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auch mit den leichtesten Formen, die Tugend und Entsagung selbst sind ... Das weiss in Rom jedermann ... Cardinal Ceccone kann nach seinen arbeiten in der Sacra Consulta nicht anderswo sich erholen, als bei der Herzogin von Amarillas, wo es hergehen würde so still und fromm, wie im Kloster von Camalduli, wenn nicht Olympia mit den Jahren immer gefahrvoller sich entwickelt hätteCäsar! – unterbrach sich die Sprecherin und betrachtete Benno mit einer Mischung von Staunen und Schreckenwie nur war es möglich, dass gerade du, du mein Sohn, Cäsar von Wittekind, es sein musstest, der – ... Dochfuhr sie plötzlich auffliehe Olympia! Sie zerreisst, was sie liebt! ...

Benno geriet in die grösste Verwirrung ... Seine überzeugung, dass er in Wien seit dieser Stunde nichts mehr zu vollbringen oder abzuwarten hätte, mehrte sich ...

Die Mutter fuhr fort:

Ich bin nicht die einzige Herzogin, lieber Sohn, die in Roms dunkelsten Gassen wohnte und nurin den Kirchen, deren wir zu diesem Zweck Gott sei Dank genug haben, von einem ihrem Stand gebührenden Glanze umgeben ist ... Man ist arm, aber vom mund darbt man sich den Mietwagen ab, der uns des Abends eine Stunde auf den Corso führt ... Sonst geht man des Tages zu Fuss ... Ein Schleier genügt, nicht einmal ein Bedienter ... Alle hundert Schritt liegt eine schöne geräumige Kirche, gebaut aus Marmor, mit stillen Kapellen, dunkeln Ecken, da eine Lampe, hier ein Schemel für die Füsse, ein Bild von Domenichino, eine Sculptur von Michel Angeloso kann man schon eine Stunde lang verträumen, ein Leben der Armut anständig verschleiern ... Du wirst das sehen, wenn du in Rom bist ... Du gehst nach Rom! ... O wohl, wohl! ... Du sollst es ... Oder waswas glaubst du, mein Sohn? ...

Benno hatte die Miene gemacht zu fragen, ob sie es nicht wünsche ... Er sah, wie seine Begegnung sie bei alledem zu stören anfing ...

Die Kirchen, fuhr die Herzogin nach einigen zärtlichen Blicken fort, die Kirchen in Rom sind zum Beten da; aber sie verbinden zugleich den Zweck, eine Promenade zu sein, eine Promenade, die zu betreten nichts kostet ... Ich hörte einen Attaché der Gesandtschaft des Königs von Preussen, der erst einige Tage in Rom war, ausser sich geraten bei der Erzählung: Ich besuche den Carcer Mamertinus beim Capitol, die Kapelle, die über jenem gefängnis erbaut ist, wo sankt Peter vor seiner Hinrichtung gefangen sass, und ein Geistlicher tritt herein, kniet vor einem Betpult nieder, wendet das Antlitz zum Altar, zieht, ehe er betet, sein Taschentuch, seine Dose, n i m m t e i n e P r i s e und dann erst faltet er die hände!1... Dies Bild brachte den Luteraner ausser sich, beleidigte jedoch von uns Römern niemand ... Es war ein heisser Tag; der arme Dorfpfarrer, der die Merkwürdigkeiten der Stadt ansah, wollte sich ausruhen und benutzte die kühle Kapelle St.-Pietro in carcere ... Dass man sich an einem solchen Ort mit der Geberde des Betens ausruht, bringt die Rücksicht auf den Ort und diejenigen mit sich, die vielleicht ringsherum wirklich beten ... Die Kirchen Roms sind nicht Kirchen allein, sondern die ehemaligen Termen der Kaiser ... Sie sind die Gärten und Promenaden der Stadt, die allen gehören, den Armen und Reichen, den Königen und Bettlern ... Ist denn nicht auch das Religion, was alle gleich macht? ... Wer gefallen ist, Könige, die ihre Krone verloren, können keine bequemere Stadt der Welt finden ... Für die, die ohne Demütigung sein und vergessen wollen, ist Rom die Stadt der Städte ...

Diese Aeusserungen einer Frau, die in so unmittelbarer Nähe der Tonangeber der Christenheit lebte, mussten Benno wohl die Frage wecken: Wiestehen ihre Ueberzeugungen im verhältnis zur Kirche und zu dem Zweck der Sendung des Cardinals? ... Doch überwog jetzt noch das Interesse am Persönlichen ...

Fünf bis sechs Jahre, fuhr die Mutter fort, lebte ich in dem steten Kampf mit mir, welche Entschliessungen ich fassen sollte ... Ich war nicht mehr jung ... Meine Schönheit, wenn ich sie je besass, war verblüht ... Ich zog niemanden an, als dann und wann ein paar Priester, die bald wegblieben, als ich ihnen keine Tafel serviren konnte ... Zur Devotion hatte ich kein Talent ... Im Singen zu unterrichten widersprach meinem Stolz ... Ich processirte mit den Gerichten Spaniens; die Revolutionen und die Cortes wiesen mich ab ... Wittekind erlebte in meiner Verzweiflung einigemal die Drohung, dass ich nach Deutschland kommen und die Gerichte gegen ihn anrufen würde ... Ich ging so weit, mich über die gesetz wegen unwissentlicher Bigamie zu unterrichten ... Ich überzeugte mich, dass meine Ehe nach kanonischen Regeln anerkannt werden konnte ... Dann aber hatte ich in Bigamie gelebt und musste erst von dieser Sünde wieder befreit werden ... Das ist das besonders Schmerzliche am Unglück, es macht zuletzt feige ... Das Unglück