1858_Gutzkow_031_656.txt

es gab nur einen Menschen in der Welt, um den sie das alles tat ... Der trug einen Helm mit Federn, einen blanken Harnisch, wenn er im Dienst war, und ausser Dienst und auf Urlaub, wie jetzt, war er ein Kind, das einen ganzen Tag damit zubringen konnte, für sie Pappkästchen zu machen ...

Benno warf in das Leben Blicke, wie er sie noch nicht getan ...

Er wagte, sich auf des Grafen Standpunkt zu stellen und sagte:

Angiolina wird Ihnennach der Heiratunverloren bleiben ...

Nein! entgegnete der Graf ... Ich habe die Absicht, wenn Comtesse Paula meine Gattin wird, sie in Wahrheit zu verdienen ... Glauben Sie mir, das Geschick meines Hauses, meines Namens, diese letzte Täuschung durch die Urkunde, die ich ohne einen furchtbaren Lärm für die Welt nicht abschütteln kann, erschüttern mich ... Ich war glücklich mit Angiolina, aber ich gefiel mir nicht in diesem Glück ... Sie war ein Weib mit allen Schönheiten und allen Untugenden ihres Geschlechts ... Grossmütig und rachsüchtig, offen und falsch, alles in Einem Herzen ... Zu ertragen war es nur von dem, der für sie die Welt war undZeit dazu hatte ... Es musste aufhören ...

Benno gedachte bei Schilderung seiner Schwester der gemeinsamen Vaternatur ...

Diese Erfahrung mit Terschka, fuhr der Graf fort, hat mich aufgerüttelt ... Ich werde kein Kopfhänger werden und zu sprechen anfangen wie meine Mutter spricht ... Aber ich denke so: Hab' ich die Mittel, die mich aus meiner traurigen, schon vom Vater geerbten Finanzlage befreien, so nehm' ich meinen Abschied ... Ich werde bauen, pflanzen, für die Erhaltung meines fortblühenden Stammes sorgen ... Noch mehr, ich liebe Paula ... Sie lächeln? ... In der Tat, ich blicke voll Andacht zu ihr hinüber ... Ich bin eifersüchtigauf das Kloster, das sie wählen wollte, Herr von Asselyn ...

Benno stutzte über die Betonung seines Namens. Sie war so scharf, dass sie fast Bonaventura zu gelten schien ...

Ich sagte Angiolina: Du erhältst deinen Lebensunterhalt, wie es meinem Adoptivkinde gebührt! Du ziehst zu deiner einzigen Freundin, die dir noch geblieben isteiner gewissen Terese Kuchelmeister ... Diese will zur Bühne gehen; sie wird reisen ... Störe meinen Entschluss nicht, der unwiderruflich ist ... Von der Stunde an, wo ich einen Boten erwarte, dessen Vorlagen ich unterschreiben muss, räumst du drüben den Pavillon ... Ich sagte ihr das täglich, wiederholte es seit drei Tagen stündlich ... Ich bat sie um hülfe gegen mich selbst, bat sie um ihren Hass, ihre VerachtungSie warf sich vor mir nieder und umschlang meine Kniee ... Tödte mich! rief sie noch im letzten Augenblick vor einer Stunde ... Erschiesse mich! ... Sie reichte mir eine Pistole, die sie heimlich geladen hatte und bei sich trug ... Ich entriss sie ihr ... Da rollte Ihr Wagen an und es war aus ... Ich kann es selbst in der Schilderung nicht zum zweiten mal erleben ...

Benno hatte sich dem in den Sopha zurückgesunkenen, die Augen mit der Hand bedeckenden Grafen genähert ... Er hatte seine Hand, ob sie gleich selbst zitterte, auf die Schulter des kraftlos Zusammengebrochenen gelegt ...

So stand er eine Weile voll stummberedsamen Anteils und rang mit den stürmenden Geistern, die aus ihm selbst hervorzubrechen drohten ... Zu hülfe kam seiner Selbstbeherrschung ein klopfen des Kammerdieners und die Meldung, dass angerichtet wäre ...

Ein Frühstück ... auch das muss sein ... sagte der Graf und erhob sich ...

Benno blickte auf die geöffnete Tür ablehnend ...

Nein, nein! ... Kommen Sie –! sagte der Graf und führte Benno ...

Der Kammerdiener hielt sich in ehrerbietiger Ferne und schien den Grafen, der ein Gemisch von Gutmütigkeit und Phlegma bot, nicht im mindesten zu stören, denn im Gehen fuhr dieser fort:

Sie ist auf ihrem Pferde, das sie behalten will, nach Wien ...

Franz hat sie doch wohl, wandte er sich zum Kammerdiener, zur rechten Zeit eingeholt? ...

Am Meilenstein schnitt er ihr den Weg ab! sagte der Diener ...

Franz war der Reitknecht von vorhin ...

Obgleich Benno voranging, bemerkte er doch, dass der Kammerdiener hinter ihnen her den Strohhut ergriff und ihn auf dem rücken haltend mit sich nahm, jedenfalls um aus dem Zimmer seines Herrn alle Erinnerungen an die abgeschlossene Vergangenheit zu entfernen ...

Graf Hugo war in dem Grade der Selbstbeherrschung fähig, dass er trotz seiner Erregung im Gehen an einen zweiten Diener, der sie in einem zwei Zimmer weiter gelegenen kleinen Esssaal empfing, die Frage richtete:

Was ist das für eine Livree da draussen? ...

Diese Frage war mit einem blick auf den Garten verbunden ....

Erst jetzt bemerkte Benno, dass ein Wagen mit vier Pferden langsam durch den Park fuhr, mit zwei seltsam costümirten Bedienten auf dem Tritt und einem phantastisch gekleideten Mohren neben dem Kutscher ...

Eine fremde herrschaft aus Italien ist es! sagte der Diener .