Mutter, die uns verlassen konnte ... Eine Mutter ist die Vorsehung ihrer Kinder – aber Sie haben recht, was sagten Sie eben? Eine Mutter kann in ihrem kind den Vater hassen? ... War es nicht das? ... Nicht alle sind so gross und eitel, wie Ihr Cardinal Ceccone, der in seinem kind – die Mutter zum zweiten male liebt ...
Jetzt hatten sich Benno's Züge wirklich verzerrt ...
Die Herzogin, die an der Tür, erst um zu entfliehen, stand, drückte jetzt die Tür noch fester zu, blieb aber wie trotzend stehen ...
Vergeben Sie, Herzogin! fuhr Benno fort. Wir wollen die Ruhe meiner Schwester nicht stören ... Aber mein geheimnis ... Nicht wahr, ein geheimnis für Sie und mich? ... Auch ich glaubte von Zigeunern zu stammen, wie diese arme, wenigstens aus Spanien glaubte ich zu kommen ... Ich entsinne mich einer Frau, einer jungen schönen Frau, die mich zuweilen – ich konnte nur ein Kind von drei oder vier Jahren sein – holdselig anlächelte, zuweilen auch wohl eine Träne auf mich fallen liess; es konnten auch am Kindesauge nur ihre Diamanten haften geblieben sein ... Herzogin, da erfuhr ich plötzlich, dass ich eine Schwester habe ... Sie ist geboren mitten auf der Landstrasse ... Mitten unter den Schrecken des krieges, auf der Flucht ... Vor fünfundzwanzig Jahren ... Von einer Mutter, die eine Italienerin, eine Sängerin war ... Sie hiess –
Basta cosi! schrie die Herzogin mit dem Ton der Furie ... Sie lief auf Benno zu, ergriff seine Hand, sah sich wild um, richtete ihre beiden noch der höchsten Glut fähigen Augen auf nur drei Zoll Nähe dicht in die seinigen und starrte ihn wie die Erinnye mit weissen Augen an ...
Schurke, der du bist! fuhr sie fort ... Nachfolger des Paters Stanislaus! Nun weiss ich alles ... Hier, hier in diesem haus wohnte ja Pater Stanislaus, Wenzel von Terschka ... Sollst du es besser machen, als dieser undankbare Teufel, der dem Al Gesù seinen Spass verdorben hat?! ...
Mutter –! rief Benno auf dies entsetzliche Wort aus der tiefsten Tiefe des Schmerzes, des Mitleids, der Liebe hervor ... Mutter, wie redest du! ...
Sein Ton war so zart, so innig, dass er von keinem Betrüger kommen konnte ...
Die Gefolterte starrte ihn an ... Die verzerrten Züge ihres Antlitzes milderten sich, das Auge, immer sich einbohrend in die Augen Benno's, verlor seine stechende Schärfe, immer schwankender wurde ihre Haltung, die hände suchten einen Halt, sie sank – "Mutter?" hauchte sie ihm nach ... Benno stürzte auf sie zu und überwunden lag sie in seinen Armen ...
Eine Weile währte es, bis sie sich aus einer Ohnmacht erholte ...
Benno lüftete ihren Hut, der sofort niederfiel ... Das Haar verdeckte ein Netzwerk, unter dem ein ehrwürdiges Grau schimmerte ...
Allmälig erst gewann sie Sprache und hauchte, zu ihm aufblickend, noch tief zweifelnd, aber schon mit liebender Zarteit:
Ce – sa – re –? ..
Julius Cäsar ... bestätigte Benno, richtete die Augen auf die Leiche und sagte: Und diese nannte man Angiolina ...
Die Augen der Frau erhoben sich wie irr bald auf Benno, bald auf die Leiche, bald gegen Himmel ...
So währte es eine Weile ... Dann gingen die Augen nur noch vom Sohn zur Tochter und vom tod zum Leben hinüber ... Endlich riss sie sich wild los und schrie:
Licht! Licht! ... Die Fenster auf! ... Ich muss meine Kinder sehen! ... Meines Mörders Kinder ... Ha, ha! – Wach auf, wach auf, Mädchen! ... Ich kenne dich ja nicht – ...
Benno gewann zuerst die Fassung ... Man hörte Geräusch ... Schritte eines Kommenden ... Es klopfte leise ...
Der Graf war es, dem das lange Verweilen, das laute Sprechen bei der Leiche auffallen musste ...
Die Herzogin lag ausgestreckt über der Leiche, verbarg ihr Haupt und war selbst wie entseelt ...
Der Graf durfte diesen Ausdruck weiblicher Teilnahme an einer Südländerin natürlich finden und folgte Benno harmlos, der ihn mit äusserster Beherrschung seiner selbst aus dem saal zog ...
Die Herzogin blieb allein zurück ... Sie sah um sich, sie tastete hin und her, sie stürzte auf die Leiche, sie riss sich wieder auf, nahm ihren entfallenen Hut, drückte ihn auf das Haar, das sie erst zerwühlen wollte ... Dann nahm sie mit irrer Geberde die abgeschnittenen blutigen Haare und verbarg sie wie im Diebstahl ... Nun presste sie wieder einen Kuss auf die Lippen der toten, dann wandte sie sich und wollte wieder zurück ...
Der Graf stand inzwischen wieder in der Tür ...
Wir verweilten lange bei dem lieblichen Engel – sprach sie in kurzen Sätzen ... Segne Sie – Gott, Herr Graf, für die Liebe, die Sie ihr schenkten – Es gibt nur Eine Liebe – mag sie auch Namen