfindung sie zugleich mit hervorruft, oder nur da, wo sie schon die natürliche Begleiterin von Stolz und Liebe ist ... Ein Staat von Priestern, die unter einem unnatürlichen gesetz leben, kann nichts anderes hervorbringen ... Ich habe es einmal erfahren, was ein in Rom entstandener freisinniger Gedanke kosten kann ... Ceccone neigt, wie das im Alter so geht, zu politischen Verbesserungen und ist in seinem innersten Herzen Italiener, ja mehr noch, Römer ... Olympia sowohl wie ich arbeiten auf die Erhöhung Italienseine Zukunft, die ohne Bruch mit Oesterreich nicht denkbar ist ...

Benno sah sich betroffen um ... Die Diener hätten hören können ... Schon näherte man sich den volkreichen Vorstädten ...

Seine Besorgniss war ungegründet ...

Fefelotti, fuhr die Mutter unerschrocken fort, der gleichfalls inzwischen Cardinal wurde, erhob sich wie die Schlange, die ein Fuss nicht ganz zertreten hat ... Diesen Winter war es ... Da begannen die Intriguen der immer mächtiger werdenden Jesuiten ... Ich sollte auf der Reise hieher, die schon lange zu Olympiens Ausbildung beschlossen war, die Anklage erhalten, die Gattin zweier Männer gewesen zu sein ... Zum Glück, wie ich hier wohl sagen kann, starb der Kronsyndikus ... Aber die Intrigue ruhte nicht ... Wir haben uns der Feinde versichern müssen ...

Ceccone versprach dem Al Gesù, seinen Befehlen zu gehorchen –! ...

Ja! erwiderte die Mutter wie eine Römerin, die nur triumphiren wollte mit dem Berichte: Fefelotti ist gestürzt und in ein Erzbistum verbannt ... Weit von Rom entfernt, im Piemontesischen, krümmt er sich jetzt, racheschnaubend, aber ohnmächtig ... Wir fühlen seine Hand nicht mehr ... Warum staunst du? ...

Benno unterdrückte seine Empfindungen ... In solche Umtriebe des Ehrgeizes machtbegehrender Priester mischt sich das Wohl der Staaten, die Freiheit der Völker, die Erleuchtung der Gewissen! ...

Die Mutter kam auf diese Vorstellungen nicht ... Sie sprach von Olympien ...

Ihre ersten Lebensjahre wurde sie im Kloster verborgen gehalten ... Das Kloster liegt nicht einsam ... Man hatte Ursache, das Schreien des Kindes zu erstikken ... Man erstickte es durch Liebkosungen und die Gewähr jedes Wunsches ... Ein Nein! gab es nicht bei Nonnen, die über eine Entdeckung zitterten ... Dass sie gleich anfangs eine Nonne aufnahmen, die Mutter wurde, machte die Habgier ... Ein Kloster ist bei uns für Wohltaten und Geschenke, die man ihm spendet, zu allem fähig ... Diese Mönche und Nonnen gewöhnen sich so an die Vorteile, die ihnen die Besitztümer ihres Klosters gewähren, dass sich die wunderbarste Einigkeit zwischen allen herstellt, wenn sie nur wissen: Das ist dein Anteil an dem gemeinsamen Gewinn ... Die Menschen der Entbehrung und Einsamkeit werden so; sie handeln im Charakter eines Ameisenhaufens, der eine einzige Ameise voll Intelligenz ist ... Dem Kloster dann heimlich entführt und in meine Obhut gegeben, erlebte Olympia einige entschiedene Anwandlungen meiner Neigung, ihr eine Erziehung zu geben ... Der Erfolg war nicht ermunternd ... Lassen Sie das Kind sein, wie es ist! sagte der zu einer Mischung von halb Trajan, halb Nero geborene Cardinal ... Nur ein Mensch von starkem Willen lebt siegreich in dieser halben Welt! setzte er hinzu ... Oft sah ich mir in der Galerie Borghese das Bild an, das Rafael von Cäsar Borgia gemalt hat ... Ein Kopf wie ein Räuberhauptmann, voll schrekkhafter Männerschönheit ... Macchiavelli machte aus ihm das Muster eines echten Fürsten ... So war Ceccone in seiner Jugend und Olympia ähnelt ihm ... Sie bekam schon als Kind galante Briefe und Gedichte von denen, die ihren Schutz begehrten ... Sie wählte sich selbst ihre Gesellschaft ... Sie liess Schäferknaben von ihrer Hürde in der Campagna wegnehmen und in prachtvolle Kleider stecken, um mit ihnen spielen zu können ... Ebenso oft aber auch nahm sie ihre Gunstbezeigungen wieder zurück ... Ich hatte Scenen mit dem Cardinal voll äusserster Aufregung ... Er konnte so grausam sein und mir sagen: Madame, Sie sind die Kammerfrau einer Fürstin, nichts weiter! ... Ich ertrug diese Ausbrüche des Dünkels und der Tyrannei, denn ich hatte zu viel gelitten und war angekommen an jenem schreckhaften Wendepunkt im Frauenleben, wo der Mut, die Hoffnung versiegt und uns die Angst vor dem Alter ergreift ...

Benno drückte der Mutter die Hand und sprach:

Trenne dich von dieser Welt und seiganz nur mein! ...

Wird das gehen? sagte die Mutter schmerzlich lächelnd undablehnend ... Sie küsste seine Stirn ... Nein! setzte sie in der Tat den Kopf schüttelnd hinzu ... Warum nicht? ... lag in Benno's betroffenen Mienen