1858_Gutzkow_031_652.txt

arme Paula! ...

Benno nahm selbst den Hut von der Ziter ... Schwarze Sammetbänder glitten über seine zitternden hände ... Auf der Spitze des Huts waren fünf Sternchen von schwarzem Sammet befestigt ... Noch duftete der Hut von Angiolinens Haar ...

Da hörte er Türen schlagen ...

Er legte den Hut auf die Ziter zurück ...

Es war ihm, als müsste Angiolina gestürmt kommen und selbst ihren Hut holen ...

Ein Gefühl, sie zurückzuhalten und sie, die eben alles verlor, mit dem Schwesternamen zu begrüssen, überwältigte ihn einen Augenblick ... Wer denkt sich nicht zuweilen eine Tat des Heroismus, die, im Urrecht des Genius begründet, alle Schranken der Rücksicht durchbricht, eine Tat, die die ordnende Weltseele ebenso gut wie jede andere wieder mit dem Hergebrachten würde zu vermitteln wissen! ... Schon musste er sich haltenwie jemand, der zu dicht an einen ungeahnten Abgrund geraten und statt zu fallen, mit mutigem Entschluss den furchtbaren Sprung lieber selbst wagt ...

Da hört er vom Garten her den Hufschlag eines Rosses ...

Im regen- und nebelfeuchten Kiese der gleichmässige Schritt eines Galoppirenden ...

Jetzt schwenkte das Ross ... Es war das von vorhin im Schlosshofe ... Es schwenkte vom alten Gemäuer zur Rechten her und dahin über die sich abdachende Strasse quer am schloss vorüber ...

Darauf eine Reiterin ...

Nur Angiolina konnte es sein ...

Im dunkelwallenden Kleid sass sie hoch im Sattel ...

Ja als sie an der Front der Schlossfenster vorüber musste, schien sie aus dem Sattel sich zu erheben und sank wieder zurück ... Ein Hut mit blauem Schleier schlug hinten über und fiel ihr in den Nacken ... Ein schöner Kopf, todtenbleich, mit dunkelschwarzem Haar und lichtverklärt vom durchsichtigen Aeter sich abzeichnend ...

Das Ross wie im Fluge ... Die linke Hand hielt die Zügel, die rechte riss den Hut ganz vom haupt ... Nun ragte die Gestalt schlank und lustig schwebend ... Die Hüfte zum Umspannen ... Benno suchte das Auge ... Das schien sie zuzudrücken ... Es war, als wollte sie nichts mehr von dieser Welt erkennen ... Immer weiter und weiter schlängelten sich die Windungen des Weges. Das Ross schwenkte ... Sie selbst schien wie von einer Schaukel gehoben ... Nun verlor sie sich hinter den büsche ... Wieder tauchte sie auf ... Ein Bangen ergriff Benno bei dem immer mehr sich verlierenden, in den büsche bald offenen, bald von ihnen gedeckten Anblick ... Wo raste sie so hin? ...

OderWie ist das? ... Kehrt sie zurück? ... Ist sie nicht schon wieder in der Nähe? ...

Nein ... Neuer Rosseshuf erklingt ...

Der Reiter sind aber mehrere ...

Auch sie biegen von der Rechten her ums Schloss ... Eine Cavalcade ist's von mehreren Herren ... Eine Dame unter ihnen ... Olympia! ... Dieselben Begleiter, wie gestern ... Dieselbe kleine Gestalt über und über heute in hellblauem Sammet ... Gelbe Seide die Verzierungen ... Ein schwarzer Chapeau-Mousquetaire im grellsten Geschmack des Südens mit Goldtressen geschmückt ... Phantastischer Carnevalsanblick! ... Auch sie jagt dahin und erhebt sich ebenso beim blick auf das Schloss ... Sie erkennt Benno ... Das Ross schwenkt ... wild stieben die Reiter um sie her ... Eine neue Schwenkung ... Jetzt ist Olympia eingeschlossen von ihren Begleitern und auch sie verschwindet ...

Benno stand besinnungslos ... Er sah die wirkungseiner Karte ... Ohne Zweifel hatte man seine wohnung erfragt, seinen Ausflug erfahren, die Richtung erkundschaftet und war ihm gefolgt ... Wieder die Statue des Apollinvon einem Panter umkrallt! So wirkte ihm diese Erfahrung ... So wild sich geliebt zu sehenmuss ja den Tod versüssen ...

Da gingen die Türen und der Diener kam eilends zu dem Besinnungslosen ...

Eben kommen Seine Erlaucht! sagte er ... Seine Worte erklangen wie der Ton der Erlösung und glücklichen Hoffnung ...

Die Erscheinung, dass Herrschaften von Wien her oder der Umgegend die Durchfahrt durch den Park und an Schloss Salem vorüber benutzten, schien eine häufig vorkommende zu sein ... Der Diener achtete nicht darauf ...

Schon im Vorzimmer sprach eine hellkräftige stimme mit jener Fassung, die der Weltbildung geläufig ist, eine Entschuldigung für das lange Ausbleiben ...

Graf Hugo trat ein ...

Eine schöne männliche Erscheinung ... Am Ende der Dreissiger ... Hochgewachsen wie seine Mutter Erdmute ... Das Haar braun, lockig; hie und da dünn an der Stirn und den Schläfen; Lippen und Kinn trugen den Bart desto voller ... Die Augen blau ... Der erste Eindruck vor den Bewegungen der Höflichkeit und einer nur mühsam verborgenen Erregung unbestimmt und fast zu lebhaft ... Der Graf trug ein kurzes, militärisches, weisses Hauscollet mit einer leichten Paspoilirung von Rosaschnüren an der Brust, an den Achseln und Aermeln; lange eng anliegende blaue Beinkleider, unten mit einem Besatz von glänzend lakirtem schwarzem Leder, das gegen Hausstiefel von bunter