1858_Gutzkow_031_658.txt

Meilenstein ... Da kommen die Fremden im vollen Trab herunter ... Des Fräuleins Pferd scheut ... Sie verliert die Balance, verliert den Steigbügel ... Die Reiter, selbst im Niederschiessen, können nicht innehalten ... Des Fräuleins Pferd bäumt sich, geht durch und gleich querfeldein ... Das fräulein rafft sich auf, kniet mit dem rechten Fuss auf dem Sattel, erhebt sich, steht eine Weile hoch in der Luft und stürzt dann kopfüber ... Die Reiter waren oben auf der Landstrasse ... Franz musste ins Feld hineinreiten, sprang herunter, liess sein Pferd laufen, fand das fräulein blutend am Boden und schon bewusstlos ... Die Offiziere, Italiener, kamen näher, nahmen sie dann auf, legten sie querüber auf ein Pferd und führten sie langsam, indem einer der Herren ging, zum Casino ...

Graf Hugo war inzwischen schon umgekleidet ...

Er hatte sich in einen weissen Mantel geworfen, den die Diener hinten zuschnürten ... Seine Hand hatte keine Kraft mehr ...

Im Nebenzimmer hatte er die Fussbekleidung gewechselt ...

Eine militärische Interimsmütze lag auf dem Kopf lose und haltlos ... Die Hand der Diener musste sie erst auf den braunen Scheitel festdrücken ...

Schluchzend stützte er sich auf Bennoauf einen Beistand, der selbst den Tod im Herzen trug ... Die Schwester gefundenso! – und die Mutter arglos in der Nähe –! ... Er konnte keinen Gedanken mehr, sich selbst nicht festalten ... Der Graf führte – i h n ...

Den Einspänner Benno's und ein eigenes Gefährt, das schon im Hof gerüstet stand, lehnte der Graf ab ...

Ich fürchte mich vor Pferden ... sagte er heiser, mit erstickter stimme ... Undwirkommensetzte er bitter lächelnd hinzuzueiner totenauch zeitig genug ...

Damit lenkte er, wie ein zum Tod Verwundeter, vom Vestibüle des Eingangs den schwankenden Schritt zum Garten hin ...

Hier öffnete sich links eine lange Allee von schon kahlen, wie zu einer unabsehbaren Laube zusammengewachsenen Platanen ...

Durch ein Meer von raschelndem Herbstlaub schritten beide wie geisterhafte Schatten dahin.

8.

Links ragte eine sonnenbeschienene, mit Flechten, Moos und Epheu besetzte Bergwand ... Rechts lagen die Abdachungen des Gartens und Parks in die herrliche Ebene, ein Bild des Lebens, hinaus ...

Die Stämme der Platanenallee so weiss, so hellgrünlich schimmernd ...

Das gelbe Laub weitin leuchtend ... Unter den toten Zacken und gekappten Verästelungen der kunstvoll gezogenen Platanen ...

Die Sonne mittagshell ... Der Abschied der natur so froh, so glückverheissend ... Wiedersehn im Frühling! rief alles ...

Aber aus den fernen büsche sah man schon den Priester des nächsten Orts im Ornat daher eilenmit den Sterbesakramenten ...

Der Graf blieb stehen ...

Die nachfolgenden Diener sprangen hinzu ...

Er deutete nur stumm auf die eilende Procession ...

Benno starrte ... Sein blick irrte ... Er suchte den vierspännigen Wagen ...

Die Wanderung im raschelnden Laube dauerte eine halbe Stunde ... Sie glich dem Wandeln in einem Leichenconduct ...

Benno konnte nichts reden. Nicht ein Wort, nicht eine Miene des Grafen verriet, dass Terschka seinem Freund die Scene vom Schloss Neuhof, die Verhandlungen zwischen drei Priestern und dem Präsidenten verraten hatte ... Er kämpfte mit sich, ob er es jetzt nicht selbst tun, sich Angiolinens Bruder nennen sollte ... Die Last wurde zu schwer ...

Am Ende der Felswand, die sich zuletzt sanft abdachte; lag das Casino ...

Es war ein düsteres Gebäude ... Obgleich mit den schönsten Aussichten auf die Donau und zur Linken und rückwärts bis zu den steierischen Alpen versehen, war es doch ein für ein junges lebensfrohes Gemüt beängstigender Aufentaltsort ...

Aus der Ferne gesehen mochte das Haus einen poetischen Anblick gewähren .... Es glich einem alten Maison-de-Logis aus der Rococozeit ... Rings war es von einer Allee von Riesentannen, mit Zweigen, die sich voll und schwer am Boden hinschleppten, umgeben ...

In der Nähe sahen die Bäume wie die Umgebung eines Mausoleums aus ...

Die untern Räume waren nur ein einziger grosser Speisesaal mit Nebencabineten ... Ein Hinterhäuschen gehörte dem dienenden Personal und mochte die Küche bergen ... Auch dies war ganz in Tannen versteckt ... Im hohen Sommer mochte man hier Kühle und Schatten haben; jetzt war der Anblick nur in den kleinen runden Entresolfenstern der obern Etage wohnlich ... Unten schroff abwärts zog sich die Landstrasse ... Auf einer Treppe von verwittertem, moosbewachsenen Erlenholz konnte man von da zum Casino hinaufsteigen ...

Die volkreiche Gegend musste dem entsetzlichen Unglück schon eine Menge Zuschauer gebracht haben ... Eine Menschenmasse belagerte unten das Portal zur Treppe, das man schon geschlossen hatte ... Viele andere waren schon vorher eingedrungen und standen im haus ... Andere liefen noch herbei durch den Park ...

Der Priester war bereits bei der toten oder Sterbenden ... Weihrauchduft strömte den Eintretenden entgegen ...

Dem Grafen, der an Fassung gewonnen hatte, wich man aus ...

Dass sie zu einer