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verwirrt uns und lässt uns falsche, oft ganz unwürdige Massregeln ergreifen ... Ich fand wenigstens meine hülfe da, wo ich nimmermehr geglaubt hätte, dass ich sie suchen würde ...

Benno horchte voll höchster Spannung ...

Jenseit der Tiber wohnen in Rom jene Volksklassen, die sich noch eine gewisse Natürlichkeit, soweit sie bei römischer Unbildung möglich ist, bewahrt haben; Handwerker, die grösserer, lichterer Räume bedürfen, als sie die innere Stadt diesseit der Tiber bietet ... In Trastevere wohnte ein Metzger, von dem ich mir zuweilen den Luxus gestattete, ein besseres Stück Fleisch, ein ganzes junges Lamm für die Küche zu bestellen ... Noch lebte meine alte Marietta Zurboni, die mich so lange Jahre begleitet hatte ... Nun war sie ganz blind; ich gönnte ihr zuweilen Festtage in Wirklichkeit, nicht bloss die, die im Kalender stehenWas ich da alles rede! unterbrach sich die Herzogin und starrte in die Ferne und in die noch nicht erreichte Stadt ...

Benno erkannte, dass die Mutter so plötzlich der Schmerz um die tote, die nun schon in Entfernung fast einer Meile zurückgeblieben, ergriff ... Sie hielt beide hände nach der Gegend hin, wo Schloss Salem lag ... Eine Geberde der Bitte um Verzeihung ... Sie küsste wieder die blutigen Haare ...

Benno beruhigte sie ...

Eines Tages, fuhr sie nach einem kurzen Weinen fort, hatte ich mich von Kirche zu Kirche bis SantaCecilia gebetetdies war die einzige Art, wie ich als Herzogin am Tage ohne Equipage vegetiren konnteIch tat, als könnte ich, da ich doch einmal bei Meister Pascarello in der Nähe war, bei dieser gelegenheit, obgleich ich eine Herzogin war, auch wohl mein Osterlamm selbst bestellen ... Hoheit, sagte er, warum sind Sie nicht zehn Minuten früher aus Ihrer Andacht erwacht! Soeben hatte ich noch fünf Lämmchen, weiss wie Schnee, so unschuldig, dass sie die heilige Agnes mit in den Himmel hätte nehmen können! ... Ich bedauerte ... Hätt' ich diese Ehre geahnt! fuhr er fort. Aber, den Heiligen sei Dank, die Kleinen kommen wenigstens in gute hände und Gott segne, dass ihre Wolle dem Pascarello Ehre macht! ... Wer erhielt sie denn? fragte ich ... Der ehrliche Metzger zeigte über die Tiber hinweg und sprach: Wenn die Tierchen gebraten werden, Hoheit, einen solchen vornehmen Rost haben Sie doch nicht! Ich glaube fast, der des heiligen Laurentius selbst wird dazu genommen! ... Ich ahnte eine Bestimmung für die Kirche und Meister Pascarello erzählte mir noch eine geschichte, die in Rom jedermann weiss ... Im Kloster der Nonnen, die man die "Lebendigbegrabenen" nennt, werden die Lämmer gezogen, aus deren Wolle die weissen, drei Finger breiten Schulterbinden, Pallien genannt, gefertigt werden, die Rom jedem neuernannten Bischof der Christenheit zuschickt ... Die Achselklappen zu den Uniformen der grossen römischen Armee ... Die Lämmer können ihre zarteste Wolle nur jung liefern, werden nach der Schur geschlachtet und der Heilige Vater bewirtet mit dem Fleisch jährlich die zwölf Apostel, denen er die Füsse wäscht; es sind arme, die zu dieser Ehre schon lange auf einer Liste verzeichnet stehen ... In dem Kloster sagte Meister Pascarello, muss ein Wolf hausen oder eine Wölfinverbesserte er sich –; denn ich habe die Ehre, des Jahres viel Lämmer dortin zu liefern, mehr als in einem Jahr in der Christenheit Bischöfe sterben und neue gewählt werden! ... Seltsam! ... sagte ich gleichgültig undbetete mich wieder in meine dunkle Gasse bei Piazza Navona zurück, in der ich wohnte ... Ich erzählte diesen Vorfall einem Prälaten, der mich oft besuchte, obgleich ich ihn nicht mochte wegen seines giftigen und intriguanten Wesens ... Leider hatte' ich ihm schon mehr von meinen Lebensverhältnissen vertraut, als ich hätte tun sollen ... Es ist der jetzige Cardinal Fefelotti, wie man weiss, der Feind Ceccone's ...

Benno hatte diesen Namen als jetzigen Nachbar des Grafen Hugo in Castellungo heute nennen hören ... Auch wusste er, dass Olympia's Mutter im Kloster der "Lebendigbegrabenen" lebte ... Er fürchtete die Aufregung der Mutter und sagte:

Lass es! ... Du wirst mir noch oft erzählen können ...

Eine solche Stunde kommt uns nicht so bald! erwiderte sie seufzend ...

In Rom! ... Ich verlasse Wien ... sagte er ...

Nein! rief die Mutter leidenschaftlich, umschlang und küsste ihn ...

Ich gehe nach Rom ... Heute noch ...

Cäsar! rief die Herzogin wie im Ausbruch des äussersten Schmerzes unddoch voll Freude ...

Nach einiger Sammlung fuhr sie fort:

Fefelotti machte eine schlaue Miene und sagte: "Daraus erkenne ich ja die Wahrheit eines Gerüchtes! Monsignore Tiburzio könnte, mein' ich, von dieser kleinen Wölfin leicht seinen Cardinalshut zerrissen bekommen" ... "Sie wissen", setzte er hinzu, "dass Tiburzio im nächsten Conclave den Purpur erhalten wird" ... Die Züge Fefelotti's verzerrten sich noch hässlicher, als sie schon von natur sind ... Ich sah, dass er über einen Plan brütete ... Ceccone