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Benno hätte wünschen mögen, die neckische Plaudertasche hielte sich jetzt entfernt ... Er konnte voraussetzen, dass Biancchi sich in tiefster Herzensbewegung befand, so ruhig auch wieder sein Aeusseres erschien ...
Da er auf die erneute Frage nach dem "Bildhauer" Biancchi, wie Benno den Gipsfigurenhändler, und nach dem "Maler", wie er den Restaurator nannte, nur ein Kopfschütteln als Antwort bekam, liess er Resi's Spott gelten ...
Glauben Sie ihm das alles nicht! sagte diese ... Die Leute, die Sie da nennen, die sind allerdings sämmtlich seine Verwandte! ... Oder sie mögen nicht weit von seinem Stamm gefallen sein ... Aber Dalschefski muss ihnen regelmässig schreiben, dass der Onkel im Spital läge und sich selbst von milden Gaben anderer Menschen sein Leben kümmerlich friste ...
Ha ragione! sagte Biancchi ruhig und nahm eine Prise, die ihm sein persönlicher Freund und Stubengenosse, wenn auch musikalischer Gegner und Rival Dalschefski präsentirte ...
Besuchen Sie ihn in der Currentgasse, Herr Baron, sagte Resi ... Ein Haus mit drei Höfen, berühmt durch den heiligen Stanislaus nebenan ... Jetzt gehört es der Handlung Pelikan & Tuckmandl ... Da werden Sie jeden Mittag um zwölf Uhr, Hof Nr. 3, Tür Nr. 17 rechts diesen von mildtätigen Gaben lebenden italienischen Bettler über einer Pastete von Rebhühnern und dergleichen und dem besten Wein Deutschlands finden, eines Landes, das er so gründlich verachtet ... Unsere Musik schlecht zu machen hat ihm in diesem charakterlosen Wien ein Vermögen von fünfzigtausend Gulden eingebracht ... Nachts fürchtet er freilich zur Strafe die deutschen Diebe – und darin hat er Recht, es wird in Wien fürchterlich gestohlen – Frau von Zickeles! In der Josephsstadt ist schon wieder eingebrochen! – Dann ruft er in seiner Angst dem Dalschefski und wenn dieser edle Pole, der die deutsche Musik trotz der drei Teilungen Polens ehrt, es vorzieht, um zwölf Uhr Nachts zu schlafen, so weckt ihn dieser grausame Tyrann, macht Licht und schmeichelt ihn aus dem Bett heraus mit dem Zugeständniss, dass Mozart manchmal ein Italiener gewesen wäre ... O, wir kennen alle seine Verwandte. Eine Frau Giuseppina Biancchi zieht in Castellungo die besten Seidenwürmer ... Graf Salem-Camphausen hat sich's eine Untersuchung kosten lassen, als er der Angiolina Stunden gab und ihn auch da einmal Terschka um seine Verwandte zur Rede, er sich aber darüber völlig unwissend stellte ...
Mit grösster Ruhe entgegnete der Maestro auf diese für Benno tief ergreifenden Einzelheiten:
Es ist ja bekannt, dass dieser Herr Graf von Salem seine Finanzen durch allerlei dumme Possen ruinirt hat ...
Da man lachte, so brach Resi in ein parodirendes: Perfido! Crrrrrudele! aus im Ton der italienischen Oper, sprang zum Klavier, variirte noch eine Zeit lang in diesem Ton heftige Verwünschungen gegen Biancchi, ging aber allmählich wie von Rührung über die Erwähnung Angiolinens und die wohl jetzt in Erfahrung gebrachte Mission des fremden jungen Rechtsgelehrten ergriffen, in andere Melodieen über und sang zuletzt Schubert's "Wanderer" mit einem erschütternden Ausdruck der Empfindung ...
Benno hatte indessen nicht den Mut, weiter zu forschen ... Ueberall sah er, dass er Anknüpfungen seiner Interessen, voll äusserster Verlockung, sich zu entüllen, fand und immer, immer war dazu der Begleiter der Schmerz ... Er hörte die Turmuhren draussen feierlich in den schönen Gesang hineinschlagen ... Es war wie ein Ruf aus dem Jenseits ...
Als Resi zu Ende war, hätte er gehen mögen ... Wie disharmonisch war der ausbrechende Beifall! ... Herr von Pötzl raste und kein vertrauliches: Pitoyable! folgte ... Resi aber würdigte gerade ihn keines Blicks ... Es war, als wollte sie sagen: Wir haben eine Loge zusammen – müssen gemeinschaftlich unsere kritischen Empfindungen im Burgteater los werden – aber ein Urteil über ein Lied von Schubert gestatt' ich dir nicht ...
Zuletzt gab man noch Benno für seinen wiener Aufentalt allerlei gute Ratschläge ...
Bernhard Fuld warnte vor den Fiakern – Herr von Pötzl, ihm leise ins Ohr raunend, vor den "Spitzln" – Frau Bettina Fuld mit einer leisen Anspielung auf Terschka, über den sie mit ihm einiges gesprochen hatte (staunend und lächelnd; sie lächelte zu Glück und Unglück), vor den Böhmen – Harry vor den immer sehr schlechten Eckplätzen in den Teatern – ja selbst Percival, den der Schlaf übermannte, taute noch einmal auf und äusserte sich ganz praktisch über das Institut der "Hausmeister", das zwar Trinkgelder bedinge, aber den Besitz eines Hausschlüssels überflüssig mache ...
Resi sagte:
Die Hauptsache, Herr Baron, bleibt immer die, dass Sie sich nicht bestehlen lassen! In Wien stiehlt alles! Nicht bloss die Raizen und Rastelbinder – das sind noch die ehrlichsten von allen! Nur draussen in der Vorstadt, aber auch da nur in der alleräussersten, gibt's noch ein bissel Ehrlichkeit! Ganz verlassen könnens "Ihnen" bloss auf die Ungarn! Sonst stiehlt in Wien alles ... Die Raizen stehlen weil sie's brauchen ... Die Italiener stehlen, weil sie die Ehrlichkeit für einen Mangel an Geist halten ... Die Böhmen stehlen, weil sie so wissbegierig sind ... Die Raben entschuldigen sich ebenso ... Die Polen, lieber