1858_Gutzkow_031_649.txt

zu haus getroffen, zu haben beklage schmerzlichst, bitte inständigst, jedoch Hochdero ergebensten Diener in dieser grossen Stadt nicht verlassen zu wollen, sondern, ihm hülfeflehend die Ehre zu geben für übermorgen anberaumter Hoher Audienz bei seiner Durchlauchtigsten Staatskanzler Hochdero ergebensten Diener begleiten zu wollen, da meine Angst vor den vorhabenden Mitteilungen alles, übersteigt was in solcher Lage jemals, empfunden zu haben entsinnen kann. Adresse: Pelikan & Tuckmandl, Currentgasse. Hochdero gehorsamst Schnuphase, Stadtrat. In Eile."

Benno zerriss den Brief, warf ihn in einen Papierkorb und schwieg von dem Inhalt ...

Feierlich zündete der Chorherr eine Kerze an und sagte:

Briefe, die man nicht aufbewahren will, muss man verbrennen ...

Eine lange Pause, während der er feierlich die Stückchen Papier verbrannte ... Rauchen Sie eine Cigarre! sagte er dann mit weicher stimme ... Sie sind jung! ... Und kommen Sie nicht zu spät zurück ...

Benno drückte dem Gehenden die Hand ... Es war ihm bei dem trefflichen Mann so wohl, als wäre er beim Onkel in der Dechanei ...

Auf eine seiner Visitenkarten schrieb er in italienischer Sprache: "– bedauert, für heute verhindert zu sein, persönlich nach dem Befinden Sr. Hoheit zu fragen" ...

Es waren diese Worte für den Principe Rucca bestimmt ... Buchstaben, die sich von seinem Herzen, von seiner Hand langsam losrangen, wie ein Fürst die Bestätigung eines Todesurteils schreiben mag ...

Dann nahm er die ihm von Nück übergebenen Papiere, schloss sie in ein grösseres Portefeuille, nahm einen warmen Oberrock, verliess sein Zimmer und bestieg den kleinen Wagen, der am haus hielt ...

Am Palast des römischen Botschafters fuhr er vorüber, wie vor einem geheimnissvollen Cocon, in den sich eine Raupe gehüllt hat, die ihm zum bunten Schmetterling werden sollte ...

Am Palatinus hielt er ...

Die Vorhänge an den Fenstern des ersten Stocks hingen noch hernieder ... Einen Tross von Menschen sah er wieder im Portal stehen ... Wieder den Mohren des Prinzen Rucca ...

Benno übergab aus dem Wagen dem Portier seine Karte ... Die Hand zuckte. Er erschien sich jener Apollin, an den Olympia als Kind hinaufsprang, um ihn zu zertrümmern ... Eine heisse Glut durchloderte ihn, wenn er dachte: Sie erwartet dich um elf Uhr in den Zimmern ihres Verlobten, findet deine Karte, auch die Mutter nimmt diese in die Hand, liest deinen NamenCeccone kommt hinzuDu wirst in Kreise gezogen, wo die Verführung dich umgaukelt, wo jeder Schritt für dein Herz und dein Urteil zur Fussangel werden kann! ... Wirst du in solcher Lage, mit allen aus ihr entspringenden Verbindlichkeiten der Verstellung ausharren können? ... Da war es ihm, als riefe es um ihn her: Fliehe! Jetzt! Jetzt! Noch ist es Zeit! ...

Das Rösslein schwenkte ... Munterer sprang es dahin in eine ruhigere Seitenstrasse ... In der Nähe eines seltsam gebauten Hauses, dessen Fenster den Schiessscharten von Kasematten glichen und die doch einem Franciscanerkloster angehörten, wie der Kutscher erläuterte, lag ein altes Haus, am Portal mit dem Bild eines Heiligen und einer ewigen Lampe ... Er fragte nach der Currentgasse ... Die lag in einem andern teil der Stadt ... Wie wert war ihm die Erinnerung an die freimütige, herzige Terese ... Sie die Freundin seiner verlorenen Schwester ... Gräber! Gräber –! rief es in seinem inneren ... Warum öffnest du sie ... Fliehe! Fliehe! Noch ist es Zeit! rief es auch hier um ihn her ...

Durch ein kleines Tor auf das Glacis gekommen, fuhr er am Kloster der Hospitaliterinnen vorüber, wo er schon die äbtissin, Schwester Scholastika, die geborene Tüngel-Heide, hätte besuchen müssen ... Er widmete ihr einen Sehnsuchtsgedanken an die ferne Armgart ...

Immer einsamer und einsamer wurden die Strassen ... Zuletzt gab es nur noch alleingelegene Häuser mit Gärten und Feldern, Fabrikgebäude mit hohen und rauchenden Schornsteinen ...

Endlich war die Landstrasse erreicht und der ganze Vollgenuss gewährt der ungehindert eingeatmeten kräftigenden Herbstluft ...

Benno sass im warmen Oberrock bei offenem Verdeck ...

Bald bog der Wagen von der Hauptlandstrasse ab ... Kleine Ortschaften, in denen gerade Markt gehalten wurde, boten den buntesten Anblick ... Der Himmel blieb sonnig und dunkelblau; nur an den Rändern des Horizonts, den die sanften Bergeshöhen abgrenzten, schimmerten die bunten Irisfarben des Herbstes, rosa, gelb und violett ...

Der Kutscher sah Benno's Wohlgefallen an der schönen Umgebung und riet ihm zuweilen, zu Fuss einen kürzern Weg durch eine Waldpartie zu nehmen, während er die sich windende Landstrasse weiter fuhr ... Aber durch die Eichen- und Buchenhaine war vor schon gefallenem Laub nicht hindurchzukommen ... Nur die grünen Tannenbestände liessen hier und da den Rat befolgen ... An manchen Durchblikken sah Benno weissschimmernde Klöster und Schlösser ... Der blick ringsum öffnete bald diese, bald jene Fernsicht, bald zu einem schroffen Aufgang zu höhern Felsgesteinen, bald zur weiten, vom Pflug wieder neugeackerten, dunkelschwarzen Ebene ... BonaventuraArmgartPaula schritten immer im geist mit ihm ...

Endlich wurden die Aussichten begrenzter ..