1858_Gutzkow_031_654.txt

nichts darüber ... Wahrlich, ich gestehe, ich würde verzweifeln, wenn sich alle diese Dinge hier so fortsetzten, wie in Westerhof ...

Man sagt, die Ehe hebt einen solchen Zustand ... entgegnete Benno ...

Graf Hugo erhob sich, sah zum Fenster hinaus und sprach mit einer Schüchternheit, die Benno an einem Mann, der die gesetz des Lebens so leicht zu nehmen schien, kaum erwartet hatte:

Die Ehe! Eine Ehe, wie sie eben in unsern Standesverhältnissen so oft geschlossen wird –! Und ich soll dann nach Westerhof kommen ... Ich bin es kaum im stand – ... Sofürcht' ich mich ...

Benno ehrte diese Ausbrüche des ringenden Ehrgeizes durch Schweigen ...

Ich weiss es sehr wohl, fuhr der Graf fort, wir Männer bringen mit unserm Herzen viel zu stand ... Wir können aus unserer Liebe nicht das nur einmal vorhandene Kleinod machen, das eben die Frauen darin sehen wollen ...

Nach diesen mit einem leichten Seufzer und einem schärfern Fixiren Benno's begleiteten Worten verlor sich der blick des Grafen wie innenwärts ... Er stand am Fenster, strich sich sein Haar, ergriff mechanisch von der Console ein kleines Fernrohr, wie Offiziere beim Felddienst führen, und sah weitin in die Ebene ... Es waren Bewegungen, die der Zerstreuung angehörten ...

Benno lenkte zu den Papieren zurück, die er in der Hand behalten hatte ...

Plötzlich blickte der Graf starr durch sein Perspectiv, das er zu verlängern anfing ...

Einzelheiten dessen, was den Grafen beim Sehen in die Ferne zu interessiren schien, konnte Benno bei der ohne Zweifel grossen Entfernung nicht unterscheiden, aber die Gruppen der Reitenden waren es gewiss ...

Der Graf erblasste, reichte Benno das Glas und sagte:

Was sehen Sie, Baron? ...

Benno sah zwei Reiterinnen, Angiolina und Olympia, im Wettlauf ... Die Offiziere schienen beide umringt zu haben ... Nach der selbst bei der grossen Entfernung ersichtlichen Schnelle musste es wie im Sturm dahingehen ...

Wer sind denn diese Unverschämten! rief der Graf mit ausbrechendem Zorn, sah sich nach dem Klingelzug um, nahm schnell wieder das Glas zurück und starrte hinaus ...

Sie umringen sie ja mit Gewalt! sprach er mit erstickter stimme ... Sie will von ihnen los ...

Benno nannte den Namen der Italienerin ...

Offiziere der italienischen Garde! ... setzte der Graf hinzu ... Graf Zerbelloni scheint's ... Marchese Melzi ...

Zornfunkelnd sprühte des Grafen Auge ... Er sah sich um, wie nach Waffen ...

Dann bekämpfte er sich und trat vom Fenster zurück ... Der Wald unten verbirgt sie ... sagte er ...

Benno ergriff noch einmal das Glas ... Man sah nichts mehr ...

Ich kann mich auch geirrt haben ... sprach jetzt der Graf erschöpft und glaubte den Beruhigungen, die Benno gab ...

Nach einer Weile, in der Benno die wildesten Kämpfe des eigenen Herzens zu bestehen hatte, brach der Graf, anfangs mit nur leiser, allmälig aber lauter, weicher und wohlklingender stimme, in die Worte aus:

O mein bester Herr von Asselyn! ... Was ist das doch für ein Menschenleben! ... Terschka's Maxime, wenn der arme Teufel sich zuweilen so ängstlich umsahich habe für Terschka Mitleidwar die: Wir können zu jeder Stunde annehmen, dass alles, was wir unser tiefstes geheimnis glauben, jedermann bekannt ist ... Lieben Sie à la Egmont ein Mädchen in der Vorstadt und glauben noch so unbemerkt zu sein, wenn Sie zu ihr gehenman hat Sie doch gesehen ... So will ich auch gar keinen Anstand nehmen Ihnen zu bestätigen, was Sie ohne Zweifel selbst schon beobachteten, dass ich soeben die furchtbarste Scene meines Lebens durchgemacht habe! ... Ayez pitié de moi ... Vous en dévinez la cause ...

Damit sank Graf Hugo auf sein dunkles Kanapee nieder, legte einen Fuss auf die Polsterung und bot ein Bild der tiefsten Erschöpfung ... Er schwieg ... Die lange Verstellung rächte sich ... Seine Kraft war dahin ...

Ganz leise flüsterte er allmälig, wie um Bennozu zerstreuen:

Das da ist mein Vater! ... Als ich seinen Tod erfuhr, war ich noch ein Knabe ...

Benno bat, sich nicht aufzuregen und sich um ihn keinen Zwang anzutun ... Er schlug vor, dass er sich allein in den Park begeben oder anspannen lassen wollte ...

Nein, nein! sagte der Graf ... Nur das Geheimtun erschöpft ... Nun geht es schon ...

Benno sah den ganzen Ausbruch der Liebe zu einem Wesen, das so wunderbar mit seinem eigenen Dasein verbunden war ... Ihm verhängte das Schicksal nichts Geringeres als dem Leidenden, der sich wenigstens aussprechen durfte ...

Ich versichere Sie, fuhr der Graf fort, ich habe den heiligsten Willen, fest und standhaft zu bleiben ... Ich sagte soeben: Die Stunde ist gekommen, die über mein Leben entscheidet! Ich gewinne die Hand einer Heiligen und kenne das Opfer, das mir und dem gemeinschaftlichen Namen gebracht wirdWir müssen uns