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sein!

Klingsohr lüftete den Sommerhut und fuhr sich erregt durch sein krauses rötlich schimmerndes Haar. Die Narben an Stirn und Wangen zuckten.

Lass uns von dem Schilf da fort! sagte er und zog Lucinden vom Ufer mehr der Baumallee zu ...

Blicke auf Vergangenheit und Zukunft mussten sich jetzt von selbst ergeben.

Klingsohr sprach viel und schnell durcheinander vom tod seines Vaters, von der Schuld des Stephan Lengenich, die sich immer erwiesener herausstellte. Er wiederholte wie schon oft:

Der Schrecken über den einsamen Anblick des Erschlagenen, das Entsetzen, dass man ihm hätte die Tat zuschreiben können, hatten den Kronsyndikus in Verwirrung gebracht, und, was mehr ist, hinter dem Hasse gegen meinen Vater barg sich Freundschaft. Vom Schicksal desselben erschüttert, unfähig, der Erste zu sein, der es anzeigte, sprengte er nach Neuhof zurück, konnte die Todesnachricht nicht über seine Lippen bringen, verbrannte in einem Anfall von Grossmut, was er von Schuldforderungen noch in der Buschmühle geltend machen konnte und bot mir seinen Schutz und sogar den Vaternamen an und mein ganzes Glück in dir! ... Stephan Lengenich ist der Mörder ... Die Feinde meines Vaters waren ja zahllos. Auf jedem Waldwege begegneten ihm Männer, die ihm den Gruss verweigerten. Ich hörte ihn einmal klagen, dass man auf der Buschmühle Feuer angelegt gefunden. Man verschwieg es, weil gerade ihn der Verlust der Popularität schmerzte. Hoch immer auf dem Schilde aller wollte er getragen sein. Er konnte keine Gegner dulden, ohne sie nicht von der Nichtigkeit ihres Hasses überzeugen zu wollen. Tat er's dann, so verwirrte sich der Hader nur erst recht. Feindschaft, die auf Antipatie beruht, vermittelt sich schon bei einer günstigen gelegenheit zum leidlichen Auskommen; tauscht man aber mit ruhiger überlegung Warum gegen Warum aus, so treten erst recht Verletzungen ein, die unheilbar sind. Diese Tage sind düster, aber sie liegen hinter uns. Vor uns winkt die Zukunft. Kehr' ich nach Göttingen zurück, so sollst du die Muse meiner Studien sein. Lass' ich mich von Freunden, deren ich hier nur zu viele fand, bereden, hier zu bleiben, so findest du dich in diese neuen Anschauungen. Komme, was kommen mag,

Wenn ich dich nur habe,

Wenn du mein nur bist!

Nun war Klingsohr im gewohnten zug und drückte sie, dichtend und phantasirend, wilder an sich, als ihr, der nur Horchenden, wohltat.

So gingen sie bald wieder am Schilf des Ufers oder suchten, um nicht im Sande zu versinken, grüne Stellen. Weiter kam ein Weidengebüsch. Da blieben sie stehen und Klingsohr ergab sich mit neuen Beteuerungen seinem ganzen Gefühl, das jetzt ein keckes und herausforderndes wurde.

Lucinde schwieg nur. Es war ihr nicht als wäre sie die Mitschuldige eines Mitschuldigen; aber irgendetwas blieb im Dunkeln ... Eine gewisse Kluft zwischen Klingsohr und ihr konnte sie nicht mehr ausfüllen. Sie wusste nicht, woran es lag, dass sie sich ihm plötzlich gewachsen fühlte, ja ihn übersah. Die Zauber des Fesselnden waren ihm plötzlich für s i e abgestreift, und so bedeutsam seine Rede blieb, seine Tatkraft vermisste sie, und selbst seiner Rede, seinem Humor, seinen Versen, hörte sie Gebundenes, Unfreies ab, ja, hatte.

Und doch gerade in ihm hatte sie Ausdehnung und

Raum zu finden gehofft wie im Universum, das er sonst auf seinen Schultern zu tragen schien! Nun gefiel ihm sogar diese enge, begrenzte Welt, in die man sie versetzt hatte. Es war eine Freiheit, die ihr Zwang erschien. Und die Zumutung, dass s i e ihm Stab, s i e ihm Stütze sein sollte!

Er begleitete sie an das kleine Haus zurück, in die

Mausefalle, wie sie es nannte. Sein Abschied war stürmisch; sie sagte ihm kühl eine Gute Nacht!

Zehn Uhr Abends war's. Dennoch sieht man Kling

sohrn noch nicht in seine wohnung gehen, sondern in einen der Pavillons eintreten, die sich am Alsterbassin befinden.

Musikklänge, Tabackrauch, die Düfte von Grog

und Punsch wirbeln in allen ...

Hier begegnen sich der Einheimische und Frem

de ...

Draussen vor der Tür stehen Sessel, auf welchen

man, wenn die des Nachts sich zuweilen sanft wieder mildernde Wasserluft es gestattet, die wogenden Menschenmassen an sich vorüberziehen lässt, wohl auch die auf dem wasser noch mit chinesischen Lampen dahinrudernden Gondeln verfolgt und ein Bild voll Leben und Bewegung in sich aufnimmt, das nur in der Ferne eine einzige grosse Windmühle unschön, aber doch charakteristisch begrenzt.

Diese Pavillons sind so bequem gelegen, dass man sich ihrer kleinen Ecksitze im engern inneren Raum gern als Stelldicheins für Freunde bedient. Manche Tische werden immer von derselben Gesellschaft in Beschlag genommen, entweder bei schönem Wetter draussen oder bei unfreundlichem drinnen. Im Winter ist man jedenfalls sicher, immer eine Gruppe von Bekannten an einer und derselben Stelle zu finden.

Der Kreis, in dem sich Klingsohr hier bewegte, ist ein den Hansestädten ganz eigentümlich angehörender.

Der Kaufmann ist dort der bestimmende und massgebende teil der Bevölkerung, aber zu seinen Ergänzungen gehört der Arzt, der advokat, auch der Schriftsteller und Gelehrte überhaupt, denn an dem Bedürfniss des gedruckten Buchstabens fehlt es durchaus nicht, und eine diesen Städten ganz ausschliesslich angehörende Literatur beeifert sich es zu befriedigen. Die achtung vor der Wissenschaft ist nicht gering. Man kann aber auch sagen, dass die, welche zu ihren