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Saal schliessen wollte, in dem die Leiche zurückblieb ...

Die Herzogin stand auf das Wort "Altenkirchen" noch immer wie gebannt ...

Sie sah die düstere Hinterfaçade des Hauses mit den kleinen Entresolfenstern an und hauchte, wie von Erinnerungen durchschauert:

Wie ein Grabgewölbe das! ...

Eben hörte man das Drehen des grossen Schlüssels ... Es klang wie ein: Es ist vollbracht! ...

blick hin! ... Komm! ... Zum letzten mal ist es möglich, dass du das eine deiner Kinder siehst! ... rief es in Benno's inneren ... Die Seelenmesse für sie, von der du eben sprichst, wirst du versäumen! ... Jetzt, jetzt, wo du eben hörst, Graf Salem wäre ein Ketzer, lass dein Staunen, lass dein fragen! In diesen stillen Saal ruft die letzte Stunde – ...

kennen Sie die Familie der "Grafen" von Wittekind? ... fragte die Herzogin ...

Freiherren! verbesserte Benno ... Eben diesem Geschlecht gehört Neuhof ...

Die Herzogin stand eine Weile sinnend; dann fragte sie:

Sie bleiben noch hier? ...

Ich habe die Ehre, Ihnen heute Abend meine Aufwartung zu machen ...

Bei Cardinal Ceccone? ... Dort bin ich nie! ... Aber speisen Sie morgen bei unsim Palatinus! ...

Benno hatte dieser Aufforderung gegenüber keine sofortige Sammlung ... Die Herzogin wollte, schien es, mit ihm über die Schauplätze ihrer Vergangenheit reden ...

Fürst Rucca, der nun doch vorgezogen hatte, seinem Auge den Anblick einer wenn auch noch so schönen toten zu versagen, war bereits an der kleinen Holztreppe, als plötzlich wieder der Graf erschien ... Leise war er von oben gekommen, hatte schon seinen Mantel abgelegt, verbeugte sich der Dame, den Herren, reichte Benno die Hand und sprach:

Sie sehen, ich bin nun hier zu haus ... Ich will hier so lange bleiben, bis die letzte schwere Pflicht erfüllt ist ...

Der Graf schien gekommen, um für heute von Benno Abschied zu nehmen ...

Die Herzogin sprach ihre Teilnahme aus ...

Madame, wandte sich der Graf zu ihr und sagte in französischer Sprache: Ich bin sehr unglücklich ... Ich habe ein liebendes Herz verloren ... Und zu Benno sich wendend, fuhr er mit unsicherer stimme deutsch fort: Unsere Angelegenheit ist unterbrochen ... Ich bin heute keines Gedankens mehr fähig ... Fürchte auch jede Stunde die Ankunft meiner Mutter ... Es wäre ein grosser Act der Freundschaft für mich, wenn Sie die Güte hätten und nach Wien eilten, meine Mutter zu begrüssen und zu sorgen, dass sie auf dies Schicksal schonend vorbereitet wird ... Sie liebte Angiolinen ...

Die Herzogin hörte so aufmerksam, als verstünde sie jedes Wort ...

Benno erbot sich zu allem und bat den Grafen nur, er möchte seinen Kutscher benachrichtigen lassen, dass er allein zurückfahren möchte ... Zur Herzogin gewandt, sprach er, in den beiden Wagen fände sich vielleicht noch ein Platz für ihn ...

Ohne Zweifel! sagte die Herzogin, aberwandte sie sich jetzt zum Grafen, der sich zurückziehen wollte, und plötzlich wie im heroischen Entschluss: Ich will erst noch die Unglückliche sehen ...

Madamelehnte der Graf ab ... Es ist ein schmerzlicher Anblick – ...

Perché! erwiderte sie ... kennen Sie etwas Schöneres, als den Tod? ... Gestatten Sie mir dies Opfer ... Principe! rief sie ... Meine Herren! Bedienen Sie sich Ihrer Pferde und des zweiten Wagens! Ich folge mit dem Herrn von – –

Asselyn! – ergänzte der Fürst ... Die Herzogin hatte schon wieder Benno's Namen vergessen ...

Graf Hugo machte eine ablehnende Bewegung ...

Benno jedoch, fast von Freude erregt bei allem Schauer, bedeutete den harrenden Diener der Herzogin, vorauszugehen, er selbst würde später seine Gebieterin hinunterbegleiten ...

Der Graf liess nun wieder den Saal aufschliessen, bat mit stummer Geberde um Entschuldigung und kehrte über die Stiege in Angiolinens Wohnzimmer zurück mit der ihm von Benno gegebenen Versicherung, dass er sofort auf die Herrengasse eilen würde, um für den Empfang der Gräfin Mutter und die vorsichtige Einleitung der Schreckensnachricht zu sorgen ...

Die Herzogin betrat den dunkeln Saal ... Benno folgte, schon an die erschütternde Situation gewöhnt ...

Mit fester Hand lehnte er die hohe Tür an, die Dienerin bedeutend, sie beide allein zu lassen ... Ein spärliches Licht fiel in den weiten hohen Raum durch einen einzigen geöffneten Fensterladen ...

Die Herzogin trat näher und sah auf die tote, von deren Antlitz Benno ein leichtes Tuch nahm ...

Welch schmerzlicher Anblick! ... hörte er sie leise sprechen ... Wie jungwie schön! ...

Fünfundzwanzig Jahre ...

Fünfundzwanzig Jahre schon? ... Am Mund sieht man das und an der Stirn ... grosser Gott, die Stirn blutet noch ... Warum musste sie auch der wilden Olympia begegnen! ... Ihr Ross scheute ... Daher wohl dies Unglück ... Glauben Sie, dass die Gräfin die Schuld