Dalschefski, nehmen Sie mir's nicht übel, die stehlen auch; sie haben das Bedürfniss, die Liebe ihrer herrschaft in Prügeln bewiesen zu bekommen ... Ja und alle diese Motive zum Stehlen lassen sich noch hören ... Aber die schlechteste Nation, Professor Biancchi, sind in d i e s e m Punkt allerdings die Deutschen! Die stehlen aus dem ganz gemeinen Grund, dasjenige, was andern gehört, lieber selbst haben zu wollen ... Ich sage das in voller überzeugung und nicht bloss deswegen, weil der arme Biancchi sich über das Schubert'sche Lied schon wieder ganz gelb geärgert hat und morgen am ende' die stunde' hier absagen lasst ...
In solche und ähnliche lustige Reden hinein wurden die Mäntel, die Shawls und Hüte aufgebunden ...
Phantastisch aufgeputzt wurde Biancchi von Jenny und Dalschefski von der Resi ... Grosse Shawls hüteten die geliebten alten Maestri vor "Verkühlungen" ... Ein charakteristischer Zug aller gebornen Wiener war, dass sie nun noch einstimmig das Klima ihrer herrlichen Stadt verwünschten ... Frau von Zickeles entwikkelte sich jetzt erst in einer längern Rede ... Angelika Müller pries dafür ihr Landhaus in der "Briehl" ... Sie seufzte auf wie eine Märtyrerin, Benno, als stünde sie an der Maximinuskapelle, zuflüsternd: Ich hoffe auf eine stille Stunde! ... Harry Zickeles liess sich nicht nehmen, Benno nach haus zu begleiten ... Alles schritt hinunter ... Man trennte sich ...
Herr von Pötzl benutzte Harry's Holen eines vergessenen Halsshawls, um Benno zu sagen:
Der Harry ist in Wien "Führer" par excellence ... Wo wäre ein neu angekommener Name, den er nicht des Morgens auf den Graben spazieren geführt und des Abends nach haus begleitet hätte! ... Leo hat seine Wohltätigkeitsdiplome, Percival seinen "Ahasver", der Harry wird Ihnen noch sein "Album" anbieten ... Dieses sechs Pfund schwere Buch folgt ihm nach Mailand, Paris und London ... Was nur Namen hat in der wissenschaflichen, künstlerischen und gesellschaftlichen Welt, hat da mehr oder weniger hineingeschrieben: "Hommage à mon ami Zickeles!" Er ist der einzige Mensch, dem sich Meierbeer, Talberg, Liszt und andere Genien im Nachtkamisol und in Unterbeinkleidern beim ersten Morgenbesuch zeigen und – "Genirens Ihnen nicht, Meierbeer, ziehen Sie sich ruhig an, Ihr Freund Harry Zickeles raucht die Cigarre!" –
O bitte' schön, lieber Herr von Zickeles (unterbrach er sich) – da sind Sie ja ... Ja, Sie Charmantester ... Nur keine Verkühlung ... Mein Weg ist in die Josephstadt ... Herr von Asselyn ... Hab' mich u n e n d l i c h gefreut ... Aber ich hab' noch die Ehre – ...
Auf die schärfste Satyre folgte der gemütvollste Händedruck erst an Harry, dann an Benno, und nun wohnte Herr von Pötzl doch in der Josephstadt, während ihn so lange, als er über Benno noch nicht im Reinen war, sein Weg auch über die Mölkerbastei und auf die Freiung geführt hatte ...
Harry ergriff Benno's Arm wie den eines alten Bekannten und gab über den schnell davon Huschenden die Erklärung:
Herr von Pötzl ist sehr ein rangirter Mann – Witwer – ohne Kinder – Die Angiolina war seine Pflegetochter – Graf Salem liess sie auf seine Kosten von ihm erziehen – Sonst ist er – ursprünglich, glaube' ich, ein verdorbener Architekt ... Er hatte das Geschäft gepachtet, im Prater die Buden aufschlagen zu dürfen ... Dann baute er selbst Häuser oder lieh Geld auf andere ... Das hat ihn in die Höh' gebracht ... Als seine Frau starb, verliess ihn die Angiolina und ihm war's ganz recht, denn er hat einen grossen Nagel im Kopf und hiesse gar zu gern der "Edle von Krapfingen", was eine Besitzung ist, die ihm gehört .... Die Leute sagen – aber ganz unter uns – hier an dem Gebäude (Harry zeigte auf ein düsteres, Benno schon bekanntes Haus – die Polizei) kennt der Mann alle Hinter- und Seitentüren ... Nehmens sich ein bissel vor ihm in Acht ... Wir haben allerhand Spitzln ... Bezahlte und unbezahlte ... Wenn Sie in der kleinsten Garküche speisen, so weiss man hier in dem haus schon Abends, in was für Münze Sie bezahlt haben ...
An dem stillen Priesterhause, Benno's wohnung, mussten die lehrreichen Aufklärungen ein Ende nehmen ...
Ein grosser eiserner Klopfer wurde noch von dem gefälligen Harry angeschlagen ...
Die Tür ging auf ... Benno nahm Abschied und versprach, wenn er morgen zeitig vom Schloss Salem zurückkehren sollte, die Einladung zum Mittagstisch anzunehmen, sonst aber jeden freien Augenblick in dem unterhaltenden, gastfreien, so zwanglosen haus zuzubringen ...
Nun schritt er durch matt erhellte Gänge und kam in seine stillen Zimmer, wo er suchen musste, nach soviel kaum zu Ertragendem, das heute das Geschick ihm verhängte, im Schlummer die Kraft zu gewinnen für sein ferneres – "Freudvoll und Leidvoll".
7.
Ein schöner Späterbstmorgen lachte Benno schon so heiter und sonnig auf seinem Lager an, als wollte der Himmel sagen: Mut! Mut! Nun nicht gewichen!