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laut sprach, schien es, als wäre dies für alle ein Zeichen, zu schweigen ... Angelika Müller raunte Benno, der an dem Italiener immer mehr Interesse nahm, ins Ohr:

Das ist unsre Armgartins Wienerische übersetzt ... Sie ist natürlichaber bis zur Grobheit einer Küchenmagd ... hören Sie nur! ...

Angelika schien vorauszusetzen, dass es zwischen Benno und Armgart immer noch wäre wie sonst ...

Unter allgemeinem lachen sagte Resi, indem sie von ihrem Teller ein Ragout ass:

Ueberhaupt diese Italiener! ... Nein, die listige Artigkeit erst, mit der er in die Loge kam statt des Dalschefski, bis sich dann seine wahre natur entüllte ... So ist's auch in unserm haus ... Wann der "Obers" zum Kaffee den beiden Herren zu schlecht istund es ist ein Leiden mit der Milch in Wien, nicht wahr, Frau von Zickeles? – so schicken sie zu mir herunter und meine Tante lasst sich regelmässig bestechen, wann sie gerad' oben eine Sonat' von Beetoven spielen hört ... Dann, denkt sie, hat unser guter Dalschefski da die Oberhand, das arme fromme Lamm das ...

Alles lachte ... Dalschefski kicherte, als kraute ihm eine sanfte Handdas Fell ...

Mit unerschütterlicher Ruhe, einer Mumie gleich, verharrte Biancchi unter dem Gelächter und tat, als wenn er überhaupt kein Deutsch verstünde ...

Dalschefski sagte zu Benno, der im Antlitz des Professors Aehnlichkeiten mit Napoleone, Marco Biancchi undOlympien suchte ...

O, sie ist schlimm! ...

Jenny Zickeles stand ihrem Lehrer als einem willenlosen Opfer fremder Intriguen bei, brachte ihm von den speisen und schlug den Flügel auf ...

Der Schwiegersohn des Hauses, Ritter Fuld, schien vor dem Moment des Singens seiner Schwägerin ein Grauen zu empfinden, retirirte sich und zog Benno auf ein Kanapee ins Nebenzimmer ... Seine Gemahlin kam ab und zu ... Sie lachte fast zu viel – "ihrer schönen Zähne wegen", flüsterte Herr von Pötzl schon bei ihrem Eintreten ...

Jenny, ihre Schwester, sang indessen eine majestätische Arie von Caraffa ... Biancchi schlug die Noten um ...

Benno betrachtete in den Pausen, die ihm Ritter Fuld gewährte, den Italiener ... Es musste der "Onkel" Olympiens sein ... Nur etwas Ausserordentliches hatte diesen Feind der deutschen Sprache und Kunst ins Burgteater ziehen können ... Wie sprach er von dem Kind seiner Schwester Lucretia ... War nicht über seine toten Mienen ein plötzliches wildes Erzittern gekommen? ...

Die Arie endete natürlich mit grossem Applause ... Auch Resi und Dalschefski klaschtenum alles wieder gut zu machen ... Herr von Pötzl war Fanatismo und zog auch Benno in die Wirbel und Strudel seiner Bewunderung, ob er gleich ihm hinterher leise ins Ohr ein: Pitoyable! raunte ...

Jenny stand am Piano und hielt die Hand ihres geliebten Maestro mit einer Zärtlichkeit, als wollte sie sagen: Du mein Licht, meine Sonne, du Ursache meines höhern Seins, du Erkenner und Bildner meiner unvergleichlichen stimme! ...

Signore parla italiano –? fragte sie, um dem geliebten Professor das Gespräch zu erleichtern ... Denn Benno musste sich jetzt dem Sonderling nähern, dessen Empfindungen er vielleicht nur allein hier verstand ...

Dieser blieb so kalt wie Eis ...

Benno fragte ihn in seiner Sprache, ob er die italienischen Herrschaften, die ihn heute ins Burgteater gezogen hätten, schon aus Rom gekannt hätte? ...

Jetzt blitzte über das gelbe Antlitz ein heller Lichtschein ...

Nein, mein Herr, erwiderte er trocken. Einmal diese Leute gesehen zu haben, ist schon zu viel ...

Lieben Sie so wenig Ihre Landsleute? entgegnete Benno ...

Diesen Principe Rucca? ... sprach Biancchi. Haben Sie das schwarze Pflaster gesehen? Der junge Affe hat sich wahrscheinlich den Kopf an einer Fensterscheibe zerstossen und geht nun mit einem Pflaster ins Teater, um Oesterreich glauben zu machen, ein solcher Italiener könnte ein Duell gehabt haben ...

Benno erzählte die Ursache der Verwundung, nannte die junge Gräfin Maldachini und sah das Auge des Italieners unter seinen schwarzen Brauen immer mehr hin- und herzucken ...

Ja mit Bestien muss die spielen! ... sagte er und fixirte Benno mistrauisch, als müsste er Anstand nehmen, sich ganz auszusprechen ...

Dalschefski horchte gleichfalls schlau ... Beide Männer schienen in ihrem innersten Wesen noch etwas anderes zu sein, als was sie hier vorstellten ...

Benno erkannte immer mehr, dass er wirklich Luigi Biancchi, den dritter der römischen Flüchtlinge, vor sich hatte, in deren Familie sich Hedemann hineinheiraten wollte ...

Jenny war überglücklich, die neue Bekanntschaft des Hauses sofort mit Biancchi so eng verbunden zu sehen ...

Wie beide ihr der Hitze wegen in ein Nebenzimmer folgen sollten, Benno auf eine Bestätigung des Ursprungs der Gräfin Maldachini gefasst sein konnte, unterbrach Resi, die gefolgt war, die zur nähern Verständigung einleitende Frage Benno's: Haben Sie nicht Verwandte, die in Frankfurt am Main und London leben? ... mit den deutschen Worten:

Der hat gar keine Verwandte! Der ist in Italien auf einem Holzapfelbaum ganz für sich allein gewachsen!