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Benno frühstückte auf seinem Zimmer mit dem Chorherrn, der bei ihm anklopfte, und erzählte seine gestrigen Erlebnisse ...

Zur Fahrt nach dem schloss Salem bestellte der freundliche Wirt sofort einen Einspänner, der Punkt neun Uhr vor der Pforte des geistlichen Hauses warten sollte ...

Aber wie nun um elf? Wie das Rendezvous im Palatinus? fragte er neckend ...

Benno berichtete noch von der Begegnung im Teater und nannte den Namen der Herzogin von Amarillas, über die der Chorherr nichts Näheres wusste ...

Sie müssen Ihrer Eroberung ein Lebenszeichen geben, sagte er, sonst kommt sie noch hier am haus vorgefahren ...

Benno wollte im Vorüberfahren am "Palatinus" seine Karte abgeben ...

Dann erzählte er von dem Abend bei den Zickeles und schilderte den eigentümlichen Gegensatz desselben zu der Lage, in der er den Grafen Hugo anzutreffen erwarten durfte ...

Auch diesen Beziehungen, die eine Schilderung der Macht der Börse veranlassten, stand der Chorherr zu fern ...

Als Benno andeutete, dass ihm durch alles, was er hier in Wien und Oesterreich sähe und höre, doch ein eigentümlicher Ton der Trauer mitten durch die Freude hindurch zu gehen schiene, eine Verstimmung, ein Mangel an Selbstvertrauen und doch auch wieder kein Vertrauen zu andern, eine bald excentrische Hingebung, bald ein geheimer Krieg aller gegen alle, kurz eine völlig atomistische Zerbröckelung dieses herrlichen grossen Ganzenda sagte der Chorherr, aufs äusserste erregt und vom gemeinschaftlich genossenen Frühstück aufstehend:

Das eben bricht mir ja das Herz! ... – Das erkennen Sie also schon, dass, wenn auch unsere Machtaber nichts lieber wünschen, als die Bestätigung des Rufes, in dem wir als ein Volk von Phäaken stehen, lebend nur dem immerfort sich drehenden Bratspiess, doch dieser Vergnügungstaumel, in den sich unsere Bevölkerung zu stürzen liebt, um so herbere Aschermittwochsstimmungen zurücklässt? ... Aus all dieser Lustigkeit hörten Sie schon heraus: Wien ist krank! ... Mein junger Freund, ganz Oesterreich ist es ... Der Wahrheitstrieb, der tief in diesem Volk begründet ist, findet keine Befriedigung ... So verwandelt er sich in Mistrauen, kühle Prüfung, zuweilen leidenschaftlich hervorbrechende Begeisterung und wieder ebenso rasch kommende Ironie seiner selbst ... Die einen macht ein solches Wesen schlecht, die andern macht es melancholisch ... Was soll einst daraus werden! ... Die Masse ist gemütvoll, ist gerechtigkeitsliebend, aber von einer beängstigenden Unbildung und Masslosigkeit ... Die Vorstädte werden an sich noch wie von den Anschauungen alter Frauen regiert, die an den Strassenecken die Gemüse verkaufen ... Ein Schrecken vor Kometen oder vor dem möglicherweise alle Tage wiederkehrenden Türken oder vor dem Staatsbankrott ist die feststehende Stimmung des allgemeinen Volksgeistes ... Nun dieser Drang nach Oeffentlichkeit, nach Auszeichnung ... Alles was in den Polen, Ungarn, Böhmen, Italienern, namentlich aber in der lebendigsten aller Nationen, indem toten Israel lebt, impft sich unserm Volk hier auf ... Herrlich, wenn das alles einen würdigen Gegenstand fände ... Aber dafür die strengste Censur, die Verfolgung der Meinungen, die Unterdrückung der Lehrfreiheit undals Ersatz für alles das, was die Oeffentlichkeit entbehren muss, die immer enger und enger sich ziehende jesuitische Ueberstrickung ... Kirche und Schule, Wissenschaft und Kunst sollen vom "josephinischen" Geist gereinigt werden ... Einsehend, dass es unmöglich, das Licht, das man fürchtet, in Säcken und dunkeln Kutten aufzufangen, arbeitet man jetzt an einem andern System der Bekämpfung des Neuen ... Man erbaut Gegengebäude ... Man hört die Ratschläge aus dem Al Gesù in Rom ... Und dem allem stimmt die öffentlich geheuchelte Loyalität gleichsam zu und dochim tiefsten Grundist's nichts als Lüge – ... An der Lüge geht mein herrliches Oesterreich zu grund! ...

Die magern hände des Greises zitterten ... Sie krümmten sich ... Sein Auge war umflort ... Er musste hundert Schritte im Zimmer auf und nieder machen, bis sich sein Blut beruhigte ...

Ein Hausdiener brachte einen Brief, den gestern Abend ein fremder Herr bei ihm unten geschrieben, versiegelt und an Herrn von Asselyn adressirt hatte ...

Er war von Schnuphase ...

Benno mochte nicht lesen ...

Als sie beide wieder allein waren, nahm der Chorherr die Gedankenreihen, die ihn so tief erschütterten, wieder auf ...

Unsere gegenwärtigen Regentensind gegen die Jesuiten ... Regenten wollen keine Teilung ihrer herrschaft ... Aber die Strömung ist zu gross ... Sie kommt zu stark und von hoch oben ... Immer grösser wird die Zahl der mittelalterlichen Fanatiker, die mit feierlicher Salbung das ausführen, was Gentz nur vom Standpunkt der blossen Staatsraison leicht und heiter hinwarf ... Damit das germanische Element in Deutschland nicht ganz an Preussen übergeht, muss der Protestantismus in sich selbst verwirrt, verdunkelt und zum Bundsgenossen Roms gemacht werden ... Alle Richtungen, die im Denken und Empfinden der Zeit irgendeine Verbindung mit dem Mittelalter zulassen, sollen von jetzt an nur noch allein gepflegt und ausgezeichnet werden ... Ich habe das Gefühl einer bangen Zukunft ...

Der sich natürlich aufdrängende Gedanke an den grossen Staatskanzler bestimmte Benno, den Brief Schnuphase's zu erbrechen ...

Er las:

"Hochwohldieselben nicht