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Die Herzogin hörte mit einigem Interesse das im geläufigsten Italienisch geführte Gespräch, wandte sich aber ab und unterstützte diese Einladung nicht ... Ihr Lächeln gab ihr einen Schimmer der ehemaligen Schönheit ... Sie war von ebenmässiger, schon zum Embonpoint übergegangener Gestalt ... Ihr Auge dunkelbraun und voll Feuer ... Die Augenbrauen überscharf gezeichnet ... Das Haar nicht echt ... Auch die Zähne schwerlich ohne Beihülfe der Kunst so wohl noch an einander gereiht ... Ihre Haut dunkel, etwas gelblich ... Die Wangen, die Nase, das Kinn, noch von plastischer Schärfe ... Würde man ihr den geschmacklosen Hut abgenommen, den falschen Scheitel entfernt, das graue Haar aus der Stirn nach oben zusammengewunden, gefärbt, vielleicht mit Goldstaub überstreut haben, so wär' es eine der Gestalten gewesen, in deren Betrachtung wir uns in Museen verlieren ... Eine Imperatorenmutter mit blutigen Erinnerungen ... Terschka, der Jesuitenzögling in Rom, sah einen solchen Kopf als Herme in den quirinalischen Gärten des Heiligen Vaters ...
Ist sie ganz tot, die arme? näselte der junge Fürst ... Ist es eine Verwandte vom Grafen? .. Sind Sie gern bei toten? ... Ich nicht ... Verweilen Sie noch lange hier? ... Kommen Sie mit uns zurück ... Diniren wir vielleicht zusammen? ... Waren Sie bereits schon im "Schwan"? ... Gefällt Ihnen diese Gegend? ...
Benno stand nur hörend und sehend ... Antworten zu geben war seine Zunge gelähmt ...
Die Herzogin durchschritt die kleine dunkle Baumanlage ... Als wenn sie Benno's Gedanken erraten hätte, der sich sagte: Sieh sie dir nur an, diese nordischen Tannen, die du so hassest! ... Sie belächelte nach einem kurzen conventionellen Bedauern des hier stattgehabten Unglücks, die Aeusserungen des Principe über die schöne natur ... Um das schönste Panorama von Berg, Strom, Wald, Ebene und in der Mitte der von sonnigen Nebeln umzogenen Stadt mit dem riesigen St.-Stephan gleichgültig anzusehen, stiess sie mit der Fussspitze die Zweige aus dem Wege und verriet nicht minder, wie der Principe, nur die grösste Ungeduld, sich wieder entfernen zu können ...
Als sie hörte, dass die Offiziere noch im haus wären, sagte sie, man sollte doch nur ruhig den Grafen seinem Schmerz überlassen ... Ist sie eine Verwandte von ihm? fragte sie dazwischen ... Mit einer festen Betonung ihrer tiefliegenden und bei längerem Sprechen ungleichen, ja rauhen stimme schloss sie:
Was kann man da tun! ...
Nicht düstrer erhoben sich ringsum die herrlichen Bäume, als Benno nur so stand und sah und hörte ...
Die Offiziere waren wieder inzwischen aus dem haus getreten und erklärten, nur noch auf die ärzte warten zu müssen, die sie mit zurückzunehmen hätten ... Vom Grafen sagten sie, dass er in den obern Stock, in die Wohnzimmer der Unglücklichen gegangen wäre ... Angiolinens Stellung zum Grafen wurde mit drei Worten angedeutet ...
Die Herzogin horchte auf ... La Povera! sagte sie – und wollte fort ...
Für den Principe begann der Vorfall jetzt interessanter zu werden. Er bekam Lust, die Unglückliche zu sehen ...
Während er den Offizieren unschlüssig folgte, fragte die Herzogin den zurückbleibenden Benno, dessen starr auf sie gerichtete Augen ihr auffallen mussten ...
Aus welchem teil Deutschlands sind Sie? ...
Benno, nun entschlossen, nannte denjenigen teil, der sie aufmerksam machen musste ...
Aus der Gegend von Kassel ...
Darauf hin betrachtete sie ihn schärfer ... Ihr Auge blitzte ... Vorher war sie nur so apatisch gewesen, weil sie an völlig anderes dachte – vielleicht an das, was Benno eben mit einem einzigen Worte traf ...
Benno hatte weniger von den Zügen des Kronsyndikus, als seine Schwester ... Er glich der Mutter ...
Ganz sich sicher fühlend, fragte sie:
kennen Sie in jener Gegend ein Schloss – "Neiovo" –? ...
Sie meinte Neuhof ...
Benno's Lippen bebten ... Jede Möglichkeit, sich in ihrer person geirrt zu haben, war nun verschwunden ...
Neuhof? sagte er leise ... Wittekind-Neuhof? ... Das sind von Kassel mehr als funfzehn Meilen ... Aber ... in der Nähe Kassels, fuhr er fort, liegt ... ein Schloss mit einem Park voll solcher Tannen, wie Sie hier sehen – Meinen Sie vielleicht – Altenkirchen? ...
Die Herzogin hatte einen Fächer in der Rechten ...
Schon auf den Namen Wittekind-Neuhof schlug sie mit diesem Fächer unausgesetzt in die Linke ...
Altenkirchen! sprach sie, fast die Sylben des schweren Wortes zählend, und nun traten ersichtlich hundert fragen auf ihre Lippen ... Die braunen Augen blitzten ...
Eben kamen ihnen die ärzte entgegen, zuckten die Achseln und rieten zum Gehen ... Sie sagten, der Graf hätte sich vor allen Zeugen seines Schmerzes verborgen und wäre oben auf Angiolina's Zimmern ...
Im hof war alles still ... Am haus vorübergehend sah man, dass eine Dienerin mit verweinten Augen eben auch den grossen