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Bekennern gehören, nichts unterlassen, was ihre Geltung mehren kann.

Nirgends äussert sich der Arzt, der advokat und Schulmann mit solcher Bestimmteit wie unter Kaufleuten, und niemand unterwirft sich ihnen auch so unbedingt wie diese. Englands Parlament ist ein Beweis, wie der Nimbus der gemachten Studien sich vorzugsweise in einer grossen geschäftlichen Welt erhält. Diese ärzte und Advocaten sind es vorzugsweise, die den öffentlichen Geist bestimmen und das Endurteil auch in den Familien abgeben, denn, wie jene die Frauen regieren, so werden diese zu jeder Beratung von grösserer Wichtigkeit hinzugezogen. Die einen von ihnen folgen dem allgemeinen geist des Erwerbs und nehmen früh eine praktische Richtung an, streifen den Idealismus ab, reden mit dem gemeinen Mann in seiner Sprache und nehmen die materielle Welt ganz wie sie ist; die Wissenschaft wird ihnen eine melkende Kuh; sie verschmähen selbst die Intrigue nicht, und werden in der oft bis zum Lieblosen gehenden Entfaltung des schroffsten und einseitigsten juristischen Verstandes unterstützt von denen, die ihre Spitzfindigkeit in Anspruch nehmen, bewundern, rühmen, reichlich belohnen. Die andern sind, wie die menschlichen Entwickelungen einmal durch ihre angeborenen Anlagen bestimmt werden, von einer idealen Haltung. Sie scheinen das Alltägliche zu verachten, vertreten die Gedankenwelt, hüllen sich in einen heiligen Nebel mystischen Eingeweihtseins, sind entweder Freimaurer oder Pietisten oder Poeten oder alles zu gleicher Zeit und in verschiedenen Lagen, nur benehmen sie sich überall wie ein Besonderes, Vornehmes und ewig Akademisches, und man darf hinzufügen, dass auch diesen Männern der Erfolg nicht fehlt. Jetzt, wo die materielle Richtung überwiegt, mag das Häuflein dieser vorzugsweise mit dem Rufe des Geistreichen ausgezeichneten Adepten der Wissenschaft geschmolzen sein. Noch in den dreissiger Jahren aber war der Zusammenhang Hamburgs mit den edelsten Richtungen des Vaterlandes ein sehr inniger, und die schöne, masshaltende, sich selbst beschränkende Weise manches dort gefeiert gewesenen Namens wird noch jetzt bei den Nachlebenden nicht verklungen sein.

So scheiden sich beide Richtungen im Alter. In der Jugend aber gehen sie noch mehr zusammen. Der Scharfsinn des einen findet seinen Widerpart am Wissen des andern, der Rabulist der spätern juristischen Praxis streitet sich noch mit Hartnäckigkeit für Schelling oder Hegel, denen er die Schärfe seiner Unterscheidungen zugute kommen lässt. Allen aber gemeinsam ist auf lange Zeit, oft bis in die ersten Jahre der Verheiratung hinein, das lebendige Festalten des akademischen Lebens. Die von Göttingen oder Heidelberg mitgebrachten Anschauungen werden nicht nur in den Kaffeehäusern festgehalten, sondern oft auch noch in dem Wäldchen hinter Wandsbeck, in den Hohlwegen hinter Eppendorf. Man setzt die Feindschaften, die man von der Hirschgasse in Heidelberg, von Ulrici in Göttingen mitbrachte, in der Vaterstadt fort und wechselt auch oft noch im nahen holsteinischen Sachsenwalde Kugeln um dieselben Bagatellen, um welche man am Neckar und an der Leine "auf krumme Säbel losgegangen" war.

In diesen Kreis seiner Freunde kehrte Heinrich Klingsohr, mit Entusiasmus empfangen, zurück. Die grüngelbweisse Farbe hatte mit der rotweissen immer harmonirt; gehörten doch beide dem grossen Bunde des Plattdeutschen an.

Klingsohr traf junge Advocaten und ärzte, Assistenten am Krankenhause, gelehrte Speculanten, die sich durch irgendein Organ, das Ohr, das Auge, oder als Juristen durch Wechsel- oder Staatspapiergeschäft eine Specialität zu schaffen suchten, andere, Juristen, die auf eine Anstellung in der Verwaltung rechneten und sich mit Statistik der Ein- und Ausfuhr beschäftigten, Schulmänner, die vor drei Herren und siebzehn Damen Vorträge über Spinoza hielten, andere, die eine alte Neigung zum Schriftstellertum nicht länger zu verbergen brauchten, sondern durch irgendein Angebot der vielen hier erscheinenden Zeitungen Redactoren wurden, sie wussten nicht wie, Candidaten, die noch nicht nötig hatten, das Haar zu scheiteln und den blick zu Boden zu schlagen, da die Aussicht zu einem Pfarramt in der Stadt erst über eine lange Probezeit auf dem land oder ein mühseliges Lehramt geht ... kurz, in diesen, natürlich unausgesetzt von Cigarrenwolken eingehüllten Kreis trat Klingsohr ganz so wieder ein, wie er ihn von seinen frühern Besuchen her kannte. Selbst in Göttingen als Privatdocent hatte er den Zug zum ewig Studentischen nicht aufgeben können. Er fand hier alle alten Anekdoten wieder, alle alten Stichwörter und Stichblätter des Witzes, alle alten Spitznamen; man lachte ebenso auf gegenseitige Kosten wie bei Betmann in Göttingen, mit der gleichen oft sehr nahen maliciösen Anstreifung an die "touchirende" Grenze und mit derselben Empfindlichkeit, wenn diese wirklich überschritten und eines jener Worte gesprochen wurde, in deren Entgegennahme der "Mann von Ehre" sich in Deutschland vom "Philister" unterscheiden soll. Zwischendurch galten die gespräche der aufgeregten Zeit, den Streitigkeiten des Tages, den Vorkommnissen der inneren städtischen Verwaltung, den Persönlichkeiten der einzelnen Teilnehmer des Kreises und vorzugsweise den Frauen.

letzteren widmete man ganz den Anteil, der ihnen überhaupt gebührt; erhöhen aber musste er sich im mund junger Männer, von denen selbst die, welche den Reiz des Frauentums mehr als sich gebührt hätte schon auf sich hatten wirken lassen, nicht in eine souveräne Verachtung desselben, die den Blasirten eigen ist, versunken waren, sondern aus dem Wüsten und Wilden sich ganz so wie Heinrich Klingsohr selbst zu einem Bedürfniss aufschwangen, in den Frauen das Madonnenhafteste, von der Welt zu finden und sie anzubeten wie die eigene verlorene Unschuld und Jugend. Die dem Fremden fast unglaubliche Möglichkeit, dass sich in Hamburg überhaupt Sitte und Unsitte in strengster Geschiedenheit erhalten können, war auch in diesem Kreise bewiesen. Man konnte der tollsten Phantasie und einer grauenerregenden Kenntniss aller Nachtseiten im Frauenleben